Der Alte Südliche Friedhof in München: Do legst di nieda!

Julia Schuster

Der Alte Südliche Friedhof erwacht nach einem langen kalten Winter wieder zum Leben.
Der Alte Südliche Friedhof in München erwacht nach einem langen kalten Winter wieder zum Leben. Fotos: Andreas Jacob

Ebenso faszinierend wie würdevoll: Auf dem Alten Südlichen Friedhof in München treffen Natur und Geschichte aufeinander.

Die Sonne blitzt an diesem warmen Frühlingstag durch die noch lichten Baumkronen. Efeu und Flechten klettern an den mächtigen Stämmen der alten Bäume hinauf. Zwischen dem langsam zu seinem satten Sommergrün zurückfindenden Gras spitzen violette Krokusse und gelbe Narzissen ihre Köpfe gen Himmel. Zwei Eichhörnchen huschen über die Blumenwiese, ehe sie mühelos einen der Bäume erklimmen. Trotz der Nähe zum Sendlinger Tor ist nur das fröhliche Gezwitscher der Vögel zu hören, die ihre Freunde aus dem Süden zuhause willkommen heißen. Der Alte Südliche Friedhof in München erwacht nach einem langen kalten Winter wieder zum Leben.

Hinter den hohen Steinmauern befindet sich mitten in München ein besonderes Naturjuwel. Geht man durch die schweren Eisentore neben der kleinen Stephanskirche am Fuße des sarkophagförmigen Friedhofsareals, empfängt einen ein Ort der Ruhe und des Friedens. Alte Grabsteine, teils pompöse Grabmäler, teils klein und bescheiden, verleihen dem historischen Gottesacker eine Atmosphäre der besonderen Art.

So bedeutend wie der Pére Lachaise in Paris oder der Zentralfriedhof in Wien, zählt auch der Alte Südliche Friedhof in München zu den zehn wichtigsten Friedhöfen in ganz Europa. In seiner über 450 Jahre langen Geschichte wurde er Zeuge verschiedenster historischer Ereignisse und zur letzten Ruhestätte zahlreicher Münchner Persönlichkeiten, welche die Stadtgeschichte maßgeblich beeinflussten. „Er ist das Gedächtnis der Stadt“, sagt Florian Scheungraber. Schon als kleiner Junge verbrachte der Steinmetzmeister und Angestellte bei den städtischen Friedhöfen viel Zeit an diesem besonderen Ort, um das Grab seiner Urgroßeltern zu besuchen. Damals war es sein Vater, der ihm die Geschichten der Verstorbenen erzählte, heute ist er es, der sein Wissen an Interessierte weitergibt. Seit zwölf Jahren bietet er Führungen über den Alten Südfriedhof an und kann zu nahezu jedem der rund 1.900 Gräber und 270 Gruften kurzweilige Anekdoten erzählen.

Zwei eindrucksvolle Monumente erinnern an die Familie Sedlmayr, Gründer der Spaten- und Franziskaner-Brauereien.
Zwei eindrucksvolle Monumente erinnern an die Familie Sedlmayr, Gründer der Spaten- und Franziskaner-Brauereien.


„Carl Spitzweg war für seinen Humor bekannt.
Eines seiner Bilder zeigt einen Polizisten, der fahrende Musiker nach ihrem Pass fragt. Doch wegen seines fränkischen Dialekts versteht einer der Musikanten ‚Bass‘ und deutet auf das Instrument“, erzählt Scheungraber schmunzelnd am Grab des bekannten Malers. Seine Ruhestätte ziert ein Stein in der Form eines Apothekerfläschchens, das an seinen erlernten Beruf erinnern soll.

Wenige Meter weiter entlang des Mittelwegs lassen die zwei prunkvollen Monumente der Familie Sedlmayr gedenken, die als Oberhaupt der Brauereien Spaten- und Franziskaner Bekanntheit erlangte. Zudem trug Gabriel Sedlmayr junior entscheidend zur Erfindung des Kühlschranks bei. Auch die Brauerfamilien Zacherl von der Paulaner-Brauerei, Wagner vom Augustinerbräu und Pschorr von Hacker-Pschorr fanden auf dem Alten Südlichen Friedhof ihren Himmel der Bayern.

Der Boandlkramer begleitete Franz von Kobell ebenfalls dorthin. Ob auch er den Tod mit Kirschgeist abzufüllen und beim Kartenspiel zu überlisten versuchte, wie er es einst in seiner „G‘schicht vom Brandner Kasper“ schrieb?

Natürlich ruhen auch echte Münchner Originale auf dem historischen Gottesacker, beispielsweise Joseph Huber, besser bekannt als „Finessensepperl“. Von ihm stammt die bayerische Redensart „Nix Gwiß woas ma ned.“ Der nur 1,50 Meter große Mann galt im 18. Jahrhundert als städtischer Liebesbote. Er überbrachte Liebesbriefe, vermittelte Rendezvous und genoss aufgrund seiner Verschwiegenheit das Vertrauen der Bürger.

Florian Scheungraber bei einer seiner interessanten Führungen
Florian Scheungraber erzählt in seinen Führungen kurzweilige Anekdoten über Münchner Originale und wichtige Persönlichkeiten, die auf dem Alten Südlichen Friedhof begraben sind. Foto: Florian Scheungraber

Neben den Gräbern dieser und vieler weiterer wichtiger Persönlichkeiten befindet sich das Massengrab der Sendlinger Mordweihnacht. Ein Denkmal, das aus einer von König Ludwig I. gespendeten Kanone gefertigt wurde, erinnert an die rund 1.100 Opfer der grausamen Bauernschlacht im Jahr 1705. In weiteren Massengräbern wurden Pesttote und Soldaten sowie zahlreiche Münchner bestattet, die unter dem Befehl von Kurfürst Karl Theodor aus den innerstädtischen Gräbern und Grüften exhumiert und auf den „Ferteren Äußeren Friedhof“ verbracht wurden.

Fast 80 Jahre lang war er die einzige Begräbnisstätte der Stadt. Nachdem große Teile der Gebäude und Friedhofsmauern der Zerstörungswut des zweiten Weltkriegs zum Opfer fielen, wurde der Friedhof 1943 offiziell geschlossen und verfiel in einen Dornröschenschlaf. „So wie jetzt sieht der Friedhof erst seit dem Jahr 2.000 aus, davor war er zu einem regelrechten Dschungel zugewachsen“, weiß Scheungraber. Dank großzügiger Spenden der Stadt München und einiger weiterer Einrichtungen wurde der Alte Südliche Friedhof gesäubert und ein Großteil der Steine restauriert. Besonders kostbare Skulpturen und Büsten berühmter Künstler beherbergt das Lapidarium. Die ehemalige Aussegnungshalle kann nur im Rahmen einer Führung besichtigt werden.

Heute nutzen viele Münchner den historischen Begräbnisplatz für Spaziergänge und um im Alltag der hektischen Großstadt zur Ruhe zu kommen. Seine Schönheit und geschichtliche Bedeutung verleihen ihm ein einzigartiges Ambiente und lassen die Friedhofsbesucher in nostalgischen Träumen schwelgen.

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