Drei Jahre für ein Halleluja

Christian Topel

Er gilt als Getränk amerikanischer Revolverhelden, schottischer Sturköpfe oder irischer Freiheitskämpfer: Whisky. Und doch konnte sich im selbsternannten Mutterland des Bieres eine Destillerie etablieren. Am Schliersee schlürft man „Slyrs“.

Ganz ohne das Zutun der Whisky-Urväter brennt sich´s dann doch nicht. In Schottland, so besagt die Legende, befiel Slyrs-Geschäftsführer Florian Stetter die Schnapsidee: am Fuße des heimatlichen Brecherspitzes statt Bier bayerischen Whisky zu brauen. Aus heimischen Ingredienzen und Rohstoffen – sieht man einmal ab von den Fässern, in denen der Bavarian Single Malt seit 1999 vor sich hin reift. Die bestehen aus amerikanischer Weißeiche, aus den Wäldern Missouris. Idee und Know-how von der Insel, das leuchtet ein. Warum aber tun´s keine Fässer aus Neuhauser Wäldern, direkt in der Nachbarschaft?

„Eine Frage des Geschmacks“, erklärt Brennmeister Hans Kemenater. Ausgekohlt (Fachbegriff: toasten) entstünden nur in diesen Fässern die für den fertigen Slyrs (sprich: Schlürs) charakteristischen Vanille- und Karamellaromen. Kemenater entpfropft ein Fass und kredenzt eine Probe. Drei Jahre darf das Destillat hier lagern und reifen. In rund 1.000 Fässern zu je 225 Litern. Damit steckt der Whisky zwar noch in den Kinderschuhen, wenn er ins Glas kommt, dafür duftet er angenehm milde und schmeckt zusätzlich nach Honig, Gebäck und Kräutern aus dem Gebirge. „Wir verwenden Wasser aus der nahen Bannwaldquelle“, erzählt Kemenater, das Gläschen prüfend gegen´s Licht haltend, „und räuchern das von einer bayerischen Weißbierbrauerei gelieferte Gerstenmalz über Buchenholz.“

Über 30.000 Flaschen pro Jahr setzen die Schlierseer inzwischen ab, weiß Prokuristin Birgit Scheithauer. Damit dürfte Slyrs Deutschlands größte Destillerie sein. Sie gehört bei einem vom Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie und Importeure geschätzten Marktvolumen von insgesamt 56 Millionen Flaschen aber nach wie vor zu den Exoten. Und als solchen zelebriert Stetter seinen flüssigen Bernstein auch. Der Betrieb ist von Kopf bis Fuß auf Besucher eingestellt. Die werden, betreten sie den mit einer großzügigen, gen Wendelstein blickenden Glasfront versehenen Holzbau, von einem bunten Potpourri an Edel-Obstbränden begrüßt. Obstbrände? In der Tat. Stetter ist Spross der Traditionsbrennerei Lantenhammer, die nicht unweit residiert…

Hier freilich überwiegt die Welt des Whiskys. Schokolade, Pralinen, Notizbücher, Rucksäcke hat Stetter  ersonnen – alles im Geschmack oder Style von Slyrs, als liebevoll professionelles Marketing für sein Nischenprodukt. Hat man sich satt gesehen, geht´s in eine kleine Kapelle. An der Wand hängt statt Kruzifix aber ein Bildschirm. Ein Filmchen entführt ins Jahr 779. Die fünf Mönche Adalung, Hiltupalt, Kerpalt, Antonius und Otakir gründen irgendwo hier in der Gegend ein Kloster, das sie Slyrs taufen – nach einem grün-gelblich schimmernden Mergel, der in den oberen Molassen rund um den See wabert. Schließlich übernahm die ganze Gegend den Namen, später wurden Schliers sowie Schliersee daraus. Und in der Gegenwart Florian Stetters Whisky! 

Nach knapp zehn Minuten führen die Guides hinüber in die heiligen Hallen, wo der Destillerie-Prozess  live und in Farbe abläuft. Auf der einen Seite gärt in gewaltigen Bottichen die Maische, auf der anderen  Seite wird die Flüssigkeit destilliert. In drei kupferglänzenden Pot-Still-Anlagen, deren Brennblasen 1.500 Liter fassen und die Stetter nach eigenen Vorstellungen konstruieren ließ. Der Weg zum fertigen Whisky ist ein Wechselbad der Gerüche, angefangen beim ungeschroteten Malz, über den unbrauchbaren Rohbrand bis hin zum auf 43 Prozent flaschenfertig herabgesetzten Feinbrand.

Nach Durchquerung des imposanten Fasslagers darf man den endlich auch kosten. Whisky, schwärmt  Scheithauer und blickt durch die hohen Fenster zum Wendelstein, das sei auch flüssige Geduld. Das Team fiebere dem Jahr 2015 entgegen. Dann fließe – Halleluja! – erstmals ein Zwölfjähriger Slyrs in den Handel. Mit diesem dürfte sich dann auch das Image vom allzu weichen „Softie-Whisky“ erledigt haben. Die langen Jahre im Eichenfass verleihen dem Gebräu eine rauchigere, torfigere Note. Kenner scharren schon mit den Tulpen. Anders als Hollywood uns glauben machen will, trinke man Whisky nämlich nicht aus jenen bauchigen Tumblern, die Platz bieten für Eiswürfel. Das Labsal zu verdünnen sei Sakrileg, zwinkert Birgit Scheithauer und zupft ihren Trachtenjanker zurecht. Bayern und Whisky: am Schliersee wächst zusammen, was zusammengehört.

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