Die Suche nach der verlorenen Mystik des Qigong

Constanze Haslacher

Eine uralte chinesische Meditationsform kämpft mit den Tücken der westlichen Fitness-Industrie. Nur wenige Enklaven betreiben Qigong noch ursprünglich.

Man steht auf der steinernen Terrasse eines Klosters. Es ist warm, ein leichter Wind weht. Ein Greis unbestimmbaren Alters führt einer Gruppe fließend Formen des Qigongs vor. Die Gruppe imitiert still und synchron, jeder kehrt in sich, findet sein Zentrum. So stellt man sich Qigong vor – genauer gesagt ich. Meiner ersten tatsächlichen Begegnung mit der uralten chinesischen Meditationsform mangelte es an dieser Romantik: Ich ging von einem Bürogebäude in ein anderes, um das von der Arbeit subventionierte Qigong-Angebot im hauseigenen Sportraum wahrzunehmen. In der Luft hingen noch Schweißtröpfchen vom „Bauch, Beine, Po“ der Vorgänger. Wir rückten Stepper und Powerplates beiseite, als der Lehrer leicht abgehetzt auftauchte. „Sorry, stand im Stau“, hechelte er – und schon ging es in spiegelgreller Neonatmosphäre los mit der Besinnung...

Qigong hat seine mystischen Wurzeln verloren. Wissenschaftliche Studien haben seine heilsame Wirkung nachgewiesen. Die Übungen wirken harmonisierend auf das vegetative Nervensystem, senken den Blutdruck, stärken die Immunabwehr und regulieren die Stresshormone. Weil man die Wirkung belegen kann, findet man die Kurse heute überall. Kliniken, Therapiezentren, Volkshochschulen und Fitnesszentren bieten Kurse an. Sogar der ein oder andere Arbeitgeber gedenkt durch Kurse das Qi seiner Mitarbeiter im Einklang, und somit die Krankschreibungen niedrig zu halten.

Leider riecht sich der Schweiß eines Fitnessraums nicht optimal an, wenn man sein Qi (gesprochen „tschi“) wecken will. Ich machte mich deshalb auf die Suche nach der verlorenen Mystik des Qigong und wurde ausgerechnet auf „facebook“ fündig. Maria Reicht zeigt dort Fotos von sich und ihren Schülern im Freien. „Wenn ich mich zur Mangfall stelle, kann ich alles durch mich hindurch fließen lassen. Ich verbinde mich mit dem Fluss und mit dem Unendlichen des Wassers,“ erklärt sie. Das klingt vielversprechend. 

Reicht macht seit 1995 Qigong. Für sie war es eine Spontanliebe: „Ich habe Einiges ausprobiert. Als ich zum ersten Mal Qigong machte, war ich sofort begeistert.“ Damals war sie Schülerin, heute gibt sie ihre  Begeisterung an andere weiter: „Qigong ist für alle! Ich gebe Seniorenkurse oder auch Kinderkurse. Für Kinder baue ich alles in Geschichten ein, gehe spielerischer heran. Auch Erwachsene machen gerne hin und wieder mal eine Kinderübung“, erzählt sie lachend.

Was bedeutet Qigong? Reicht erklärt: „Qi bedeutet Lebensenergie, Vitalität, Lebendigkeit, Beseeltheit. Gong bedeutet Arbeit, Aufgabe, beharrliches Üben.“ Es ist Bestandteil einer jahrhundertealten Medizin aus China. Die chinesische Medizin beruht nicht auf wissenschaftlichen Versuchen – obwohl sich die Wissenschaft heute bereits an die Beweisführung gemacht hat – sondern auf Erfahrungswissen. Reicht erläutert: „Der Prävention von Krankheiten wird besondere Bedeutung beigemessen. Jeder ist damit für sein Wohlergehen direkt verantwortlich.“

Welche Bedeutung hat das Qi aus Sicht der chinesischen Medizin? Das freie Fließen des Qi durch die Meridiane (die Energiebahnen im Körper) hilft, dass der Mensch gesund ist. Sind die Meridiane behindert oder blockiert, so können die Organe nicht harmonisch zusammenarbeiten. Qigong regt den Qi-Fluss an und bringt so den Körper wieder ins Gleichgewicht.

Von verblüffenden Resultaten kann auch Reicht berichten: „Als ich begann, Qigong zu praktizieren, war  ich sehr krank. Meine chronische Arthritis habe ich mit Qigong geheilt.“ Ab dem 24. Juni steht sie bei schönem Wetter jeden Sonntag zwischen 10 Uhr und 11 Uhr wieder draußen, wo sich in Rosenheim Mangfall und Inn treffen und macht Qigong – mitmachen darf jeder.

Ich stehe auf Gras, links fließt ruhig die Mangfall, rechts fließt etwas aufgeregter der Inn. Eine Frau unbestimmbaren Alters führt Übungen vor. Das Wasser der Mangfall fließt hier in den Inn, später in die Donau und letztlich ins Meer. Plötzlich fühle ich mich mit der Unendlichkeit verbunden – meine Suche nach der verlorenen Mystik des Qigongs, hier geht sie zuende.

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