Es ist kein Elch entsprungen

Christian Topel

Illustration: Magdalena Maier

Unsere nicht ganz ernst gemeinte Geschichte erzählt, wie es wirklich zugeht unter den Hauptdarstellern des Festes der Liebe. Eine schöne Bescherung....

Hernieden auf der Erde:

Leise rieselte der Schnee. Die stille Starre des Chiemsees drohte von einem Schlittenzug gestört zu werden, der in Schlangenlinien durch den weihnachtlich glänzenden Wald bretterte. Mit einem solchen Höllentempo ging es durchs Dickicht, dass Fuchs und Has´ sich nur durch beherzte Seitensprünge retten konnten. „Pinkelpause!“, ordnete endlich der Zugführer an. Die neunköpfige Schlittenschaft  stieg in die Eisen. Einer nach dem anderen frequentierten sie einen besonders grün am Rande der Lichtung thronenden Tannenbaum. Während kurzzeitig Ruhe einkehrte im Forst, war es für eine an Ort und Stelle wohnende Wühlmaus freilich vorbei mit der Freude aufs in Bälde angekündigte Christkind...

Währenddessen im Himmelreich:

Die Nachtruhe des Christkinds gestaltete sich um keinen Deut besser. Zwar durfte es sich eines trockenen Schlafgemaches erfreuen, das penetrante Bimmeln des hochheiligen Handys hatte es jedoch aus einem Vorweihnachtstraum gerissen. Damit nicht genug, schien es sich um einen Scherzanruf zu handeln! „Woher hast du diese Nummer, Perversling?“, unterbrach das Christkind ein gehetzt wirkendes Schnaufen am anderen Ende der Leitung. „Hr … Hr … Hr“, krächzte der Anrufer. „Weißt du nicht, mit wem du es zu tun hast? Geh mir noch einmal auf den Spekulatius, und ich jag dir den Krampus an den Hals!“, suchte der kleine Gnadenbringer sein Heil in der Offensive. „Nein, nein, um Himmels Willen“, bat der Anrufer. Und fügte, nach einem abermaligen Räuspern, hinzu: „Was ich sagen wollte war: Ho Ho Ho.“ „Du?“, fragte das Christkind, und stand augenblicklich noch lotrechter in seinen Pantoffeln als der kerzengeradeste Weihnachtsbaum.

Hernieden auf der Erde:

Auf dem Erdenrund verklangen hunderte Klingglöckchen, nachdem der Schlitten schon wieder rechts rangefahren war. Unfreiwillig, in diesem Fall. Vielleicht fiel es dem Grüppchen deshalb so schwer, Haltung einzunehmen. Der eine schwankte, der andere wankte, doch alle standen sie augenblicklich stramm, als der Chef ein „Maulhalten!“, in Richtung Zugende schnauzte. „O what fun it is to ride, in a reindeer open sleiiiiiiiiiiiiigh!“, schallte es nur von ganz hinten immer noch froh und munter im Rhythmus des längst gestoppten Galopps. Weil die allzu forsche Kehle nicht verstummen wollte, zog ihr Vorgesetzter heftig an den Zügeln. Ein kurzes Röcheln, dann herrschte Ruhe. Nur schüchternes Schnauben war noch zu hören, im Rhythmus sich nähernder Schritte. „Führerschein und Schlittenpapiere bitte“, forderte ein Polizist und ließ den Strahl seiner Taschenlampe über das Gespann wandern. „Sie wissen, warum wir sie aus dem Verkehr gezogen haben?“, fragte der Gesetzeshüter. „Weil Donner zu laut gesungen hat?“, vermutete der Befragte. „Falsch“, entgegnete  der Polizist. „Sie haben alle drei Spuren benötigt und waren trotz bester Sichtverhältnisse mit Nebelscheinwerfern unterwegs. Guter Mann, auf bayerischen Autobahnen gilt die Straßenverkehrsordnung – auch für Elche!“ Der Gescholtene stampfte auf. „Elch?“„ELCH?“ „ICH BIN KEIN ELCH!“, rief er. „Und was sie als Scheinwerfer titulieren, ist meine Nase.“ Der Polizist leuchtete dem Verkehrssünder ins Gesicht. „Wären sie mit einem Alkoholtest einverstanden?“, fragte er.

