Dirndl frei von Firlefanz

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Schlichte Schnitte, liebevolle Details und höchste Qualität bei Material und Verarbeitung: dafür stehen seit drei Generationen die Dirndl der Burghauser Traditionsmanufaktur Stephan Barbarino.

Im Laufe einer fast zweihundertjährigen Firmengeschichte entsteht als Nebenprodukt geradezu zwangsläufig ein Sammelsurium an Anekdoten. Und wenn es sich um einen Betrieb wie den der Barbarinos aus Burghausen handelt, geben diese amüsanten Überlieferungen obendrein einen intimen Einblick in eine untrennbar mit dem Geschäft verwobene Familiengeschichte. So weiß die heutige Geschäftsführerin Manuela Barbarino-Wagner beispielsweise, dass sich ihre Eltern Mitte der 1950er Jahre eine Zeit lang hauptsächlich von Nudeln ernährten. Das Ehepaar hatte gerade eine bahnbrechende Wende eingeleitet, indem es den seit 1824 in Familienbesitz befindlichen Gemischtwarenladen in eine Dirndlstube umwandelte. Schießpulver, Petroleum, Wein, Salz – was nicht veräußert werden konnte, verbrauchten die Eheleute kurzerhand selbst, vorneweg: kiloweise Nudeln. Geschadet hats nicht: Was mit einem einzigen Dirndlmodell begann, das Anton Barbarino im Koffer durch München trug, um es dem nach dem Krieg wieder Fahrt aufnehmenden Einzelhandel vorzuführen, entwickelte sich zu einem der bekanntesten und erfolgreichsten Trachtengeschäfte und Dirndlproduzenten Bayerns. Grund genug, an dieser Stelle auf weitere Anekdoten von anno dazumal zu verzichten. Viel gescheiter, man macht sich selbst ein Bild!

Von den guten (mitunter mühseligen) alten Zeiten zeugt vor Ort so manches Möbelstück. Wer vom Stadtplatz kommend herunter in Richtung der Grüben spaziert – Burghausens historische Handwerkermeile – muss den Blick geradezu losreißen von der schmucken klassizistischen Fassade des über 400 Jahre alten Eckgebäudes. Im Laden geht die Geschichtsstunde dann munter weiter. Entweder man lässt sich von den Nussbaumregalen und dem imposanten Tresen in die Biedermeierzeit zurückversetzen; oder man versucht zu erahnen, welche Düfte wohl aus den großen Holztonnen strömten, die exotische Gewürze beherbergten, als hinter dem Verkaufsraum noch das Magazin des einstigen Kolonialwarenladens lag; noch besser: Man lässt sich von Manuela Barbarino-Wagner gezielt durch die Räumlichkeiten führen, um Einblicke in die nicht minder spannende Gegenwart der Manufaktur zu gewinnen.

An der Unternehmensphilosophie hat sich über die Jahre nichts verändert. Barbarino-Dirndl stehen für höchste Qualität von Materialien, Passform und Verarbeitung. Um Letzteres kümmern sich – vom Zuschnitt bis zum millimetergenauen Vernähen – 18 Mitarbeiterinnen. Durch deren geschickte Hände gehen dabei ausnahmslos vorzügliche Stoffe, so etwa Leinen, Loden und Seidenbrokate aus Bayern und Österreich, Tweed aus Irland und England sowie Wollstoffe und Tuche aus Italien und Frankreich. Eines ist Barbarino-Wagner als Absolventin der Münchner Meisterschule für Mode wichtig: „Unsere Dirndl sollen geradlinig, klar und zurückhaltend aussehen. Wir wollen keinen Firlefanz, da hat jeder Knopf seine Funktion!“ Die Senior-Chefin selbst kümmert sich um die Gestaltung der Schnitte, um die Auswahl der Stoffe und nicht zuletzt – als ausgewiesene Lieblingstätigkeit – um die Farbkomposition der jeweiligen Kollektion. Den Versuch, aus den tausenden auf Stoffmessen feilgebotenen Farben und Mustern immer wieder aufs Neue eine Einheit zu formen, die sowohl im Handel als auch bei den Kundinnen zündet, nennt die Mutter dreier Kinder „Wissenschaft und Wagnis zugleich.“ Bislang sei es ihr aber noch jedes Mal geglückt, fügt sie lächelnd hinzu, während sie in alten Mappen blättert, in denen sie sowohl ihre Inspirationsquellen aufbewahrt (von farbenprächtigen Postkarten bis hin zu Schnipseln aus Architekturzeitschriften), als auch die darauf basierenden Stoffmuster-Collagen.

