Fast vergessene Instrumente

Julia Schuster

Fotos: Andreas Jacob

Alois Blüml baut und repariert alte Drehorgeln und Leierkästen

Drehorgeln, Ziehharmonikas, Grammophone, bunte Gläser, Vogelkäfige, gerahmte Fotos vergangener Zeiten und eine ganze Menge Noten. Betritt man Alois Blümls Ausstellungsraum, fühlt man sich wie in einem Keller oder Dachboden voller alter Schätze. Überhaupt kommt man sich auf dem über 150 Jahre alten „Zacherlhof“ in Grassau vor als wäre man mal eben in die Vergangenheit gereist. Statt an einer Türklingel läutet man an einer alten Kuhglocke. Jedes Zimmer des Hofes wird mit Holzöfen geheizt. Einen Fernseher oder Computer gibt es nicht. Man ist beinahe verwundert, dass elektrisches Licht vorhanden ist und die Räume nicht mittels Kerzen oder Öllampen erhellt werden.

Der „höchstens 75-Jährige“, so verrät Blüml mit einem Augenzwinkern, baut und repariert als einer der Letzten seines Standes Drehorgeln aller Art. Die Begeisterung für seine Arbeit ist ihm deutlich anzumerken, wenn er fröhlich pfeifend in seiner Werkstatt steht oder voller Stolz seine Drehorgeln vorführt. Zu jedem Stück weiß er eine detailreiche Geschichte zu erzählen. Er hat geschafft, wovon viele ein Leben lang träumen. Denn er hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht.

Dabei ist der geborene Trostberger eigentlich gelernter Koch und Konditor. Nach seiner Ausbildung auf der Herreninsel im Chiemsee und in Traunstein sollte er 1958 als Gebirgsjäger tätig werden, doch da er sich weigerte, wurde ihm mit Haft gedroht. Die einzige Möglichkeit, dem zu entgehen, war: auszuwandern. Dies tat Blüml dann auch. Innerhalb einer Woche hatte er das Land verlassen und ging in die Schweiz. Hier wurde ihm eine Stelle als Küchenchef auf den Bermudas vermittelt, wo er die nächsten vier Jahre seines Lebens verbrachte bis er weiter nach Hawaii reiste. Dort arbeitete er erneut als Küchenchef eines Hotels. Er bat den Geschäftsführer um zwei Gehilfen und neuere Küchengeräte, doch dieser lehnte seine Bitte ab. Alleine und mit veralteten Geräten war die ganze Arbeit aber nicht länger zu bewerkstelligen. Also kündigte Blüml und fuhr nach Honululu. Von dort reiste er über Neuseeland und Australien bis nach Nordindien, wo er sechs Wochen in einem Kloster kochte. Die Bewohner dort waren aufgrund ihrer schlechten Ernährung alle erkrankt, aber dank Blümls gesunden Kochkünsten konnten sie wieder genesen. Weiter ging die Reise über Kambodscha, Thailand und Japan. Schließlich landete der Oberbayer in Vancouver, von wo aus er drei Monate durch Amerika bis nach Mexiko City fuhr.

Mit 26 kehrte er zurück nach Deutschland. Dort eröffnete er zusammen mit seiner Frau Ingrid das Hotel und Café Blüml in Inzell. Als Firmenwagen kaufte er sich zu Marketingzwecken einen alten Rolls Royce. Die Inzeller hielten ihn für verrückt, aber der damalige Gastronom blieb stur und ließ sich die Freude an seinem Oldtimer nicht verderben. Das Hotel lief sehr gut, doch die viele Arbeit und der damit verbundene Stress bedeuteten kaum Freizeit für das Ehepaar.

