Die Welt jodelt

Lucia Schletterer

Fotos: privat

Ein Interview mit dem jungen Musikwissenschafter Luben Pavlov Cheshmedzhiev über Volksmusik, Globalisierung, Tiroler Abende und Jodel-Exporte aus dem Zillertal.

Spurensuche: Was hat Bulgarien mit dem Institut für Musikwissenschaft in Innsbruck gemein? Im Zweiten Weltkrieg waren deutsche Soldaten in der bulgarischen Hauptstadt Sofia stationiert. Sie hörten alpenländische Volksmusik. Ein junger Bulgare namens Luben Cheshmedzhiev kommt mit dieser Musik in Berührung. Sie bewegt ihn. Er verbindet sie nicht mit Politik, sondern mit den Ländern, aus denen sie kommt: Österreich, Tirol und Deutschland. Er liebt die volksmusikalischen Klänge, lauscht dem österreichischen Rundfunk, sieht später in seinem Leben auch Sendungen wie „Musikantenstadl“ und die „Krone der Volksmusik“. Die neu entdeckte Liebe zu dieser Musik bleibt. Nach dem Krieg fährt er, getragen von den Klängen der alpenländischen Volksmusik, nach Tirol – zum Skifahren und Wandern. Zuerst alleine, dann mit Freunden, später mit seiner Familie.

2014 findet Luben Pavlov Cheshmedzhiev den Weg nach Tirol. Er ist der Enkel von L. C. und studiert in Innsbruck Musikwissenschaften. Er spricht perfekt Deutsch; Luben hat es an der deutschen Schule in Sofia gelernt. Die Leidenschaft seines Opas für die Tiroler Berge und Kultur hat der Musikstudent von klein auf mitbekommen. Er will es jetzt genauer wissen: Sind die Tiroler wirklich so wie in den Büchern beschrieben: lustig, herumhüpfend und jodelnd?

Mit Musik hat Luben sich immer schon beschäftigt. Er spielt seit seinem achten Lebensjahr Geige. Als junger Erwachsener will er Musik nicht nur instrumental, sondern auch als kulturelles Phänomen verstehen. Luben entscheidet sich für das Studium der Musikwissenschaft. Spezialgebiet Tirol, wofür Innsbruck natürlich der geeignete Ort ist.

Auf die Frage, was Volks- oder Tiroler Musik sei, zitiert er den Naturwissenschafter und Volksliedsammler Franz Friedrich Kohl, der es so beschrieben hat: „Tirolerlieder sind jene Gesänge, die sich durch ihr ganzes Wesen und den Inhalt der Worte als echte Kinder des Tirolerlandes ausweisen. Dem inneren Wesen nach ist das Tirolerlied ganz besonders heiter, sonnig, wie die Tiroler Berge“.

Luben ergänzt mit seinen Worten: „Ich habe mich oft gefragt: ‘Was ist Volkmusik wirklich?‘ Ich beantworte diese Frage so: Volksmusik sollte nicht kommerziell sein. Es ist etwas, was eher im Privaten oder im engeren Kulturkreis übermittelt und weitergegeben wird. Die Großeltern geben das Wissen weiter und zeigen den Jungen, wie es geht, das Singen und das Jodeln. Volksmusik ist eng mit dem Leben der Menschen, mit der Kultur verbunden.“

Der Grat zwischen Volksmusik und volkstümlicher Musik ist schmal. Die volkstümliche Musik baut auf Elementen der Volksmusik auf, präsentiert sich einer breiten Masse und strebt einen kommerziellen Zweck an. Das Volkstümliche entsteht durch die Mischung von meist deutschem Schlager, Volksmusikinstrumenten und Gesang.

Die Volksmusik und die volkstümliche Musik koexistieren in Tirol seit ca. 100 Jahren; sie beeinflussen sich gegenseitig. Luben meint: „Wenn du jemanden, den du auf der Straße triffst, ein Lied von Hansi Hinterseer vorspielst und nach der Musikrichtung fragst, lautet die Antwort meist: ‚Das ist Volksmusik‘. Die gleiche Antwort erhält man auch von Touristen. Auch bei mir war das anfangs so: Ich habe nicht gewusst, was echte Tiroler Musik ist. Ich habe nur das gehört und gesehen, was über die Medien zu mir gekommen ist.“