Zurück im Himmelreich:

„Lass mich zusammenfassen“, sagte das Christkind. „Dein Transporteur hat einen Betriebsrat gegründet und 30 Tage mehr Urlaub sowie eine Lohnerhöhung gefordert. Doch du hast abgelehnt. Und nun ist die ganze Truppe ausgebüxt, mitsamt dem Schlitten und allen Geschenken?“ „So ist es“, antwortete der Anrufer. „Am Rosenheimer Christkindlmarkt haben sie den gesamten Glühweinvorrat leergesoffen, dann düsten sie querfeldein davon.“ „Ehrlich gesagt“, seufzte das Christkind, „habe ich dich schon immer für einen alten, dicken Geizkragen gehalten.“ „Erstens“, entgegnete der Anrufer, „besteht mein Bauch in Wirklichkeit aus Kissen. Sonst käme ich wohl kaum durch all die Kamine. Zweitens“, fuhr er fort, „müsste ich jeden Cent, den ich in die Belegschaft stecke, von den Geschenken abziehen. Und drittens, wertes Christkind, reicht EIN Minderjähriger in unserem Geschäft bei weitem aus! Ich frage dich also zum letzten Mal: Hilfst du mir, oder nicht?“

Derweil auf der Erde:

„Beamtenbeleidigung!“ Blitzen, Donner, Dasher, Dancer, Prancer, Vixen, Comet und Cupid schüttelten vorwurfsvoll ihre geweihten Köpfe. „Kommt schon, Jungs“, verteidigte sich ihr Anführer, „der Bulle hat mich Elch genannt.“ „Kein Grund, den Schlittenschein aufs Spiel zu setzen“, beharrten die Rentiere auf ihrem Vorwurf. „Wisst ihr was?“, unternahm das angekratzte Vorbild einen letzten, verzweifelten Versöhnungsversuch: „Die nächste Runde geht auf mich!“ Nun waren die Rentiere keine Kostverächter, also ließen sie Fünfe gerade sein, setzten auf die Fraueninsel über, parkten ihr Gefährt an einem Steg ganz in der Nähe des Weihnachtsmarktes und steuerten die nächstbeste Glühweinbude an. Wie versprochen orderte der Boss neun Tassen. Besser gesagt, er unternahm einen kläglichen Versuch. „Sorry, kein Alkoholausschank an Elche“, erklärte nämlich der Budenbesitzer. „ICH BIN KEIN ELCH!“, zeterte der Abgewiesene. „Mein Name“, ergänzte er mit aristokratisch erhobenem Geweih, „lautet Rudolph. Rudolph von Rotnase!“ „Und ich bin der Weihnachtsmann“, lachte der Budenbesitzer bloß.

Zur gleichen Zeit im Himmelreich:

Der Weihnachtsmann allerdings lag geknebelt und gefesselt in Christkinds Krippe. „Dummer, alter Mann“, grinste es  und zupfte den außer Gefecht gesetzten Konkurrenten am Rauschebart. „Die Zeiten stinkender Socken sind vorbei!“, prophezeihte es. „Die Geschenke werden wieder unter dem Christbaum deponiert. Ohne Ho-Ho-Ho-Geheule aus dem Kamin!“ Sprachs, stellte sein iPod auf Repeat und ließ den Greis mit „Last Christmas“ auf Dauerschleife allein.

Heilige Nacht – zwischen Himmel und Erde:

„Alle Jahre wiiiiiiieder...“, gröhlten die neun Rentiere. Endlich war Heiliger Abend. Der Schlitten war  blitzeblank geputzt, randvoll beladen mit Geschenken und sauste von Haus zu Haus. „... kommt dahaaas Christuskind“, stieg das Christkind ein in den Chor und zwinkerte seinem neuen Chef-Spediteur zu. Dessen Nase wies dem Gespann rubinrot leuchtend den Weg...

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