Die Stadt ohne Vergangenheit

Hans-Roland Zitka

Fotos: Andreas Jacob, Stadtarchiv Waldkraiburg, Hans-Roland Zitka

Sie hat kein Gestern, kaum Geschichte. Und doch ist sie bekannt, wird viel genannt. Waldkraiburg hat sich erst vor Jahrzehnten oberhalb von drei engen Schleifen des Inns breit gemacht und ist gewachsen zu einer Stadt, wo zuvor nie eine war.

Sommer 1948. Vier oder fünf halbwüchsige Jungen sitzen tief unten in einem finsteren Bunker, ordnen, räumen, sortieren. Um damit ein bisschen von dem neuen, glitzernden Geld zu verdienen, der so begehrten Deutschen Mark. Hergeholt von Leuten, die erst recht von dem neuen Geld profitieren wollen: der eine ein ehemaliger Ami-Offizier (spricht aber fließend deutsch), die anderen beiden Chemiker, einer sogar promoviert. Der andere war eigentlich ein sehr fähiger Laborant, ein tüchtiger Praktiker. Beide dürften offiziell gar nicht arbeiten, denn sie waren „bei der Partei“. Der Laborant war übrigens Vater einer der Buben. Und diese Buben sollten den Inhalt von Holzkisten sortieren und für die weitere Verwendung vorbereiten. Alles war noch richtig neu und unberührt, der Inhalt aber brisant: hochwertige Zünder aus Messing, glänzend wie Gold. Und Messing hat als Halbedelmetall um diese Zeit hohen Wert und lässt sich gut verkaufen. Und dann waren da noch Hunderte von Kopien deutscher Spielfilme aus der Kriegs- und Vorkriegszeit, ganze Kisten zu ordnen und zu dokumentieren. Wozu? Das Silberbromid, das sie enthalten, war sehr begehrt, Chemiker wissen Bescheid.

Und jetzt kommt’s: Geschehen ist das alles vor gut 70 Jahren im Halbdunkel zwischen zwanzig Meter hohen Fichten im Mühldorfer Hart, einem riesigen Waldgebiet östlich von München, durchlöchert wie ein Käse von zig Bunkern eines Pulverwerks, einer von US-Bomben recht mitgenommenen Munitionsanstalt. Es war ja Krieg. Die Tarnnetze sind um diese Zeit sogar noch da, und auf dem 1945 verlassenen Bunkergelände geschieht auch sonst Merkwürdiges. Jeder sucht herum, ob er etwas Brauchbares findet. Die Not ist groß, und es geht um ein besseres Leben, es geht um das neue Geld.

Doch zurück zu unserer Geschichte. Die drei Fachleute gründen eine Firma, verwerten von der Wehrmacht hinterlassenes Kriegsgut und machen mit der Zeit lukrative Geschäfte. So schnell und so sorglos, dass man eigentlich hätte beängstigt sein müssen. Und mit Abfällen oft unklarer Auswirkung auf die Natur. Denn was da beseitigt und eingegraben wurde, vergiftete Erdboden und Grundwasser und führte zu einem so hohen Grad an Kontamination, dass die behördlich viel zu spät verfügten Auflagen nicht bezahlt werden konnten. Um diese Zeit waren der Amerikaner, der Chemiedoktor und der Laborant aber schon über alle Berge. Die Firma gibt es aber noch heute.

Im Mühldorfer Hart wurde 1940 eine der größten Munitionsanstalten der Wehrmacht errichtet. Mit etwa fünfhundert von den Wipfeln der Fichten abgeschirmten Baulichkeiten. Überirdisch schützte man sie durch Erdaufschüttungen und Tarnnetze, unterirdische Bunker schützten sich selbst. Luftaufnahmen der Alliierten zeigen indessen, dass man vieles erkennen konnte. Am 11. April 1945 griffen dann 133 alliierte Bomber das Pulverwerk an, sie konnten aber nur ein Zehntel der Anlage treffen und beschädigen. Gründlicher waren die Sprengarbeiten nach der Besetzung des Geländes, denen die unterirdischen Bunker, die Kesselanlagen und Pumpstationen zum Opfer fielen – eine späte Genugtuung für die US-Army. Bei Kriegsende zunächst sich selbst überlassen, wurde das Gelände von Umherstreichenden geplündert und verwüstet, bis ein amerikanischer Soldat einmal gedankenlos eine Zigarette wegwarf, eine gewaltige Detonation auslöste und zerfetzt wurde. Erst da hat man die Gefahren des Geländes erkannt. Dennoch ging es, wie man so sagt, weiterhin drunter und drüber.