Der Grund, warum Menschen aus aller Welt fasziniert sind von dieser Art von Musik, erklärt sich so: „Stell Dir vor, Du bist in Paris und Du hörst dort Musik, die Du mit Paris verbindest. Die Erinnerungen an diese schönen Momente in Paris wirst Du auch mit dieser Musik verbinden. Ich denke, so ähnlich ist es auch mit der volkstümlichen Musik. Man kommt nach Tirol, man sieht die schöne Werbung, man sieht wie die Leute lustvoll miteinander musizieren. Und dann denkt man sich: Oh, es ist so schön, die Berge und alles passen super zusammen. Man kommt und will sich unbedingt auch diesen bekannten Jodler anhören. Dann verbindet man ein ganzes Leben alles was „à la Tirolaise“ ist, also alles was ein bisschen in diese Richtung klingt, mit Tirol. Das ist quasi eine Art von Konditionierung.“

Um der Frage genauer nachzugehen, was Menschen heute an der Tiroler Musik finden, hat Luben Feldforschung bei einigen „Tiroler Abenden“ gemacht; sie werden zur Hauptsaison in vielen Tiroler Wirtshäusern angeboten. Er erzählt: „Bei den Tiroler Abenden gibt’s Leute aus der ganzen Welt. Die flippen wirklich aus, wenn sie dieses Jodeln hören. Es ist einfach faszinierend. Es ist wie auf einem Rock-Konzert. Es gibt immer einen ‚response‘ vom Publikum. Die Leute sind gut drauf und schreien auch vor Freude“.

Nicht nur das Musikalische verbindet, aktuelle Entwicklungen beeinflussen uns alle genauso, wie Luben meint: „Wir leben in einer globalisierten Welt und das nicht erst seit 10, 20 Jahren. Die Globalisierung ist Teil der Geschichte, besonders auch in Europa. Globalisierung hat eine große Auswirkung auf die Volksmusik, weil sie dadurch – ‚gefährdet‘ wäre ein zu starkes Wort – beeinflusst wird. Es gibt viele Positiv-Beispiele von heutigem ‚Volksmusikmischmasch‘ oder ‚World-Music‘. Man kann heute ein mongolisches Volkslied mit afrikanischen Klängen auf europäischen Instrumenten spielen. Das war vor 50 Jahren noch nicht möglich. Internet und neue Medien schaffen hier unzählige neue Möglichkeiten.“

Auch das Jodeln ist ein Beispiel für Globalisierung. Ursprünglich wurde es als Kommunikationsmedium erfunden. Das heißt, man geht davon aus, dass in den „Pre-Handy-Zeiten“ die Menschen gejodelt haben, um über weitere Strecken miteinander zu kommunizieren. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts wurde das alpenländische Jodeln über den Alpenraum hinaus bekannt. Sänger, zum Beispiel aus dem Zillertal, sind durch Europa und sogar Amerika „getourt“. Sie hatten großen Erfolg bei der Darbietung ihrer Musik. Am Berühmtesten waren damals die Geschwister Rainer aus Fügen im Zillertal. Luben ergänzt: „So kommt es, dass es Jodeln heute nicht nur im Alpenraum gibt. In Amerika, bei der Countrymusic wird auch manchmal gejodelt. Der Grund dafür sind deutsche Auswanderer, die ihre Musiktradition nach Amerika mitgebracht haben. Und das ist dann in die Countrymusic eingeflossen.“

„Globalisierung sind Verhältnisse, nicht nur wirtschaftliche, sondern auch kulturelle. Durch die Medien sind wir heutzutage so vernetzt, dass über die ganze Erde zwischen den Menschen Bande, kulturelle Information und Praktiken gespannt sind. Wir leben in einer extrem globalisierten Zeit. Das bringt natürlich Vorteile, weil wir uns dann besser als Menschheit kennen, aber trotzdem auch die Gefahr, vieles von unserer Geschichte und unseren Traditionen zu vergessen“, so Luben weiter.

In Tirol braucht man sich darüber wohl nicht allzuviele Sorgen machen. Volksmusik hat hierzulande einen sehr hohen Stellenwert. Fast in jedem Ort gibt es Musik- und Blasmusikvereine, Musikschulen, die Volksmusik lehren und praktizieren.

Klar ist auch: Volksmusik entwickelt sich laufend weiter; das muss sie auch. Gleichzeitig ist es schön, wenn die Lieder der Großeltern bis zur Enkelgeneration weitergegeben werden. Luben berichtet von Kollegen, die in Innsbrucker Altersheime gegangen sind und mit Leuten über Lieder aus deren Kindheit geredet haben. Lieder, die diese Menschen mit ihren Erinnerungen verbinden. Mit dem Tod alter Menschen gehen diese musikalischen Teile der Kulturgeschichte oft verloren. Die Musikwissenschaft und -forschung hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese hörbaren Kostbarkeiten aufzugreifen, um sicherzustellen, dass dieses Liedgut nicht vergessen wird.

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