„Die Zeit ist der Luxus“

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob, Roger Jegg

Rum, Whisky und Zigarren: In der Nähe von Rosenheim versteckt sich ein Genusstempel der besonderen Art.

Während Nichtraucher die Nase rümpfen, atmen Aficionados tief und genussvoll ein, gerade so, als würden sie von einer wohltuenden Bergkräuter-Brise umweht. „Aficionado“: das Wort stammt aus dem Spanischen und beschreibt einen leidenschaftlichen Liebhaber. Doch vergöttert diese Art von Casanova nicht Frauen, sondern ein Genussmittel der nicht-fleischlichen Art – Zigarren zum Beispiel. Und den Qualm einer dickbäuchigen Cohiba empfinden jene Zeitgenossen eben als angenehm aromatisch. Ja, sie erschnuppern oder erschmecken darin sogar vielfältigste Aromen: von Erde über Muskat bis hin zu Zimt oder Zedernholz. Roger Jegg ist solch ein Aficionado. In seiner „Zigarrenschachtel“ in der Nähe von Rosenheim bietet der Fachhändler 660 verschiedene Sorten der exotischen Glimmstangen zum Verkauf an.

Dem Klischee des klassischen Qualmers entspricht Roger Jegg nicht ansatzweise. Ergraute oder kahle, auf jeden Fall wohlbeleibte Herren jenseits der 50, so stellt man sich Zigarrenraucher vor. Typ Winston Churchill. Alternativ hat man protzige Hollywood-Stars vor Augen, die mit der Zigarre gleichsam Reichtum und Männlichkeit im Mundwinkel zur Schau tragen. Typ Arnold Schwarzenegger. Von beiden Extremen liegt Roger Jegg so weit entfernt wie Havanna von Rosenheim. Ein schlanker Mann, die dunklen Haar akkurat gestutzt und bescheiden vom Scheitel bis zu den Budapestern – so begrüßt der zweifache Familienvater Gäste in seiner Zigarrenschachtel, die 2003 als reiner Online-Shop an den Start ging. Heute dürfte sie zwischen München und Salzburg das am besten sortierte Fachgeschäft rund um Zigarren und Zubehör sein.

Welch Understatement der Jungunternehmer da mit seiner Firmenbezeichnung betreibt, erschließt sich erst, wenn man den Weg zu ihm aufs Land gewagt hat. Die Geschäftsräume sind im Keller des Wohnhauses untergebracht. Von außen verraten nur ein kleines Schild, eine Art Freiluft-Smokers-Lounge sowie ein langsam verwitterndes Rumfass, welche Schätze da untertags lagern. Kenner bewahren Zigarren ja nicht einfach wie Zigaretten in windigen Papierpäckchen auf. Das angemessene Zuhause für Cohiba, Montecristo und Co. heißt „Humidor“, ein meist aus Holz gefertigter Behälter, in dem Zigarren bei tropischer Luftfeuchtigkeit am längsten leben und geschmackvoll bleiben. Roger Jeggs Humidor entpuppt sich als 32 Quadratmeter großer Raum, in dem Feinschmecker an Zigarren aus Kuba, der Dominikanischen Republik, Honduras, Nicaragua, Panama und Costa Rica vorbeiflanieren können. „Die Rückwände“, sagt Jegg stolz, „sind allesamt aus Zedernholz.“ Das schütze einerseits die wertvolle Ware vor Schimmel (teuerstes Stück ist eine mit 24 Karat Blattgold verzierte Zigarre zum Preis von 200 Euro), anderereits bringe das Zedernholz die Aromen der Zigarren einfach ideal zur Entfaltung. Sagt‘s und schnuppert an einer „Robusto“ aus dem Hause Leon Jimenes. Robustos, erklärt Jegg, seien etwa 12,5 Zentimeter lang, haben einen Durchmesser von rund zwei Zentimetern und man paffe eine gemütliche halbe Stunde daran hin. „Die ideale Zigarre für Anfänger“, betont Jegg, der sich kurioserweise im gleichen Atemzug als Nichtraucher bezeichnet.

