Faszination Fels und Eis

Petra Rapp

Fotos: Andreas Jacob

Die beiden himmeblau-Andis alpin unterwegs in der Gletscherwelt der Zillertaler Alpen.

Weiß leuchtet es ins Tal. Gletscher sind zwar leider nicht mehr das, was sie früher  einmal waren – mächtige, fast unnahbare Eismassen – dennoch haben sie immer noch ihren ganz eigenen Reiz, eine ganz besondere Anziehungskraft. Auch auf uns! Nach unzähligen Touren im Kaiser und auf diversen Klettersteigen wollten wir aus den Kinderschuhen des Bergsteigens schlüpfen und alpines Neuland erkunden. Weißes, eisiges Neuland. Gletscher!  

Natürlich nicht ohne professionelle Unterstützung. Bergführer Michi von Mountain Elements sollte sich mit uns auf den Weg in die Zillertaler Gletscher- und Kletterwelt machen, in eine für uns neue Dimension des alpinen Sports. Wir zwei himmeblau-Andis sind schon seit geraumer Zeit in den Bergen unterwegs. Am Anfang standen einfache, heimische Tourenklassiker wie Heuberg und Kranzhorn im Inntal auf dem Programm. Es folgten Mehrtagestouren über den Berliner oder Stubaier Höhenweg. Doch immer öfter zogen die weißen Schneefelder hoch oben auch im Sommer unsere Blicke auf sich. Letztes Jahr war dann der Zeitpunkt gekommen, den Blicken auch Taten folgen zu lassen. An drei Tagen sollten wir lernen, wie es wirklich dort oben aussieht, wie man mit dem Seil umgeht, kurzum, wie man eine – unser erste – Hochgebirgs-Klettertour besteht.  

Wir treffen uns frühmorgens in Bad Aibling, um als erstes zur Berliner Hütte (ca. 800 hm) aufzusteigen. Dort wird uns Michi nachmittags in die Welt der Knoten und der losen Rollen einweisen. Tags darauf steht der Aufstieg zum Rossrugg (ca. 1.400 hm, Auf- & Abstieg) mit leichter Kletterei im Schwierigkeitsgrad 3, danach der Abstieg über den Waxeggkees zurück zur Berliner Hütte auf dem Plan. Als sportiver Höhepunkt wartet am letzten Tag die Zsygmondispitze (Schwierigkeit 4, 1.000 hm Aufstieg, 2.000 hm Abstieg). 

Damit es beim Aufstieg nicht so grau in grau ist, bringt Michi einen Regenbogen-Regenschirm mit, den wir eine Woche später wieder hinunter tragen dürfen, weil er ihn oben vergisst. Wir vermuten scherzhaft, das hat er mit Absicht gemacht, damit wir bald wieder auf die Berliner Hütte steigen und die neu gelernten Knoten anwenden. 

Bei einem gemütlichen Weißbier und mit einer Seelenruhe, die ihresgleichen sucht, weist uns Michi also am ersten Nachmittag in die hohe Kunst der Knoten ein. Die nächsten drei Tage sollten wir dann ständig über Halbmastwurf, Achterknoten und Spierenstich philosophieren und in jeder freien Minute irgendwelche Seile aneinanderknoten. Man vergisst das ja sonst wieder so schnell. 

Am nächsten Morgen um 5 Uhr: Thermofrühstück. Noch ist es grau draußen. Wir machen uns über die nasse und zusammengebrochene Brücke auf den Weg Richtung Rossrugg. Die rutschigen Holzbretter machen es nicht unbedingt einfach. Aber das soll es ja auch nicht sein. Noch bevor wir die erste Pause machen, reißt es auf und das Wetter gleicht sich unserer guten Laune an. Ein toller Abschnitt über den Grat steht uns bevor und wir genießen den Weg. Nach gut vier Stunden erreichen wir endlich den Gipfel. Auf dem Weg hinunter wartet die erste Gletscherbegehung. Mit Steigeisen. Michi erklärt uns, wie das am besten geht: Man soll gehen wie ein Cowboy, der die Hosen voll hat. Das soll einen davor bewahren, sich mit den spitzen Eisenzacken die Hose aufzureißen. Sagen wir mal so: Früher oder später passiert einem das trotzdem immer mal wieder. Gesichert und angeseilt machen wir uns an den Abstieg. Es ist schon ein ordentlicher Hatsch, den wir zurücklegen müssen. Um das Ganze etwas aufzulockern, seilt uns Michi in eine Gletscherspalte ab, um uns dann  – mit schelmischem  Grinsen im Gesicht – wieder herausklettern zu lassen. 

Abends in der Hütte lassen wir den Tag bei einer zünftigen Brotzeit noch einmal Revue passieren. Um fünf Uhr morgens brechen wir am nächsten Morgen wieder auf, allerdings diesmal ohne den wolkenverhangenen Himmel vom Vortag. Unser Ziel: die Zsygmondispitze (3.089 m), ein absoluter Klassiker im Zillertal. Der Zustieg über die Schneefelder ist etwas mühsam. Zudem hat es über Nacht geregnet und die Temperaturen haben etwas angezogen, sodass wir auf leicht vereistes Gelände treffen. Wir sind aber vor allen anderen am Anseilplatz und können uns beim Aufstieg Zeit lassen. Michi sichert uns sorgfältig und strahlt wieder eine unheimliche Ruhe und Sicherheit aus, als wir über ein, zwei unangenehm vereiste Stellen klettern müssen. Nach rund dreieinhalb Stunden haben wir es geschafft. Wir stehen oben am Gipfel, mutterseelen-zu-dritt, bei absolutem Traumwetter. Ein intensiver Augenblick, der sich uns einprägte. 

Um den Abstieg etwas angenehmer zu gestalten, wählt Michi eine Route, bei der wir möglichst lang durch steile Schneefelder absteigen oder besser gesagt, abrutschen können. Das tut gut, denn 2.000 Höhenmeter im Abstieg sind trotz Trainings eine Herausforderung für die Kniegelenke. Gegen 14 Uhr kommen wir wieder an der Berliner Hütte an und freuen uns riesig auf die obligatorische Kaspressknödelsuppe – der Mensch ist halt ein Gewohnheitstier. Danach packen wir die Rucksäcke und nehmen die letzten 800 Höhenmeter zurück nach Ginzling, das auch unser Startpunkt war, im leichten Laufschritt. Im Gepäck zwei für uns sehr eindrucksvolle Gipfelerlebnisse und viele neue Erfahrungen in Fels und Eis. Nicht zu vergessen die  neue Bekanntschaft zu einem Bergführer, mit dem wir uns sehr gerne wieder auf den Weg machen werden.

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