Es werde Licht!

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Ein Ehepaar erzeugt Aha-Erlebnisse rund ums Thema Wohnen und Leben.

Wenn jemandem ein Licht aufgeht, ereilt ihn eine Erkenntnis. Er versteht oder durchschaut etwas, das vorher im Dunkeln, für den Verstand im Verborgenen lag. Bekanntlich begann laut Bibel die Geschichte der Menschheit, ja der ganzen Welt, als Gott quasi das Licht anknipste. Und obwohl es hier nicht um Religion gehen soll, passiert einem genau dies, wenn man die gemeinsamen Räumlichkeiten von „le Tam Tam“ und „Feuer & Stein“ in Altenbeuern betritt. Es geht einem ein Licht auf. Wenn man sich einlässt auf die beiden Gestaltungswütigen, dann ist das oft der Beginn einer Geschichte. Und in dieser Geschichte fallen alle Schranken und Scheuklappen, die einen bisher an der freien Entfaltung und kreativen Gestaltung des eigenen Lebensraums hinderten.   

Vordergründig haben die Eheleute hier im Inntal nur ihre jeweiligen Unternehmen unter einem Dach angesiedelt: Keramikwerkstatt und Interieur sie, Innen- und Außenraumgestaltung er. Doch schon die Örtlichkeit verweist auf vielerlei Arten in – räumlich wie zeitlich – andere, ferne Welten. An Ort und Stelle stand der um 1769 erbaute „Bachlhof“, wo bis zur Mechanisierung der Landwirtschaft auf traditionelle Weise Heu gewonnen, Milch verarbeitet und Stallarbeit betrieben worden war. Das historische Gebäude ist mittlerweile mit Sack und Pack – soll heißen mit Zentrifuge und Butterfass,  Sensen und Heumanndl – ins Freilichtmusem Glentleiten umgezogen. Den stattdessen errichteten Kuhstahl mitsamt Dehner baute „Feuer & Stein“ zusammen mit dem Besitzer Sepp Schneebichler zu einer außergewöhnlichen Plattform rund um das Thema Wohnen aus. 

Feuer und Stein: Das sind für Mario die Quintessenzen von Lebensraum. Nicht selten beginnt seine Arbeit mit der – Zitat – „Feuerstelle“, um die sich seit Urzeiten das Leben schart, um von dort aus ganze Innenräume neu- oder umzuplanen und das Erdachte natürlich auch umzusetzen. „Scheucher“: der Name ist dabei Programm. „Ich scheuche die Menschen tasächlich auf, allerdings im positiven Sinne“, sagt der hochgewachsene Ofenbaumeister und Visionär mit der lockigen Mähne. Bestes Beispiel: das eigene „Büro“. Wo früher Heu lagerte, steigt man heute über eine Stahltreppe in eine Art Loft hinauf, in dessen Zentrum ein quadratischer Kamin aus Schieferplatten und Edelstahl wohlige Wärme verströmt. Hier oben lassen sich in gemütlicher Atmosphäre Arbeitsproben und Entwürfe präsentieren. Angefangen bei Öfen, über  ganze Küchen, Bäder, Läden, Wellnessbereiche, Geschäftsräume oder auch Fassaden und Außenanlagen: die von Mario erdachten Formen und eingesetzten Materialien haben nichts mit architektonischer Stangenware gemein.  

Urtümlich, roh, naturbelassen mag er es am liebsten. Dementsprechend begrüßen im Erdgeschoss des Le Tam Tam graue Betonwände  die Besucher. Bildet oben der Kamin einen Hinkucker, zieht hier unten ein außergewöhnlicher Küchenblock die Blicke auf sich. Nicht nur, dass der meterlange Quader mehrere Funktionen in sich vereint – so kann an ihm gleichzeitig geschnibbelt, gekocht, gespült und gegessen werden – Mario hat ihn obendrein aus heimischem Muschelkalk fertigen lassen. Wertig, massiv, kommunikativ! Gleich hinter jenem Unikat thront ein Waschbecken aus versteinertem Holz, ein beispielhaftes WC beinhaltet Armaturen aus Antik-Messing, die Wände bestehen aus anthrazitfarbenem Lehmputz. Mario greift auch gern auf Tadelakt zurück, jenem Kalkputz, den vor tausenden von Jahren die marokkanischen Berber entwickelt haben sollen. Fliesen im Sanitärbereich? Höchstens alte, farbenfrohe Zementfliesen, wie man sie in arabischen Ländern liebt! Gewöhnlich geht gar nicht bei Mario und Antje.

Apropos Antje: Was hat es nun mit jenem Tam Tam auf sich, das der weibliche Part in dieser Symbiose veranstaltet? Die ganz und gar nicht kühle Blonde bietet (abgesehen von der eigenen Keramik) extravagantes, jedoch bezahlbares Wohndesign, Accessoires, Schmuck, Geschenke, Taschen, Kosmetik und Möbelstücke im Vintage-Look gepaart mit skandinavischer Geradlinigkeit. Auch Antje legt Wert auf Kontraste, kombiniert mit Vorliebe Alt und Neu und trägt mit feiner Spürnase wundersame Fundstücke aus der ganzen Welt zusammen. Statt einer profanen Plastikabdeckung beispielsweise arrangiert Antje eine marrokanische Abdeckhaube aus Blech zum Schutz für Käse und Obst auf den Küchentisch; im oberen Stockwerk wird ein grob gehauener Weidentrog (Bildhauerarbeit von Regina Marmaglio) durch Felle und Kissen zu einer kuschligen Wiege. Zusätzlich stellt mit Andrea Stork eine Goldschmiedin ihre Werke aus. Hier verwandelt die Einrichtungskünstlerin eine original pakistanische Veranda in eine Ausstellungsplattform.  

„Wir denken die Dinge weiter“, erklärt Mario, der dieses Umfunktionieren regelrecht auf die Spitze treibt. Bei ihm beweisen sich Langruder aus balinesischen Booten als elegante Dachbalken für eine Veranda; die Steinblöcke einer römischen Brücke geben einen tadellosen Terrassenboden ab; betagte Bleche finden sich als Zimmerdecke oder Balkonbrüstung wieder. Einmal in Fahrt kennt die Fantasie des kreativen Paars keine Grenzen.  

Es werde Licht! Im „Le Tam Tam“  ist das auch buchstäblich zu verstehen! Wenn man herkömmliche Wohnmuster hinterfragt, rückt das Thema Licht automatisch in den Fokus. Während Mario Lichtkonzepte erstellt und überraschende Beleuchtungen installiert, wartet Antje mit Designer-Leuchten des bekannten Lichtspezialisten „Bombillas“ auf, dessen luxuriöse Leuchten sie durch ausgewählte Stücke nordisch angehauchten Designs ergänzt. Man findet hier Wohnliches von broste copenhagen, house doctor, TineKhome, Hübsch Interior, nordal, day home, La:bruket, niumii, stop the water, muubs, vanilla fly und nicolas vahé.  

www.letamtam.de

 

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