Faszination des Urklangs

Axel Effner

Fotos: Axel Effner

Zwei Gongspieler aus Bergen und Aschau schwören auf die heilsamen und erstaunlichen Wirkungen eines jahrtausendealten Instruments.

Mit seinem tiefen Brummen, dem hellen Wispern oder einem kreischenden Donner erscheint er manchem wie ein vieldeutiges Wort aus dem Mund des Schöpfers selbst. Am Anfang war das Wort, heißt es in einem der berühmtesten Bücher der Welt. Man könnte auch sagen: Am Anfang war der Klang, vielleicht so ähnlich wie ein Gong. Allein das Wort dieses uralten Instruments ist eine einzige Lautmalerei.

Von allerlei Mythen und Geheimnissen umgeben, liegt der wahre Ursprung des Gongs im Dunkeln. Ob er als Signalgeber und Ritualinstrument nun von Südostasien oder von China aus die Welt eroberte, ist unklar. Manche machen seine Ursprünge auch im alten Griechenland fest. Dort wurde ein „Echeion“ genanntes Instrument in Zeremonien benutzt, um zum Höhepunkt den Donner der Götter anzukündigen.

Das gegenwärtig wachsende Interesse an Gongs gründet in seinem erstaunlichen Wirkungsspektrum bei Konzerten, bei Schmerz-, Klang- und Entspannungstherapien oder bei der Begleitung Sterbender. Immer wieder fasziniert von der Wirkung seines Gongspiels auf andere Menschen ist Wolfgang Sengeleitner. Der 62-jährige Künstler aus Bergen hat sich im Obergeschoß seines Ateliers einen regelrechten „Klangdom“ mit einer Klangliege ganz besonderer Art eingerichtet. Seit über 20 Jahren beschäftigt er sich mit allen Facetten des Gongs, hat bundesweit über 40 Konzerte gegeben, eine CD aufgenommen und sich bei Experten weitergebildet.

Wie bei einem Hochbett hat er im „Klangdom“ eine integrierte Holzkonstruktion entworfen, in der sich unten unterschiedliche, an Schnüren aufgehängte Gongs und Klangschalen wie beim Tanz spielen lassen, während der darüber liegende Klient in ein Klangbad ganz besonderer Art eintaucht.

„Es ist, als ob sich mit dem ersten Ton des Gongs ein besonderer Raum öffnet“, erklärt Sengeleitner, „in dem unsere ganze Innenwelt in Schwingung und Resonanz gerät“. Dass Gongs den Zugang zu sonst tief verschlossenen Gefühls- und Erfahrungswelten öffnen, mag nicht verwundern.

Organisch betrachtet gibt es eine direkte Verbindung von den Hörkanälen zum Limbischen System – dem Gefühlszentrum im Gehirn. So kann das Klanginstrument Zwänge, Ängste und Blockaden lösen, die Lebensenergie stärken und Menschen wieder in ihre Mitte bringen. Manche geraten beim Spiel des „Instruments der Götter“ sogar in einen Zustand totaler Entspannung. Sie fühlen sich wie losgelöst von ihrem Körper oder ganz tief in ihm verankert.

„Das Faszinierende ist, dass der Gong ein Ganzkörpererlebnis beschert“, berichtet Sengeleitner weiter. „Man hört den Klang mit den Ohren, spürt ihn aber auch im Bauch und überall. Es ist, als ob man mit einem Magneten über Eisenspäne geht und sich alles neu ausrichtet.“ Das Verblüffende: Selbst nach Ende des Klangbads schwingt der Ton noch nach. Ebenso erstaunlich: Spezialisten der Gongtherapie wollen aus den Obertönen im Zusammenspiel mit Klienten sogar heraushören, welche Organe im Körper geschwächt bzw. „falsch gestimmt“ sind.

Durch seine vom Zen inspirierten Materialbilder und Skulpturen sowie Meditationsangebote mit Klang und Stille versteht es Sengeleitner, die Wirkungen des Gongspiels noch zu verstärken. Gefragt sind ebenso individuell abgestimmte Klangmassagen.

Gongs gibt es in vielerlei Größen, Formen, Materialien und Ausführungen. Während die kleinsten nur gut 20 Zentimeter Durchmesser haben, bringt es der derzeit größte auf sieben Meter. Es gibt geschmiedete, gewalzte, gegossene oder geprägte Gongs in unterschiedlichen Metalllegierungen.

Besondere Virtuosität erfordert dabei das Umlegen des Gongrands durch Erhitzung in Verbindung mit gezielten Zieh- und Treibschlägen. Ebenso knifflig ist die Bearbeitung der Stimmfläche, die die endgültige Klangmischung aus Grundton und Obertönen bestimmt.

Fasziniert vom Klang des aus Erde und Feuer geborenen Klanginstruments ist auch Christan Bestle, der in Aschau im Chiemgau lebt. Sein Opa war Dorfschmied, der Vater Schlosser. Von daher war dem 42-Jährigen die Faszination für Metall bereits früh in die Wiege gelegt. Als Student gelangte er nach Reisen nach Australien und Hawaii in Musikerkreise und spielte als Virtuose auf dem Didgeridoo.

„Ebenso wie das Holzinstrument der Aborigines gehört auch der Gong zu den Urinstrumenten. Durch ihren Reichtum an Obertönen und einem nahezu unendlichen Frequenzspektrum wirken diese Klangkörper sehr tief. Das fasziniert mich sehr“, gesteht der Aschauer.

Aus der Faszination vor zehn Jahren auf dem Münchner Tollwood-Festival ist inzwischen eine echte Passion für Gongs geworden. In einem idyllisch gelegenen Haus mit großem Garten im Aschauer Tal betreibt Bestle heute seine Klangwerkstatt mit Ausstellungsraum und organisiert von hier aus Konzerte, Workshops und Messebesuche. „Es ist mir ein Anliegen, besonders geschmiedete Unikate und ihre Wirkungsweisen an die Menschen weiterzugeben“, erzählt er.

Besonders gefragt sind auch seine Gong-Seminare. „Ich sehe mich quasi als Stressberater und Klangcoach. Hier bietet sich die einmalige Gelegenheit, im Einklang mit der Natur, allein und zusammen mit anderen in die Klangwelt der Gongs einzutauchen“, erklärt der Aschauer. Die Teilnehmer lernen Anspielvarianten mit Schlegeln und unterschiedlichen Anreibeklöppeln kennen und lauschen fasziniert, wie sich dröhnender Donner und lautes Kreischen, zartes Wispern und leises Flüstern ausbreiten.

Beim Spiel vor einem gewaltigen Tam Tam mit roh belassenem schwarzen Rand und Zentrum hält Bestle kurz inne, während der unterirdisch tiefe Klang dem Zuhörer eine Gänsehaut beschert und nachklingt. Es ist kein Wunder, dass Gongs viele Menschen berühren. Große Klangkörper rufen zur Ruhe und sorgen für innere Stille und Entspannung. „Gleichzeitig berühren die kraftvollen, einnehmenden Klanggebilde etwas Tiefes, Verborgenes in uns. Was bleibt beim Gong ist ein letztes Geheimnis“, sagt der Virtuose. Und holt aus zum nächsten Schlag.

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