1946 gaben die Amis das Werk frei und überließen die Verwaltung einer Zivilbelegschaft. Und die hatte genug zu tun, denn das im Wald versteckte Gelände war so groß wie eine Stadt. Und dann kam sie, die große Lawine. Zug auf Zug fuhren auf der zweigleisigen Anlage des benachbarten Ostarbeiterlagers (es war vom Kreisflüchtlingsamt beschlagnahmt worden) Transporte mit entwurzelten Menschen ein, Sudetendeutsche, von den Tschechen vertrieben und in eine ungewisse neue Welt gejagt. Auch Schlesier waren dabei. Achtzig Prozent aber kamen aus dem Norden Böhmens, viele aus dem Adlergebirge. Der Lehrer Fritz Pischl organisierte hier Adlergebirglertreffen, baute ein Museum. Kommt man von München, wird man schon am Stadtrand von Waldkraiburg mit Schildern von Patengemeinden im Adlergebirge und im Schönhengstgau begrüßt.

Es kamen aber auch Siebenbürger und andere, sie alle brachten ihre Fähigkeiten und Kenntnisse mit, überwanden mit Zähigkeit, Fleiß und Glück alle Anlaufschwierigkeiten. und errichteten bald improvisierte Textil-, Glas- und Spielzeugbetriebe. Zu den heute noch führenden Firmen Waldkraiburgs gehört ein Graslitzer Musikinstrumentenwerk, eine hochtechnisierte Gelenkscheibenherstellung, die Südfleisch GmbH, das von Amerikanern weitergeführte Chemiewerk, ein Gummiwerk, eine Pumpenfabrik, Hersteller von Keramikwaren und anderem – ein buntes Bild, eben wie die bunte Zusammensetzung der vertriebenen Menschen von einst. Die Nachkommen der Sudetendeutschen und Schlesier sind wohl noch da, haben sich aber schon weitgehend mit dem bayerischen Element vermischt. Landsmannschaftlich rührig sind, wie auch anderswo, gerade noch die Egerländer, ansonsten ist vieles weggebrochen. Dafür trifft man umso mehr Russlanddeutsche, Rumänen, Griechen, Italiener, Spanier, Bosnier und Türken, für die bereits eine Moschee gebaut wurde.

Wie eine Trutzburg hält sich aber immer noch das Haus Sudetenland, das als Schullandheim, Jugendbildungsstätte und Jugend-Begegnungsstätte eine beliebte Freizeiteinrichtung geblieben ist. Und: Ob Iglauer Straße, Altvaterweg, Gleiwitzer- und Banater Weg, ob Gablonzer- oder Teplitzer Straße – schon die Straßennamen zeigen, wer hier die Ersten waren, sie zeigen wo man ist, nämlich in einem Schmelztiegel der Nachkriegsgeschichte. Alte Stadttore, mittelalterliche Ruinen oder schmucke barocke Kirchen? Derlei ist hier nicht zu sehen – Waldkraiburg ist eine Stadt ohne Vergangenheit, aber mit einer sehr lebendigen, realistischen Gegenwart. Und eben die macht die Stadt oberhalb der drei Innschleifen zu einem besuchenswerten Ziel. Einfach mal hinfahren!

Was es zu sehen gibt

Den Bunker 29
Das ist ein original erhaltenes Gebäude der alten Pulverfabrik von 1940. In sechs Räumen erfährt man alles über die Stadt und ihre Industrie. Sehen, hören und riechen sind die Wege des Erlebens.

Das Haus der Kultur mit Stadtmuseum, Glasmuseum und Städtischer Galerie
Der kulturelle und gesellschaftliche Treffpunkt. Gut geeignet für Veranstaltungen aller Art. Im Stadtmuseum erlebt man die Anfänge der Stadt als Pulverfabrik, die Ansiedlung der Heimatvertriebenen und das schnelle Wachstum der jungen Gemeinde. Auch die Heimatstube des Adlergebirges ist hier untergebracht. Im Glasmuseum begegnet man einer in Deutschland einzigartigen Sammlung von Gläsern aus Nordböhmen. Hier wird das Thema Glas und dessen Herstellung lebendig dargestellt.

Den Weg der Geschichte
Er bietet mit seinen achtzehn Stationen Bilder und Texte, die in der Historie Waldkraiburgs eine wichtige Rolle spielen. Nehmen Sie sich zwei Stunden Zeit dafür.

Gut essen, gut trinken
Ob bayerisch oder chinesisch, mongolisch, italienisch, kroatisch und indisch: gut essen kann man in Waldkraiburg überall, die Auswahl an Lokalen ist groß.

Besuchenswert
Das Haus der Jugend, das Haus der Vereine und das Haus Sudetenland. Auf sportlich Veranlagte warten unter anderem ein schönes Schwimmbad, eine Kartbahn, ein Golfplatz, der nahgelegene Wildfreizeitpark Oberreith und eine Kletterhalle.

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