Familienband(e)

Christian Topel

Jörg Müller mit Zoë (links) und Norah
Fotos: Andreas Jacob

Die Spielfreude war dem Pianisten Jörg Müller fast gänzlich verloren gegangen. Dann begann er, Norah und Zoë zu begleiten.

Das vielbesungene Künstler-Gen: wenn’s nicht ein gar so inflationär verwendetes Etikett wäre – dieser Patchworkfamilie müsste man es anheften; dass sie ihre künstlerische Ader in den verschiedensten Konstellationen gemeinsam auf der Bühne ausleben, erschwert es obendrein, auf sich geradezu aufdrängende Phrasen zu verzichten. Zumal die beiden Äpfelchen Zoë Rucker und Norah Müller wahrlich nicht weit vom Stammbaum fallen, wie ich kürzlich beim Besuch eines ihrer Konzerte erleben durfte.

In Rosenheims legendärer Jazz-Kneipe Le Pirate covern die Schwestern – begleitet von Jochen Enthammer am Schlagzeug und (Stief)-Papa Jörg Müller am Piano – an diesem Abend Songs aus der aktuellen und älteren Rock- und Popszene: Adele, Pink, Zaz oder die Beatles, Balladen aus dem „König der Löwen“, „LaLaLand“ oder „A star is born“. Ein Programm, das die Spotify-Listen junger Leute widerspiegelt und das sie daheim auch ohne Publikum inbrünstig trällern – beim Ausräumen der Geschirrspülmaschine zum Beispiel, behaupten die Damen jedenfalls, als sie Elle Kings „Ex’s & Oh’s“ ankündigen. Ein herrlicher Moment, ernten sie doch glatt ein heiteres Hüsteln aus den hinteren Reihen (ehe nach der Nummer begeisterter Applaus aufbrandet). Die da so vorlaut in die Moderation hineinhüstelt, ist Claudia Rucker, die Mutter der Mädchen, die sich den kleinen Seitenhieb auf die wohl nicht immer hundertprozentige Unterstützung im Haushalt nicht verkneifen kann – genauso wenig wie ich mir ihretwegen eine weitere Floskel: Denn Rucker ist selbst kein unbeschriebenes Blatt in der regionalen und überregionalen Musiklandschaft.

Foto: Michael Wagner

Mit fünf bekommt die Tochter zweier Amateur-Musiker erstmals Klavierunterricht. Übt sie zuerst auf einem von ihrer auch als Lehrerin fungierenden Großtante gebastelten Pappinstrument, kaufen die Eltern bald ein echtes Klavier. Das nutzen sie gleich auch zur Begleitung, wenn der Vater Mandoline spielt oder die Mutter Opernarien schmettert. Im Alter von 14 Jahren beendet Rucker zwar die klassische Klavierausbildung, beschäftigt sich aber weiterhin auf eigene Faust mit Kompositionen von Schubert, Chopin, Beethoven und – das darf man sicherlich so sagen – verliebt sich unsterblich in die Musik Leonhard Cohens. So sehr, dass sie als 19-jähriges Au-pair Cohens Geburtsstadt Montreal besucht und jenem unvergleichlichen Songpoeten zu Ehren später sogar eine Band gründet: „Folks play Cohen“. Genau zehn Jahre ist das nun her und sowohl wegen des internationalen Erfolgs als auch wegen der weiteren Besetzung bemerkenswert. Am Akkordeon beziehungsweise Keyboard sitzt nämlich: Jörg Müller.

Der gebürtige Tübinger absolviert nach dem Abitur zunächst eine Lehre als Bänker. Obwohl er sich bei der Klavier- und Jazzpiano-Ausbildung mehr als talentiert anstellt, wäre Müller wohl in einer Bank versumpft, hätten ihm nicht zwei Zufälle in die Karten gespielt. Zum einen ereilt ihn das Angebot, als Musicalpianist tätig zu werden; zum anderen wird just zu diesem Zeitpunkt die ursprünglich auf 20 Monate angesetzte Zivildienstzeit verkürzt. Nur deshalb kann der Nachwuchspianist zusagen, und eine respektable musikalische Karriere nimmt ihren Anfang. Im Laufe der nächsten Jahre spielt Müller Musicals in Sachsen, Thüringen und Hessen, begleitet weltbekannte Stücke wie die „West Side Story“, die „Dreigroschenoper“, „Jesus Christ Superstar“ oder „Die Schöne und das Biest“. Trotzdem, sagt er, habe es 15 Jahre gedauert, bis er sich wirklich als echten Musiker empfand, als Profi. Ein Profi, der irgendwann feststellen musste, dass man es auch mit der Kunst übertreiben kann; dass auch kreative Berufe in einen Burn-out münden können.

Zoë und Norah im Le Pirate

Zunächst herrschte jedoch ein Zustand aus Friede, Freude, Jazz und Rock ’n’ Roll. Nach den anfänglichen Selbstzweifeln begleitet der Pianist nun ein Projekt nach dem anderen – manche bespielt er parallel, manche Gruppierung gründet er selbst. Als Mitglied beziehungsweise Kopf von Bands, Chören und Shows wie „Gospels at Heaven“, „Swing Summit“, der „Catfish Bluesband“, dem Duo „Voice & Piano“ oder der Salsaband „El Reto“ konzertiert Müller in ganz Europa. Er ist an rund 20 CD-Produktionen beteiligt, komponiert die Musik zum preisgekrönten „Aschauer Auferstehungsspiel“ sowie zum Theaterstück „Pankraz von Freyberg“. Und um die Jahrtausendwende kreuzen sich seine Wege dann mit denen von Claudia Rucker.

