Ein Leben für die Lederhose

Christian Topel

Den einen gilt sie als Uniform alpenländischer Folkloristen, den anderen bloß als unschlagbar bequemes Beinkleid. Für Franz Stangassinger bedeutet sie Lebensunterhalt und -philosophie zugleich. Er ist einer der letzten, echten Lederhosenmacher.

„De Leit woin wieda agsunds Gwand, ned des ganze, giftige Glump!“ Seine Zunft zittert dem Aussterben entgegen, Chinesen kaufen den Ledermarkt leer, dank Landhausmode belagern Billigtrachten die Bekleidungsgeschäfte – doch Franz Stangassinger prophezeit rosige Zeiten, für sich, und für die Gesellschaft. Offenbar ein Optimist vor dem Herren, dieser auf Hirschleder spezialisierte Herrenausstatter. Auf unter modischen Gesichtspunkten sonderbaren, dafür rückenstärkenden Sandalen spaziert Stangassinger durch seinen Laden und predigt – in bester Berchtesgadener Mundart – von Rückbesinnung.

Er spüre, sagt er frei übersetzt, dass die Menschen wieder gesunde Kleidung am Leib tragen wollen anstatt des weit verbreiteten, krank machenden Schrotts. Hier oben, im ersten Stock des Gebäudes mitten am Berchtesgadener Marktplatz, fertigte schon sein Vater solch ein Gewand. Und dessen Vor- und Vorvorgänger. Seit 1888 geben sich die Säcklermeister hier die Klinke, oder besser gesagt, Nadel und Faden in die Hand, um ihre Kunden in Hosen aus sämisch gegerbtem Hirschleder zu kleiden. In Hirschlederne, wie der bairische Volksmund sein berühmtestes Kleidungsstück nennt – das, so richtig schön speckig, irgendwann zur „Krachledernen“ wird.

Beliebter ist eine ganze Zeit lang die Jeans gewesen. Als Volkshose habe der Amerika-Import die Lederne nach dem Zweiten Weltkrieg im Handstreichverfahren abgelöst, gibt Stangassinger zu. Doch davor seien Alt und Jung, Nord und Süd, Arm und Reich am liebsten in Leder durch die Lande  gestiefelt. Franz Schweser, Gründer des Geschäfts, versorgte die heimische Landbevölkerung ebenso wie Damen vom Schlag einer Elisabeth Amalie Eugenie – besser bekannt als Kaiserin Sissi. Und heutzutage? In jenem Umfeld feiere sein Produkt schon lang eine Renaissance, zwinkert Stangassinger. Die Namen nennt er nur hinter vorgehaltener Hand, doch vom TV-Parvenü bis zum alten Adel kaufen sie gern bei ihm ein, die da alle so kreuchen und fleuchen unter  dem Begriff Prominenz.

Ein Blick ins Auftragsbüchlein verrät aber auch, wie gern inzwischen querbeet durch die gesamte Gesellschaft wieder echte Tracht getragen wird. Auch und gerade abseits volkstümelnder Strömungen. Nicht nur Burschenvereine, auch Menschen in Lederhosen blicken, und zwar längst nicht mehr nur auf dem Oktoberfest und anderen Festwiesn. Bei ihm warte man deshalb bis zu ein Jahr auf die Maßgeschneiderte, verrät der Lederhosenmacher; und die Frage nach der notwendigen Geduld sei im Grunde eine Wertefrage. Die da laute: Welche Werte wolle sich unsere Gesellschaft auf die Fahnen schreiben? Was sind uns Qualität und Originalität Wert?

Wenn Franz Stangassinger Atem holt, um diese Fragen zu beantworten, folgt ein leidenschaftlicher Vortrag über Wohl und Wehe der Globalisierung, über Nach- und Vorteil von Biokost, über Sinn und Unsinn von Wegwerfprodukten aus Fernost. Sein Fazit? Die Gesellschaft habe den Wert von Werten wiederentdeckt. Sie achte wieder vermehrt sowohl auf die eigene als auch auf die Gesundheit ihrer Umwelt. Als ausgebildeter Säcklermeister lebt und bedient Franz Stangassinger dieses wiedererlangte Bewusstsein – und zwar nicht erst, seit er Laden und Werkstatt 1999 von seinem Vater übernahm, nachdem er seine Meisterprüfung als Jahrgangsbester abgelegt hatte. So versucht er, nur Hirschleder aus Deutschland oder Österreich zu verarbeiten. Der Tran für die Gerbung, also für die Haltbarmachung der Tierhaut, stammt vom Dorsch. Als Färbemittel dient Blauholz, eine Baumrindenart. Den Kleber kleistert Stangassinger aus Roggenmehl und Wasser zusammen...

Vom Zücken des Maßbands bis zur ersten Anprobe sitzen Stangassinger und seine Mitarbeiterinnen bis zu 30 Stunden an einer Lederhose. In dieser Zeit schneiden sie die obligatorischen vier Lederteile zu (plus Zubehör wie beispielsweise dem Außensäckel, jenem Extratäschchen für das „Nicker“ genannte Jagdmesser), verstärken besonders beanspruchte Stellen innseitig mit Besatzleder, zeichnen die individuellen Stickmotive mit Gummi arabicum vor, besticken die Teile (mit Stepp- oder Plattstickereien) und nähen schließlich alles zusammen. An so mancher Hochzeitshose hätten sie gar 50 Stunden gearbeitet. Trotz eines stolzen Preises von über 1.000 Euro erfreuten sich solch aufwendige Stücke besonders bei Münchnern großer Beliebtheit, erzählt der dreifache Familienvater. Zum Herbst hin könnte das Unternehmen theoretisch wie am Fließband arbeiten.   

Warum er nicht expandiere, wenn die Nachfrage es locker hergäbe? „Wachsen? Wohin denn? Uns geht´s doch gut“, antwortet der stets grün Geschürzte. „Alles Gute braucht seine Zeit“, pflegt er drängelnden Großkopferten (wie man wohlhabende Wichtigtuer in Bayern nennt) zu entgegnen. Doch ganz verschließt sich auch ein Franz Stangassinger dem Zeitgeist nicht. Zum Beweis hält eine Mitarbeiterin eine iPad-Hülle im Lederhosen-Style in die Luft. Damit würden vor allem Manager gern eine gewisse Bodenständigkeit betonen, lachen die Lederhosen-Dirndl. Die eigene Bodenständigkeit beweist Berchtesgadens Säcklermeister, wenn ihm ein Kunde blöd kommt. Das komme zwar selten, aber mitunter vor. In dem Fall streite er nicht lang herum, sondern gebe das Geld wieder zurück. „Da oben sitzt schon ein Herrgott, der für Ausgleich sorgt“, sagt Franz Stangassinger – Lederhosenmacher und Optimist vor dem Herrn...

Lederhosen Stangassinger
Marktplatz 10
83471 Berchtesgaden
Tel.: 0049 - (0) 86 52-26 85

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