 

Ein-, zweimal im Monat gönnt er sich den Luxus einer Zigarre. Und als wahren Luxus daran empfindet er die Zeit, die er sich dazu nimmt. Zigarre rauchen, das ist schließlich ein Ritual.Man schneidet das Mundstück zuerst an, dann entzündet man die Zigarre, zieht – nur paffen, niemals inhalieren! – und legt das gute Stück dann eine Weile ab, um es gemächlich vor sich hin glimmen zu lassen, während man seinen Gedanken freien Lauf lässt. War es damals der Schwiegervater, der Roger Jegg auf den Geschmack brachte, waren es später Kunden, die ihn überredeten, sein Angebot auf weitere Genussmittel auszuweiten. Ist ja auch naheliegend: Wenn man schon Köstlichkeiten aus Kuba importiert, warum dann nicht auch das Nationalgetränk des Antillen-Staats? Ältere Semester wiederum fragten nach Whisky. Also arbeitete sich Roger Jegg auch in die Welt dieser Spirituosen ein.

90 schottische Single-Malts und 55 Rumsorten zieren inzwischen das Sortiment der Zigarrenschachtel. Und Roger Jegg kann über den Einfluss von Bourbon- oder Sherryfässern auf das Whisky-Aroma oder die notwendige Lagerzeit eines Melasse-Destillats für einen runden Rum genauso leidenschaftlich dozieren wie über Zigarren. Expertenwissen, das er gerne weitergibt. Hier unten, in einem holzverkleideten Seminarraum, führt er regelmäßige „Tastings“ durch. Bis zu zehn Interessierte finden Platz, um ihre Geschmacksknospen auf die Probe zu stellen. Soll die Veranstaltung für mehr Menschen stattfinden, kommt Jegg auch nach Hause oder in Unternehmen. Vorab warnt der Missionar: Bei Whisky gebe es die Liebe auf den ersten Schluck eher selten. Zu trocken und zu scharf finden ungeübte Zungen das Zeug. Jegg erinnert sich grinsend an Geschmacks-Beschreibungen wie „Maschinenöl“ oder „Damenstrumpf“. Mit der Zeit gewöhne man sich jedoch an das vormals spröde Wesen des Whiskeys, verspricht Jegg, und er offenbare seine Geheimnisse. Plötzlich tauchen Vanille-Aromen unter der Schärfe auf, aus Maschinenöl wird die torfige Erde des schottischen Hochlands, aus Damenstrümpfen die herbe Süße der Kokosnuss.

Sie ist eine Welt für Entdecker, die Zigarrenschachtel. Eine Welt für mutige Männer und – ja bitte, fleht Roger Jegg fast – für mutige Frauen, die sich in neue Sphären des Genusses vorwagen wollen. Entdecker wie Christoph Kolumbus, der auf seiner Fahrt über den großen Teich nicht nur einen „neuen“ Kontinent, sondern dort auch den Tabak entdeckte. Gottlob reicht heutzutage für solche Entdeckungen eine Fahrt ins bayerische Inntal!

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Die nächsten Tasting-Termine in der Zigarrenschachtel:

Rumseminar am 18. März, 19 Uhr, 40 €

Whisky Blind Tasting am 19. März, 18 Uhr, 69 €

Zigarren & Rum Tasting* am 1. April, 20 Uhr, 69 €

Whisky & Rum Seminar am 2. April, 18 Uhr, 50 €

Perdomo Zigarren Tasting* am 14. April, 20 Uhr, 20 €

Whisky World Tasting am 15. April, 19 Uhr, 69 €

Gurkha Zigarren Tasting* am 3. Juni, 20 Uhr, 20 €

Kubanischer Zigarrenabend & Zigarrenroller* am 9. Juni, 20 Uhr

* im Café Shilas in Raubling

Anmeldung an seminar-tasting@zigarrenschachtel.de

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