Ein Käfig voller Knarren

Christian Topel

Fotos: Albert Aschl

Seit über 30 Jahren Garant für ein volles Haus: Die Silvester- und Faschingsshow in Rosenheims TAM Ost. Dieses Jahr wird es mafiös.

1984. Der letzte Tag des Jahres. Vor ein paar Wochen haben Anton (Toni) Müller, Hans Anker und Stefan Hanus in den Räumlichkeiten von Rosenheims ehemaligen „Kurbellichtspielen“ eine Bühne gegründet: das „Theater am Markt“. Müller war zu Anfang des Jahrzehnts von der Kölner Staatsoper nach Rosenheim zurückgekehrt, wo der professionelle Regisseur eine Schar von ca. 30 Leuten zusammentrommelte. Jene „Vaganten“ stemmten nicht nur einige furiose Aufführungen von Schillers „Räubern“, sie entpuppten sich in den Folgejahren auch als Keimzelle für ein regelrechtes Frühlingserwachen der regionalen Theaterszene. Und mit dem Theater am Markt machte sich Müller daran, einen Spross persönlich mit großzuziehen. Heute wissen wir, dass es anders kommen sollte; dass künstlerische Differenzen das Team schon bald wieder getrennte Wege gehen lassen würden. An jenem Silvester-Nachmittag jedoch saß das Trio einträchtig beisammen und fragte sich, ob es den Laden abends aufsperren sollte.

Der Plan lautete: Falls sich ein paar Leute einfänden, einfach einige der Nummern bringen, mit denen sie schon im „Jägerstüberl“ für Lacher gesorgt hatten. Hans Auer, der Wirt jener noch heute überregional bekannten Szene-Kneipe für Schwule und Lesben, hatte vor Jahresfrist renoviert und den Theaterleuten einen Deal vorgeschlagen. Er würde ihnen sein altes Mobiliar für ihr Theater überlassen, wenn sie im Gegenzug seine Gäste bespaßten. Die Gaudi war ihnen damals so gut gelungen, dass sich in besagter Neujahrsnacht 15 Zuschauer ins neue Theater verirrten, um sich an einem recht improvisierten Reigen an Sketchen, Parodien und Travestie-Nummern zu ergötzen. Die Geburtsstunde eines Dauerbrenners! Seit jenem Abend beherbergt das Theater am Markt seine „ultimative Silvester- und Faschingsshow“, ein inzwischen alljährlich an 18 Abenden dargebotenes Spektakel, das zuverlässig schon Wochen vor dem ersten Vorhang die „Ausverkauft“-Schilder aufhängen kann.

2016. Ein Nachmittag im November. Das Theater am Markt ist längst aus dem Stadtkern in die Chiemseestraße gezogen und hat sich dementsprechend das Anhängsel „Ost“ verpasst. Hans Anker gehört nach wie vor zum festen Inventar. Der 62-Jährige betreibt nicht nur die „TheaterSchenke“, er führt auch regelmäßig Regie und gilt als unersetzlicher Strippenzieher in Sachen Silvester-Sause. Drehbuch, Bühne, Texte, Sketche, Pointen –  ohne Anker herrschte tote Hose. Er selbst gibt sich bescheiden; betont, wie wichtig Mitstreiter wie beispielsweise Daniela Mayer und Hermann Hager seien, die auch dieses Jahr wieder für die Choreografien der Tanznummern sorgen; doch Anker darf man guten Gewissens als Dreh- und Angelpunkt dieser Erfolgsgeschichte bezeichnen. Fragt man Zuschauer und Mitwirkende nach dem Erfolgsgeheimnis, dann sagen alle: Die Gala punkte mit ihrem unverwechselbaren und einzigartigen Mix aus Travestie, Tanz, Gesang, Sketchen und Parodien. Tatsächlich pilgern Fans aus München nach Rosenheim, um Hans Anker als Tina Turner oder Miss Wiesn, um die prickelnde Erotik von Tänzerinnen wie Jutta Schmidt oder Valerie Schumann zu erleben. Amateure, die irre viel Zeit und Engagement in die Vorbereitungen stecken.

Und die Vorbereitungen für die nächste Show beginnen im Grunde bereits nach dem letzten Vorhang, verrät Hans Anker. Das Team setze sich zusammen, überlege sich ein Motto und an ihm liege es dann, eine Geschichte oder einen roten Faden zu finden. An Inspiration mangelt es dem Drehbuchschreiber dabei nie. „Die Geschichten erzählt mir das Leben, ich muss nur das ganze Jahr über Augen und Ohren offen halten“, sagt der Theatermacher. Seine Stoffsammlung gießt er ab Herbst in eine etwas konkretere Form. Endgültig Gestalt nehmen die Shows dann während der Proben an. Spätestens jetzt darf und soll das Team seinen Senf dazugeben. Aus dem kreativen Teamwork ist diesmal eine im Mafia-Millieu spielende Show entstanden. Titel: „Heiße Nächte – nicht nur in PaLärmo“.

Worum geht‘s? „Die Witwe eines Paten trägt ihren Mann zu Grabe“, erzählt Hans Anker. Dabei erinnere sich die Dame an die gemeinsamen Jahre – und natürlich an etliche Gaunereien, die der Pate weltweit verübte. Diese Rückblicke spielen unter anderem in New York, London oder Wien, wie gewohnt dargeboten in Form von schrägen Songs, temperamentvollen Tänzen, tolldreister Travestie und schenkelklopfenden Sketchen. 

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