Entspannungsbad in grün

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

„Wald ums Herz“ in der Inn-Salzach-Region: Waldpädagogische Führungen geben Teilnehmern die Möglichkeit, sich vom hektischen und schnelllebigen Alltag zu erholen.

Tina Winterer will, dass wir gucken, also gucken wir. Wir sind ein paar hundert Meter in ein Waldstück hinter Mühldorf am Inn spaziert. Die Autos parken an der am Waldrand gelegenen Fachakademie für Sozialpädagogik im Ortsteil Starkheim, wo wir auf Anraten unserer Wanderführerin bitteschön auch gleich gedankliches Termingedöns und Bürostress zurücklassen sollen. Weil das leichter gesagt ist als getan, haben wir nun zum ersten Mal innegehalten – um einfach nur zu gucken. In die Ferne, wo das durch die Baumkronen tropfende Sonnenlicht auf den Stämmen von Buchen, Eichen und Eschen ein impressionistisches Gemälde malt; in die Nähe, wo trockenes Laub den Boden bedeckt und ein Käfer den Stängel eines Gierschs erklimmt; nach oben, wo vereinzelte Tupfen blauen Himmels durch das Blätterdach lachen und ein Meer aus den unterschiedlichsten Grüntonen im Wind wiegt. Und was vor wenigen Minuten vielleicht noch etwas banal klang – stehen, sich umsehen, zur Ruhe kommen – entfaltet urplötzlich die beabsichtigte Wirkung. Der Alltagsballast fällt ab, wir atmen auf. „Das“, sagt Winterer, „ist das Gefühl von Achtsamkeit. Genau das will ich Euch heute vermitteln.“

Wir befinden uns nicht auf einer gewöhnlichen Wanderung. Tina Winterer nimmt uns vielmehr mit auf eine ihrer „Waldreisen“, und dieses bewusste Gucken war die erste von mehreren Übungen, die unsere Sinne schärfen sollen – die Sinne für die Umwelt, aber auch für uns und unser Befinden. An einer anderen Station werden wir statt der Augen die Nase beschäftigen. Die Aufgabe lautet: Auszuschwärmen, um bewusst Düfte zu entdecken. Wir stapfen also durchs Unterholz und beschnuppern den Wald; halten uns feuchtes Laub vor die Rüssel oder einen abgestorbenen Ast; atmen das Aroma moosbewachsener Rinde ein, von Schwärmen schlanker Schwammerl oder von bunten Blüten; nicht einmal vor einer Schnecke macht unser Forscherdrang halt. Im anschließenden Gespräch darüber, was wir errochen haben und wie es auf uns wirkte, stellt sich heraus: Gar nicht so leicht, Dinge einfach an- oder hinzunehmen, unvoreingenommen, ohne sie sofort zu bewerten. Durchaus eine Übung, die auch für den Alltag taugt!

 

Lager bauen, Pilze suchen, auf Entdeckungstour gehen: Tina Winterer verbrachte ihre Kindheit quasi in den Wäldern rund um das Dörfchen Julbach bei Simbach am Inn. Nach dem Studium des Forstingenieurwesens in Weihenstephan und der Qualifikation zur zertifizierten Waldpädagogin machte sie sich 2017 selbstständig und ist seither unter der Bezeichnung  „Wald ums Herz“ buchbar. Führte sie anfangs nur Kinder und Jugendliche durch den Wald, macht sie die gesundheitsfördernde Wirkung solcher Spaziergänge inzwischen auch Erwachsenen zugänglich. Der Gesundheitsaspekt sei dabei durchaus wörtlich zu verstehen, betont die Dreißigjährige. Ihr Angebot ist angelehnt an das aus Japan in den Westen geschwappte Prinzip des Waldbadens (Shinrin-yoku), das – wissenschaftlich nachgewiesen – unser Immunsysten stärken soll. Während wir die dafür verantwortlichen Botenstoffe der Bäume jedoch höchstens unbewusst wahrnehmen, dürfen wir unserem Waldstück an weiteren Stationen auf bewusste Weise nachspüren. Sich mit geschlossenen Augen einen zwischen ein paar Bäumen gespannten Seilparcours entlangzuhangeln, erzeugt eine völlig neue, maximal geschärfte Wahrnehmung der Umgebung. Plötzlich scheinen sich die Ohren aufgesperrt zu haben. Bei jedem noch so vorsichtig vorantastenden Schritt knackt Geäst oder rascheln Blätter. Eine Fliege scheint uns zu begleiten, Heerscharen von Vögeln zwitschern und tirilieren – und das übermütige Geschnatter von Kindern, das war doch gerade eben noch nicht zu hören? Faszinierend!

Auch die Haut hält wie auf Knopfdruck Wache. Eine hauchzarte Brise streicht über unsere Arme, die geschlossenen Lider laben sich am regelrecht Kneippschen Wechsel zwischen wärmendem Sonnenschein und kühlendem Schatten. Den Barfußpfad beschleichen wir dann sehenden Auges. Genaugenommen hat Tina Winterer keinen echten Pfad angelegt. Wir erkunden einfach auf nackten Sohlen den Umkreis; lassen uns von Gräsern kitzeln, erhalten eine Fußreflexzonenmassage von einigen Eicheln, balancieren über einen teils moosigen, teils glatten Baumstamm und sind uns nachher alle einig: „Jeder Schritt war spannend.“

Entschleunigen, Eintauchen in die beruhigende Atmosphäre des Waldes – all das gelingt während unserer Waldreise spielerisch und ohne esoterische Effekthascherei. Auch eine Fantasiereise durch die vier Jahreszeiten als Abschluss-Übung kann diesen Eindruck nicht schmälern. Wir versetzen uns in irgendeinen Waldbewohner – ob Baum, Vogel, Maus oder Stein –  und lassen gedanklich ein Jahr vorüberziehen. Am Ende müssen wir uns buchstäbllich losreißen, um schweren Herzens Abschied zu nehmen von dieser das Gemüt aufheiternden grünen Lunge; wissend, dass draußen, bei den Autos auch die Hektik parkt. Neben diesem herrlichen Gefühl der Entspannung nehmen wir das von Tina Witterer völlig unprätentiös in ihre Ausflüge eingewobene Umweltwissen mit nach Hause. Sie wolle, sagt sie, auch den Nachhaltigkeitszielen der UNESCO Aufmerksamkeit verschaffen. Um nachhaltiges und zukunftsfähiges Denken zu fördern, sind die waldpädagogischen Führungen nach dem Prinzip der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) aufgebaut. Was die gebürtige Niederbayerin uns zum Abschluss mitgibt, ist eine gedankliche Versuchsanordnung. Wir mögen, bittet sie uns, in der nächsten stressigen Situation doch einfach mal das Gedankenkarussel stoppen und uns einen jener Gerüche vergegenwärtigen, die wir heute kennenlernten. Wir sind gespannt, ob es uns auch am Schreibtisch so entspannt, dem Gespräch der Bäume zu lauschen.       

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