Die Tage der Verlorenen

Anna-Maria Stiefmüller

Fotos: M. Stapf

Von 18. bis 20. Dezember gastiert in Innsbruck ein ganz besonderer Wanderzirkus. Das Performancefestival Plateau Partagé des Vereins Freifall widmet sich in seiner zweiten Auflage den gesellschaftlichen Fragen vom Verlieren und Finden. Damit treffen die Festivalmacher Verena Schneider und Alexander Iwanov den empfindlichen Nerv der Zeit. 

Flüchtlingskrise. Klimakatastrophen. Corona. Die vergangenen Monate hatten es in sich. „Viele Menschen fühlen sich orientierungslos, ratlos. Und verloren“. Mit seiner Einschätzung steht der junge Theatermacher Alexander Iwanov nicht alleine da. Kürzlich wurde der Begriff „lost“ zum Jugendwort des Jahres 2020 gewählt. Gerade junge Menschen sind es, die im Spannungsfeld zwischen prekären wirtschaftlichen Verhältnissen und den gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen ihren Weg finden müssen. Insbesondere, wenn sie wie Alexander Iwanov ihr täglich Brot in der freien Kulturszene verdienen. Auch seine Mitstreiterin Verena Schneider, die als freischaffende Artistin tätig ist, fand sich in der Zeit des Lockdowns in einem Zustand der Verlorenheit wieder. „Diese Zeit zeigte uns schmerzhaft, wie schnell wir Einkommen, Sicherheit und soziale Bindungen verlieren können“, sagt die 33-jährige Tirolerin. Nun liegt der KünstlerInnen Seelen nichts ferner, als das eigene Tun und Schaffen als Insel zu betrachten. Gerade für Kulturschaffende der freien Szene sind die Vernetzungen mit anderen jener doppelte Boden, den es in den oft schwindelerregenden Höhen der Kunst so dringend braucht. Deshalb ist das Projekt Plateau Partagé, das Schneider und Iwanov im Dezember in Innsbruck kuratieren, mehr als ein transdisziplinäres Festival. Es ist ein Versuch, Verbindungen zu schaffen. Zwischen den verschiedenen Facetten künstlerischen Schaffens. Zwischen Orten. Und: Zwischen Menschen.

Zeitgenössische Kultur ist anspruchsvoll. Aber eben auch erfrischend experimentell und überraschend vielschichtig, das stellte das Plateau Partagé-Team schon vergangenes Jahr eindrucksvoll unter Beweis. Performance, Theater, Literatur, Musik, Fotografie und alles dazwischen und darüber hinaus verschmilzt auch in der zweiten Auflage des Festivals zu einem großartigen Ganzen. 

Trotz aller Diversität ist den partizipierenden Kunstschaffenden eines gemein: Die Auseinandersetzung mit dem Themenkreis des Verlustes und des Verlorenseins: So etwa teilt Ebrahim Amini, ein Autor aus Afghanistan, Teile seines Romans und damit seiner Fluchterfahrung mit dem Publikum. Auch der Film „Lost Lost Lost“ des kürzlich verstorbenen New Yorker Filmemachers Jonas Mekas erzählt vom Verlust der Heimat  und beschreibt auf eine sehr poetische Art und Weise das Gefühl einer sogenannten „displaced person“, die das alte Heimatland noch nicht vergessen und die neue Heimat noch nicht gefunden hat. Auch die Festival-Initiatorin Verena Schneider selbst steht auf der Bühne. Gemeinsam mit der Akrobatin Charlotte Le May spielt sie das Performancestück „Nador After“ und rückt eine verlorene, utopische Stadt ins Zentrum der Wahrnehmung. Stichwort Stadt: Sie ist es, die dem ganzen Festival einen Rahmen bietet. Neben den fixen Spielstätten Leokino, Brux und Audioversum wird auch das Dazwischen zum künstlerischen Raum. Publikum und Künstlerinnen wandeln – coronakonform – mit gebührendem Abstand und in kleinen Gruppen zwischen insgesamt sechs Stationen des Geschehens. Fast wie in einem Parcours bahnt sich das Publikum seinen Weg zu und zwischen den Festivalstationen. Ein „Durchlauf“ dauert etwa 90 Minuten. Damit bekommt der alte Begriff „Wanderzirkus“ eine völlig neue Bedeutungsebene. Und vielleicht schafft dieses Festival genau das, wonach sich so viele sehnen: Einen sicheren Hafen. Einen Ort zum Andocken. Mit der Kunst von Plateau Partagé als Anker. 

www.verein-freifall.com

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