Die wilde Schönheit des Verfalls

himmeblau Redaktion

Fotos: Eva Gentner und Miriam Rose Gronwald

Eva Gentners Werke der Unstetigkeit, Zerbrechlichkeit und einer stillen, manchmal verstörenden Schönheit zeigt der Kunstverein Rosenheim zum Jahresauftakt.

Das Jahr 2020 eröffnet der Kunstverein Rosenheim mit der Ausstellung desert von Eva Gentner. Die in Mannheim lebende Künstlerin zeigt Skulpturen, eine Videoarbeit und Zeichnungen, die allesamt eine Stimmung der „dystopischen Romantik“ durchziehen. Die Künstlerin experimentiert meist mit Materialien wie Holz, Zement und Textilien, die sie in das Spannungsfeld zwischen Schöpfungskraft und Zerstörungswut setzt. 

Zu den zentralen Werken der Ausstellung gehören flexible Betontextilien, die Gentner aus dünn gegossenem, mit  Pigmenten angereichertem Zement und Jute fertigte; feste, spröde Stoffe, die gleichzeitig eine zarte Zerbrechlichkeit zeitigen. In dieser Technik entstanden auch die Zementkimonos, die als Kostüme für Tanzperformances dienen. Solch eine Performance zeigt die Tänzerin Miriam Rose Gronwald am Eröffnungsabend der Ausstellung. Die Choreografie wirkt wie ein wechselseitiges und abwechselndes Liebkosen und Bekämpfen von Körper und Kimono. Nach und nach zeichnen die Tanzbewegungen Risse in den Zement, es entstehen Wölbungen und reliefartige Strukturen von einer zarten, kurzlebigen Schönheit. Am Ende der Performance ist das Kleidungsstück vollkommen zerschlissen.

Gemeinsam mit Miriam Rose Gronwald konzipierte Eva Gentner auch die Videoarbeit desert, die in der "Lieberoser Wüste" gedreht wurde, einer fünf Quadratkilometer großen Sandläche in der brandenburgischen Niederlausitz. Entstanden durch Waldbrand und Nutzung als Truppenübungsplatz, gekennzeichnet von extrem nährstoffarmen Sandböden und einem Wüstenmikroklima mit starken Temperaturunterschieden, ist das Gebiet ein Beispiel an sinnloser Naturübernutzung durch den Menschen. Heute ist es ein Schutzgebiet, in dem sich die Natur den Raum langsam wieder zurückerobert.

Diese Prozesse der Veränderung sowie die bizarre Schönheit des Ortes haben Eva Gentner interessiert. Für die Videoarbeit schuf sie Holzbojen, die sie der Wüstenlandschaft wie einem Ozean einverleibte. Beides, Wüste und Meer, sind von Naturgewalten beherrschte Orte, größer und mächtiger als der Mensch – und gerade deshalb von geradezu magnetischer Anziehungskraft. Die Bojen versteht Gentner als Kommunikationszeichen, die Orientierung in einem System schaffen sollen, das sich keinen menschlichen Regeln fügt.

Zeichnungen setzen das Thema der Naturveränderung fort. Sie sind an industriell veränderten und verlassenen Orten in Griechenland entstanden und zeigen Pflanzenstudien mit kurzen Texten. Texte spielen für Eva Gentner eine wichtige Rolle.  Sie bezieht sich auf die Etymologie der Wörter „Text“ und „Kontext“, die vom Lateinischen „textere“ (weben, flechten, zusammenfügen) abgeleitet wurden und in einem semantischen Zusammenhang mit Textilien stehen. Und so schließt sich der Kreis ihrer Kunst, indem sie Materialien und Ideen verknüpft, fortspinnt und verkettet, um stets neue Fragen aufzuwerfen.

Informationen zur Ausstellung

Eva Gentner: desert
18. Januar – 23. Februar 2020

Eröffnung: Freitag, 17. Januar, um 19 Uhr
Begrüßung und Einführung: Dr. Olena Balun, Vorstand Kunstverein Rosenheim
Performance: Miriam Rose Gronwald

Sonntag, 16. Februar 
11 Uhr Ausstellungsrundgang: Eva Gentner und Dr. Olena Balun
12 - 15 Uhr Workshop Radierung: Eva Gentner und Klaus Schmid (Materialkosten 15 Euro, Anmeldung erforderlich)

 

www.kunstverein-rosenheim.de

 

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