Erst probieren, dann marschieren

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Ehe sich Pilger an den legendären Jakobsweg wagen, können sie in das spirituelle Gehen „hineinschnuppern“ – in Altötting unter fachkundiger Begleitung.

Schon ein bisschen kurios – dass sich ein Komiker mitverantwortlich für einen inzwischen über zehn Jahre andauernden Boom fühlen darf. Obendrein in einer „Branche“, die sich weniger Humor als vielmehr eine Art heiligen Ernst auf die Fahnen geschrieben hat. Kurios, aber wahr: Seit sich Hape Kerkeling 2006 auf den Jakobsweg begab und seine Erlebnisse in eine herrlich selbstironische Buchform brachte, folgt ihm eine stetig wachsende Schar mal mehr, mal weniger frommer Pilger buchstäblich auf dem Fuße. Verloren sich Anfang der 80er Jahre läppische 300 Pilger auf dem „Camino“, jenem knapp 800 Kilometer langen, von den Pyrenäen nach Santiago de Compostela führenden „Ur-Jakobsweg“, zählte das Pilgerbüro des spanischen Städtchens 2017 eine Rekordankunft von etwas über 300.000 Menschen. Allein, was bei Kerkeling gleichsam klug wie komisch klingt, kann auf so manchen „Trittbrettgeher“ eine durchaus desillusionierende Wirkung haben.

„Ich bin dann mal weg“ – als ob das so einfach wäre. Zu pilgern ist physische und psychische Herausforderung zugleich! Dass es auf einigen Abschnitten mitunter zugehen kann wie auf dem Mittleren Ring zur schlimmsten Stoßzeit, hat sich herumgesprochen. Trubel und Menschenmassen ist der Deutsche gewöhnt – wie aber steht es mit der Einsamkeit? Was, wenn man Stunden oder Tage allein ist mit den eigenen Gedanken? So absurd es auch klingt: Mit sich selbst muss man es erst einmal aushalten auf Dauer. Letztlich schadet es nicht, sich zu fragen: Bereitet es mir überhaupt Freude, zu wandern? Um Interessenten die Möglichkeit zu geben herauszufinden, ob sie aus echtem Pilgerholz geschnitzt sind, bietet das Wallfahrts- und Verkehrsbüro Alt-ötting mehrmals im Jahr das sogenannte „Schnupperpilgern“ an. Die Ganz- oder Halbtagestouren führen – als Teilstücke des Jakobs-, Wolfgang- sowie neuerdings des St. Rupert Pilgerwegs – von Heiligenstatt, Margarethenberg oder Burghausen nach Altötting. Und damit das Ganze Hand und Fuß bekommt, macht eine zertifizierte Pilgerbegleiterin die Teilnehmer mit der Materie des Pilgerns vertraut.

Auch als Stadtführerin tätig, betont Claudia Heuwieser, dass die von ihr angeleiteten Wanderungen – anders als die pompösen Wallfahrten ins religiöse „Herz Bayerns“ – keinen religiösen Hintergrund haben. Ihr und damit den Teilnehmern der kleinen Gruppen gehe es eher um Besinnung, Entschleunigung und Selbstfindung. Glaube muss nicht, darf aber eine Rolle spielen, ein Hauch Spiritualität liegt durchaus in der Luft. „Heutzutage empfinden es viele Menschen regelrecht als Luxus, ohne Handy und ohne minutiösen Ablaufplan einfach mal ein paar Stunden zu gehen und abzuwarten, was passiert“, sagt Claudia Heuwieser. Mit feinem Gespür für die ihr Anvertrauten gibt sie unterwegs immer wieder Impulse, die zum Nachdenken, Innehalten oder zur kreativen Entfaltung einladen. Sei es, dass die Pilger an einer Kreuzwegstation Halt machen, um einem Text zu lauschen; dass Claudia Heuwieser auf versteckte Naturschönheiten am Wegesrand hinweist; oder, dass sie einlädt, sich zu einem Gedicht für das am Ende überreichte Pilgerheft inspirieren zu lassen. „Dabei spreche ich immer nur Einladungen aus“, betont die Altöttingerin. Eine Einladung, die nie fehlt, lautet: ein Teilstück schweigend zu gehen. Wer sich darauf einlasse, so die Erfahrung, nehme sich, seine Gedanken, aber auch den Weg viel bewusster wahr, so Heuwieser.

Und der Weg darf beim Schnupperpilgern ohne Zweifel als Ziel gelten. Auf den unterschiedlichen Strecken liegen einige geschichtsträchtige Kapellen und Kirchen, die zu Rast und Besichtigung einladen. Ein 1842 angelegter Kiesweg folgt ein Stück weit dem Kreuzweg am idyllischen Mörnbach. Dessen marmorne Bildstöcke hat vor über 160 Jahren die Schiffmeistergattin Katharina Riedl gespendet. Claudia Heuwieser schafft den Spagat spielend – den Probepilgern genug Ruhe und Raum für deren individuelle Gedanken und Wahrnehmungen zu geben und gleichzeitig Wissen zu vermitteln beziehungsweise die Blicke sanft zu lenken. Auf diese Weise wird jeder Pilgertag sowohl zu einer für Geist und Körper anregenden Herausforderung, als auch zu einer lehrreichen Reise durch die reizvolle Landschaft und ihrer bewegenden Historie. In Altötting zeugen dann jahrhundertealte Rötelzeichnungen in der Michaelikirche von der langen Tradition des Jakobspilgerns. Am Ende führt Claudia Heuwieser die Pilger auf den berühmten Kapellplatz. Hier thront – als geistliches Zentrum bayerischer Marienverehrung – die Gnadenkapelle. Ihr vermutlich um das Jahr 700 entstandener, achteckiger Turm (Oktogon), gilt als ältester Zentralbau Deutschlands. Und hier, wo jährlich über eine Million Pilger unter anderem die silbernen Herzurnen bedeutender Persönlichkeiten aus dem Hause Wittelsbach bewundern, endet der Marsch mit einem Pilgersegen aus Kapuzinerpatermunde. Eine angenehme Erschöpfung durchströmt die Pilger. Die Eindrücke und Impulse hallen nach. Wer sich offen auf dieses Schnuppern einließ, wird höchstwahrscheinlich bald einen tieferen Atemzug nehmen.

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