1995 hat Manuela Barbarino-Wagner das Geschäft übernommen. Zum Leidwesen ihrer Eltern erst nach jahrelangem Zögern, erzählt die gelernte Schneiderin, die es in die Münchener Modewelt gezogen hatte. Doch es muss ein Sog oder eine Art Zauber von diesem Haus ausgehen, der Geschäft und Familie zusammenschweißt. Also kehrte Barbarino-Wagner doch zurück und betont heute, wie sehr sie das Miteinander der Generationen vom ersten Moment an genoss. Die Mutter habe noch ein wenig im Laden mitgeholfen, sei aber mittags hochgegangen, um die von der Schule kommenden Enkel zu verköstigen. „Ich war dankbar für die Erfahrung der Eltern, die waren dankbar, dass es weiterging“, sagt die Geschäftsfrau. Eines jener damals zwischen Wohnung und Werkstatt hin und her wuselnden Enkelkinder gibt inzwischen einen noch besseren Beweis ab für diese wundersame und innige Verbundenheit der Barbarinos mit den Dirndln.

Seit 2017 spaziert auch Julia Schwarzenberger wieder tagtäglich durch den Laden, obwohl sie sich geistig und räumlich schon meilenweit entfernt hatte. Die älteste Tochter der Senior-Chefin studierte Sportwissenschaften, hatte in ein kleines Dorf nahe Garmisch-Patenkirchen geheiratet und saß dort sogar im Gemeinderat. Seit Jahren verbrachte sie die Sommer als Sennerin mit den Kindern auf einer Alm. Dort hörte auch sie eines Tages den süßen Sirenengesang aus Burghausen – und gab ihm nach. Wie es Mutter und Tochter, Senior- und Junior-Chefin mit dieser Entscheidung geht? „Ich bin heilfroh“, sagt Manuela Barbarino-Wagner. „Ich hatte schon befürchtet, die Dirndl mit ins Grab nehmen zu müssen.“

„Mit vier Kindern wäre es im herkömmlichen Berufsleben schwer geworden“, sagt Julia Schwarzenberger. So gehen nun Wohn- und Arbeitsstätte ineinander über, die Kinder können kommen und gehen, wie es ihnen gefällt, und sie selbst empfindet Freizeit und Beruf als eine harmonische Einheit. Genauso harmonisch wie die Zusammenarbeit zwischen Mutter und Tochter. „Wir ergänzen uns super“, betonen die beiden Damen.

Zeit ist Geld – ob man will oder nicht

Auch eine traditionsbewusste Branche wie diese unterliegt ja einem Wandel. In ihrer Lehrzeit durfte sie noch trödeln. Es habe gar einen Betriebs-Chor gegeben, erinnert sich Barbarino-Wagner.  Heute Dinge der Unmöglichkeit. Es heißt „Zeit ist Geld“, ob man will oder nicht. Mit ihrer Tochter an der Seite stellt sich die erfahrene Unternehmerin diesem Zeitdruck unerschrocken. Sie, die Ältere, kümmert sich in Ruhe um den kreativen Teil, während die Nachfolgerin den willkommenen frischen Wind hereinbringt und das trockene Zahlenwerk im Blick behält. Und zur unbändigen Freude beider Damen scheint jener Zauber im Hintergrund auch schon die nächste Generation zu locken. Während Manuela Barbarino-Wagner neue Schnitte ersinnt und Julia Schwarzenberger am Marketing feilt, schwebt deren Tochter Magdalena mit leuchtenden Augen durch die Werkstatt. Die Dreizehnjährige würde lieber heute als morgen mit anpacken. Die Barbarino-Dirndl haben also nicht nur eine bewegte Vergangenheit, sie dürfen auch hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. 

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