Eine Frage der Höcker

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Keine Fata Morgana! Mitten im Mangfalltal wohnen waschechte Wüstenschiffe. Man muss kein Scheich sein, um einen Ausritt auf den Bayern-Kamelen zu wagen.

Shakir sitzt der Schalk im Nacken. Leider sitze etwas weiter hinten ich. Auf Shakirs Rücken nämlich, an und für sich gemütlich zwischen seine beiden Höcker gebettet. Doch dieser Scherzkeks von einem Kamel hat die Freuden (aus meiner Sicht: die Tücken) der Physik entdeckt. Unter jedem Baum, den wir passieren, schnappt sich Shakir einen Ast, zieht ihn mit dem Maul herunter und lässt ihn dann katapultartig zurückschnellen. Die Folge: Ich darf den geruhsamen Ritt als Schneemann genießen.

Die Karawane zieht vom verschneiten Valley aus durchs Mangfalltal. Unter mit Puderzucker bestäubten  Bäumen hindurch bahnen sich die majestätischen Tiere auf gut gepolsterten Schwielensohlen ihren Weg. Echte Wüstenschiffe, die hier, zwischen München und Rosenheim, auf den ersten Blick wie Fata Morganas anmuten. Von Sinnestäuschung aber keine Spur, von Tierquälerei schon gar nicht! Was unsere beiden „Kameltreiber“ Konstantin und Bianca schon vor Antritt des Ausritts  angekündigt haben – dass Kamele Minusgrade locker wegstecken, weil sie aus China und der Mongolei  abstammen – bestätigen die Bayern-Kamele später. Von Sattel und Zaumzeug befreit, tollen sie durch ihr Freigehege wie Kinder im ersten Schnee.

Konstantins Vater schaffte sich vor über 20 Jahren die ersten drei Kamele an. Und schnitt sich damit  fast ins eigene Fleisch. Denn Konstantin und die Kamele, das wurde eine Freundschaft fürs Leben, der  väterliche Verlag hingegen völlig uninteressant. Zum Glück für den Familienfrieden, zwinkert der junge  Hofherr, führt den inzwischen die Schwester. Und Konstantin selbst führte Gattin Bianca letztes Jahr buchstäblich auf einem Kamelrücken zum Traualtar. Schwein gehabt, dass sich dort in der Einöde eine Frau fand, die sich nicht nur in Konstantin, sondern sofort ebenfalls in seine Paarhufer verliebte.

Eine Liebe, die offensichtlich auf Gegenseitigkeit beruht. Wenn Bianca den zarten Riesen Milan streichelt, fehlt eigentlich nur das von Katzen vertraute Schnurren. Mit geschlossenen Augen fläzt sich der  Wuschelkopf ins Heu. Wir können gar nicht aufhören, unsere Hände in das flauschige Fell zu wühlen. Wahnsinn, wie friedlich, ja regelrecht kuschelbedürftig diese zotteligen Giganten uns Zwergen begegnen. Das erklärt, warum der ganze Harem inzwischen auch in der tiergestützten Therapie zum Einsatz kommt. Oder etwas profaner: auf Firmenfeiern, Kindergeburtstagen, Weihnachtsmärkten...

Kein Wunder. Wir kommen aus dem Staunen nicht heraus da oben, in unseren „Hochsitzen“. Im Passgang, also anders als Pferde abwechselnd das linke und das rechte Beinpaar bewegend, stapft der königliche Konvoi an einem abrissreifen Aquädukt vorbei, an Staustufen der Mangfall, an spiegelglatten Weihern. Sensationell, so eine sanft schaukelnde Wanderung – ganz ohne selbst zu schwitzen. Nebenbei erzählen Bianca und Konstantin über ihr Leben mit und über das Leben von solchen Vierbeinern.

Unterhaltsam und lehrreich zugleich gestalten die Klages ihre Touren. Somit sei ein für allemal geklärt: Dromedare sind die mit dem einen Höcker, Trampeltiere tragen derer zwei!

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