Die Musiker lernen sich buchstäblich auf der Bühne kennen und lieben. Rucker bringt zwei Töchter mit in die Beziehung, zwei Jahre später bekommt das Paar die Jüngste im Bunde, Norah. Und so viel Humor hat der illustre Reigen, dass ich es so formulieren darf: Das Zusammenleben nimmt fortan fast kelly-familyeske Züge an: Musik liegt quasi ständig in der Luft. Frisurentechnisch gehen es die Patchworker freilich dezenter an (sieht man einmal ab von Jörg Müllers Phase mit waschechter Wallemähne), auch tingeln sie nicht durch Fußgängerzonen. Doch Zoë, die an der Seite ihres leiblichen Vaters, dem Schauspieler Gerd Niedermayer, schon als Kleinkind regelmäßig Bühnenluft schnuppert, und Norah, die im zarten Alter von vier Jahren erklärt, Geige erlernen zu wollen, eifern den Eltern unbewusst nach. Ganz ohne Zwang, dafür mit voller Rückendeckung der Vorbilder, so schwer das manchmal gewesen sein mag. „Mein Gequietsche klang grauenhaft“, erinnert sich Norah mit Schaudern an ihre ersten musikalischen Gehversuche, was Zoë und Jörg Müller mit einem nachsichtigen Lächeln bestätigen. Solche Anekdoten lassen sich heute ganz entspannt erzählen – schließlich sind beide Mädchen mit der Zeit wahre Multiinstrumentalistinnen geworden. Gitarre, Klavier, Querflöte, Ukulele, E-Bass spielen sie zusammengenommen – und spätestens mit der Entdeckung beider Stimmgewalt nahmen Geburtstage, Weihnachten und andere familiäre Feierlichkeiten geradezu den Charakter kleiner Konzerte an.

Jörg Müller

Was könnte angesichts von so viel Talent näher liegen, als vom Parkett privater Wohnzimmer auf echte Konzertbühnen umzuziehen – zum Hubbi beispielsweise, in die kultigste Kneipe des Chiemgaus, oder eben ins Le Pirate. Jörg Müller sagt: „Von allen meinen Programmen genieße ich das mit Norah und Zoë am meisten.“ Und wer die drei live erleben darf, merkt: In dem Satz steckt keinerlei (stief)-väterliche Schmeichelei, sondern tief und echt empfundene Gefühle wie Stolz und Dankbarkeit. Obwohl er der gestandene Profi ist, hält er sich bescheiden im Hintergrund. Er gibt den Stimmen der jungen Sängerinnen Raum. Raum und Rückhalt. „Wir verstehen uns blind“, betont Zoë, die in einer wilden Mischung aus Übermut und Lampenfieber schon mal einen Refrain verpasst. „Mit seiner Erfahrung aus dem Jazz improvisiert der Jörg dann einfach und fängt mich wieder ein“, sagt sie und strahlt den Mentor dankbar an – der wiederum strahlt selig zurück. Schließlich gab es eine Zeit, da konnte Jörg Müller das Musizieren kaum mehr genießen.

Die Schatten legten sich langsam über das Musikerdasein. Damals befand sich die Familie mitten im Hausbau, und Müller fühlte sich in der Pflicht, genug Geld heranzuschaffen. Er musizierte wie am Fließband, halste sich mehr und mehr Projekte auf, bis er irgendwann nur noch unterwegs war – Straße, Bühne, Hotel, Straße, Bühne, Hotel. „Ich hatte keine Zeit mehr, mich zu erden, verbrachte kaum einen Abend daheim“, erzählt der 53-Jährige. Schließlich kam ihm abhanden, was er als essentiell ansieht, um gut und gern Musik zu machen: das Gefühl. Jene Unbeschwertheit, mit der sich die siebzehnjährige Norah und die zweiundzwanzigjährige Zoë auf die Bühne stellen.

Eben, weil sie nicht müssen, sondern weil sie Lust und Spaß daran haben. Dabei wissen die zwei Wirbelwinde gar nicht, ob sie überhaupt eine Bühnenlaufbahn anstreben. Zoë studiert Jura, Norah interessiert sich unter anderem für Psychologie und Film und sagt: „Eigentlich sehne ich mich nach Sicherheit.“ Andererseits sucht sie gerade einen Drummer für ihre Rockband. Und Zoë sagt selten „nein“, wenn sie – mal mit, mal ohne Jörg Müller – für Taufen oder Hochzeiten gebucht wird.

Der Berufsmusiker spricht es nicht direkt aus, aber zwischen den Zeilen klingt schon durch, dass er beiden zutraut, in der Szene Fuß zu fassen. Wenn er mit Norah über die Genialität von Aretha Franklin philosophiert, dann passiert das auf Augenhöhe, von Pianoman zu Soulsister. Und Zoë? An jenem Konzertabend im Le Pirate wagt sie sich an Edith Piafs „Non, je ne regrette rien“. Ein Gänsehautmoment, der auch hätte schief gehen können, angesichts der Größe dieses Stücks Chansonsgeschichte. Jörg Müller macht sich keine Sekunde Sorgen, dass die Stieftochter scheitern könnte, sich je an einem Song verheben. „Zoë“, sagt er, „hat die Stimme, den Sinn für Dramatik und die richtige Energie!“ Und so darf auch diese Floskel nicht fehlen: Wenn diese Familienband die Bühne betritt, springt der Funke über!

Zoë

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