Fast wie in Kanada

himmeblau Redaktion

Text/Fotos: Markus Wössner

Ob mit dem Bike oder per pedes – unweit des Chiemsees gibt es eine spektakuläre Flora und Fauna zu entdecken, wie man sie nur selten in Europa findet. Die Eggstätter und Seeoner Seenplatte bieten Natur und Kultur pur.

Chiemseeufer, Aiterbach, Schafwaschener Bucht: Wo meine Blicke idyllisch schweifen, übers Bergland zu Hochplatte und Kampenwand bis hin zu den am Steg vertäuten Schiffen, exakt dort fand das „Bayerische Meer“ am Ende der letzten Eiszeit bei weitem noch kein Ende. Vor 10.000 Jahren war der Chiemsee dreimal so groß, umfasste stolze 240 Quadratkilometer.

Heute beginnt ein wenig weiter nördlich ein opulentes Seenparadies um die beiden Seenplatten der Ortschaften von Eggstätt und Seeon. Abseits des Chiemsees gilt diese Landschaft als bedeutendste Eiszerfallslandschaft des gesamten Alpenvorlandes. Sage und schreibe 25 Seen zählen die Eggstätter und Seeoner Seen. Und dabei sind kleinere Teiche nicht mitgerechnet.

Als dereinst Inn- und Chiemseegletscher zusammenstießen, formten sich unterirdische Eislinsen. Jahrhunderte lang andauernde Schneeschmelze ließ den Boden darüber einbrechen. Toteislöcher waren so entstanden. Sie füllten sich mit Grundwasser ohne überirdischen Zufluss. Und wurden so zur spektakulären Seenvielfalt, durch die wir heute durchirren können. Eingebettet in ein schillerndes Mosaik aus Moor, Sumpf, Wald und Wiese. Ein wahrhaftes Labyrinth. Selbst für die Kenner alles andere als leicht zu durchforsten!

Landschaftsliebhaber, Geologen und Ornithologen freut dies Naturwerk gleichermaßen. An Verlandungszonen mit üppigem Schilfbestand tummelt sich eine schier grenzenlose Vielfalt an Flora und Fauna, wie sie nur an wenigen Plätzen ganz Europas zu finden ist. Mehr als 1.300 Pflanzen- und 300 Vogelarten kann man hier erspähen. Kein Wunder, hier eines der ältesten Naturschutzgebiete Bayerns vorzufinden. Umso erstaunlicher, nun hie und da jüngst Probebohrungen nach Erdgas womöglich legitimiert zu wissen.

Die offiziellen Pfade dieser Region verlocken umso mehr zu Erkundungstouren. Egal ob per pedes oder auf dem Bike. Abseits der vielen kleinen Gewässer breitet sich ein pures Durcheinander von kantigen Hügeln mit schroffen Kurzanstiegen und sumpfigen Senken aus. Wer glaubt, diese Gegend ist überwiegend flach, wird am Ende mancher Tour bei erfolgreicher Querung einiger Moränenwälle doch recht erstaunt sein, was so am Höhenmesser abzulesen steht.

Und was die Vielfalt der Pfade selbst im Untergrund anbelangt: Die schier unzählbaren Wege von Beerensammlern, wurzelübersäte Uferpfade oder serpentinengleiche Lichtungsquerungen entpuppen sich als Trails der absoluten Extraklasse. Man sollte wissen, wo sie wie wohin verlaufen – so mancher Pfad ist schlicht ein Mysterium.

Speziell der technisch orientierte Mountainbiker findet juchzend hier sein El Dorado. Und wähnt sich speziell im Frühjahr in „Klein-Kanada“, denn der Blick auf die schneebedeckten Chiemgauer Alpen inmitten dieses Seenzaubers erinnert oft an eine fremde Welt. Und doch ist sie spannende, stets neu entdeckenswerte Heimat pur. Heimat mit Kultur.

Zwischen vielen Streuwiesen entdeckt man so manchen markanten Itakerhof: Die fürs Chiemgau charakteristischen, mächtigen mehrstöckigen Haustypen mit angrenzender Scheune ragen oft an manchem Weiler auf. Mannigfaltig vorhandene Skulpturenwege laden ein, viele kleine, liebevoll gestaltete Marterl zu entdecken. Allgegenwärtig präsent dagegen auch die zahlreich aufgestellten, unverkennbar lebensfrohen, übergroßen gusseisernen Werke des Bildhauers Heinrich Kirchner.

Das malerisch gelegene, scheinbar unzugängliche Schloss Hartmannsberg empfängt zu Ausstellungen und Kammerkonzerten, ebenso das weit bekanntere Kloster und Schloss Seeon, das als Kultur- und Bildungszentrum des Bezirks Oberbayern auf der Halbinsel des Klostersees thront, einst von Haydn und Mozart besucht.

Wer hier reichlich Hunger bei derlei Kultur in Natur verspürt, kommt lukullisch nicht zu kurz: Die Seenplatte deckt den Tisch reichlich mit Fisch. Ob Räucherfisch oder frisch zubereitet Renke und Saibling, gebraten, gegrillt (am besten am Steckerl) – die Region hat natürlich auch hier sehr viel zu bieten.

Entdeckt man schließlich in Hemhof am westlichen Teil der Seenplatte „die Berta“, eines der ältesten Wirtshäuser im Freistaat, lockt als Belohnung neben einer zünftigen Brotzeit wohl das süffige Kulturgut Bayerns schlechthin, das einst die Benediktiner frohlocken ließ – gebraut nach dem Reinheitsgebot. Was für eine Insel der Glückseligkeit...!

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