Faszien: Mehr als nur das Bindegewebe?

Daniel Gärtner

Fotos: Daniel Gärtner

Blockaden lösen und Schmerzen lindern

Früher wurde die Faszie noch als passiver Bindegewebeschlauch bzw. als Hülle für die Muskeln bezeichnet, ohne weitere Funktionen. Seit etwa sechs Jahren versucht die aktuelle Forschung die Funktionsweise und das Potenzial der faszialen Strukturen genauer zu durchleuchten. Heute weiß man, dass die Faszien in zusammenhängenden Bahnen den gesamten Körper durchziehen und Strukturen wie eine Matrix miteinander verbinden. Dabei steht die Wissenschaft dahinter noch ganz am Anfang. Interessant ist jedoch, dass die Behandlung der Faszien durch Schaumstoffrollen und Co in der letzten Zeit enorm zugenommen hat. Jeder Sportler, der etwas auf sich hält, rollt mit der Faszienrolle und behandelt sich selbst. Es schießen immer wieder neue und nicht ganz billige Produkte aus dem Boden und das Faszientraining boomt. 

Objektiv betrachtet sind aber all die neuen Trends unter diesem modernen Deckmantel keine Revolution, denn die Physiotherapeuten und Masseure behandeln im Grunde schon immer die Faszien, die im Alltag oft verkleben und Verspannungen hervorrufen. Dabei gibt es unterschiedliche Methoden und Ansätze, die Faszie zu behandeln, welche von manuellen Techniken bis hin zum eigens konzipierten Faszientraining reichen. Dies stellt allerdings keine wirkliche Revolution dar. Was in vergangener Zeit vor allem im Leistungssport und in der Therapie als Standard galt, ist in der Fitnessbranche heute „ultramodern“ und wird mit dem Stempel „Faszien“ versehen. Plötzlich wird einem funktionellen Kraft- oder Beweglichkeitstraining eine positive Wirkung auf die Faszienbahnen unterstellt. Dabei fehlt es häufig an repräsentativen Studien. 

Kritische Therapeuten, Trainer und Sportwissenschaftler stellen sich an dieser Stelle die Frage nach dem Sinn und Unsinn der aktuellen Fitnesstrends auf diesem Gebiet. Viele dieser Faszienmethoden sind beispielsweise nur schwer von der seit rund 70 Jahren bekannten „Propriozeptiven Neuromuskulären Fazilitation“ (PNF) abzugrenzen, bei der dreidimensionale physiologische Bewegungsabläufe trainiert werden. Aber ob die Faszien auch wirklich durch diese Anspannungs-Entspannungs-Muster über miteinander verbundene Muskelschlingen hinweg beeinflusst werden, kann seitens der Wissenschaft aktuell nicht bestätigt werden. 

Was man aber heute schon weiß, ist die Tatsache, dass sich in den Faszien wichtige Rezeptoren befinden, die Rückmeldung über die Lage und Ausrichtung des Körpers im Raum, Gelenkstellungen und Bewegungen liefern. Sind die Strukturen also verspannt, können wir unseren Körper nicht mehr so gut spüren und kontrollieren. Das eigene manuelle Bearbeiten der Faszie durch „Self-Myofascial Release“ (SMR) mit einer Schaumstoffrolle gewinnt daher an Bedeutung. Dadurch kann man so genannte „Hartspann“-Blockaden und Crosslinks, sprich Verklebungen der Faszien, lösen. So können die Muskeln innerhalb dieser Strukturen wieder frei arbeiten. Außerdem können dadurch auch Schmerzen, die eben durch diese Verhärtungen entstanden sind, behandelt und gelindert werden. Eine solche Faszienbehandlung macht als Ergänzung zum Sport großen Sinn, darf aber nicht mit dem Dehnen über einen Kamm geschert werden. 

Tipps fürs Faszientraining:

• Man sollte in Bezug auf den Faszientrend kritisch und objektiv bleiben, denn vieles was die Fitnessbranche verspricht, ist heute noch nicht wissenschaftlich geklärt.

• Die Kombination von Dehnungsübungen und  Selbstbehandlungen mit der Schaumstoffrolle macht großen Sinn und verbessert die Beweglichkeit

• Ein Ausrollen mit der Schaumstoffrolle vor dem Sport sollte durch schnelle und kürzere Rollbewegungen erfolgen. Dadurch wird das Gewebe aktiviert.

• Ein Ausrollen mit der Schaumstoffrolle nach dem Sport oder zur Entspannung zwischendurch sollte durch langsame und weite Rollbewegungen erfolgen.

Mehr dazu:

www.your-best-body.de

 

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