Bei ihrer ersten gemeinsamen Reise, ihrer Hochzeitsreise nach Paris, entdecke Alois Blüml schließlich auf einem Flohmarkt hinter dem Sacre Coeur eine kleine Kiste. Es war eine kaputte „Amorette“, welche 650 Mark kostete. Obwohl sie somit kaum noch Geld für den restlichen Urlaub hatten, musste er sie einfach haben. Also kaufte er die Drehorgel, denn er wollte sie unbedingt reparieren. Kaum zuhause angekommen, begann der damals 33-Jährige also, dem eigentlich schrottreifen Stück mit viel Geduld und Kleinstarbeit wieder Leben einzuhauchen. Irgendwann hatte er es schließlich geschafft. „Wenn eine Orgel vorher eine alte Schrottkiste war, ich sie repariert habe und sie wieder gut geht, ist das für mich die größte Freude“, erzählt der sympathische Grassauer. Und so begann seine Leidenschaft für seinen späteren Beruf.

Blüml arbeitete noch einige Jahre in der Gastronomie. Als er eines Tages einen Sandler in Salzburg traf und dieser ihm erzählte, dass es ihm als Kapitän bei der Donauschifffahrt nie so gut ging wie jetzt als Landstreicher, beeindruckte diese Lebenseinstellung ihn so sehr, dass er beschloss, sein Café zu verpachten und sich ganz dem Drehorgelbau zu widmen. Mitte der 80er Jahre kaufte und renovierte das Ehepaar den „Zacherlhof“. Endlich konnte sich Blüml seine langersehnte Werkstatt einrichten und sich seiner Leidenschaft widmen.

Nach und nach eignete er sich in mühevoller Tüftelarbeit die technischen Eigenschaften der verschiedensten Leierkästen an. Aus Leder, Sperrholz und Pappe fertigt er einen Blasebalg, baut Ventile und selbst die Tonscheiben. Dafür hat er seine ganz eigene Technik entwickelt. So sitzt er des Öfteren an seinem Klavier mit seiner selbstgebastelten Maßscheibe auf dem Schoß und überträgt die verschiedensten Kompositionen auf die Lochplatte. „Es macht mir Spaß, auch mal aktuelle Melodien, etwa von Stevie Wonder oder den Beatles, auf die Drehorgel zu übertragen“, erzählt der Musikliebhaber. Schon über 80 Lieder hat er so bereits bearbeitet. Eine Auswahl von gut 500 Originalen traditioneller Melodien wie beispielsweise dem Zillertaler Hochzeitsmarsch hat er natürlich auch auf Lager, die in millimetergenauer Maßarbeit per Stanzscheibe auf neue Platten übertragen werden.

Mittlerweile zählt er zu den letzten wenigen Experten dieses Handwerks. Um dieses vor dem Aussterben zu bewahren, gibt er sein Wissen gerne weiter. So hat er schon zwei Lehrlinge in die Geheimnisse des Drehorgelbaus eingeweiht und ausgebildet. Sammler und Museen aus Europa, ja teils sogar aus Amerika zählen zu seinen Kunden. Doch er repariert nicht nur oder baut Drehorgeln nach, er entwickelt auch ganz neue Instrumente. So hat er beispielsweise einige kleine Fachwerkhäuschen gebaut, deren Türen sich zur Musik öffnen und den Blick auf tanzende Püppchen freigeben. Hierbei kann auch seine Ehefrau kreativ mitarbeiten, welche die Kulissen für die Tanzenden malt. Die Mechanik dieser sogenannten „Tanzorgeln“ ist der Ziehharmonika „Tanzbär“ nachempfunden. Das Besondere am „Tanzbären“ ist, dass man dieses Akkordeon spielen kann, ohne es je gelernt zu haben.

Auch die beiden Kinder des Ehepaares sind künstlerisch begabt. Während der Sohn in der Onlinewerbung tätig ist, arbeitet die Tochter in Berlin als Skulpturenhauerin. Besonders stolz erzählt Blüml von seinem dreijährigen Enkel, der aufgrund seiner musikalischen Begabung schon als Opas Nachfolger gehandelt wird. Mit Begeisterung spielt der kleine Mann bereits die Drehorgel und singt dazu.

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