Die rote Verführung

Christian Topel

Foto: Andreas Jacob

Im Wonnemonat Mai sehen Feinschmecker rot: Auf den Feldern warten erste Erdbeeren. Im Gegensatz zum Verzehr ist ihr Anbau kein Zuckerschlecken.

Jetzt im April werden die Weichen gestellt. Um nächstes Jahr wieder eine reiche Ernte einfahren zu können, muss Familie Niederthanner aus Nußdorf am Inn bei Wind und Wetter hinaus auf die Felder, um – zwar auf einer rückseitig an ihrem Traktor angebrachten Vorrichtung sitzend, aber dennoch per Hand – tausende Exemplare jener Rosengewächse zu pflanzen, deren Früchte uns typischerweise die Frühsommerwochen versüßen: Erdbeeren. Wobei das mit den Beeren nicht so ganz stimmt. Aus botanischer Sicht sind Erdbeeren gar keine Beeren, sondern sogenannte Sammelnussfrüchte. Was uns so mundet – das köstliche rote Fruchtfleisch –  gilt nur als Scheinfrucht. Die eigentlichen Früchte der Erdbeere bilden jene winzigen gelben Körnchen an der Oberfläche, die Nüsschen eben. 

Auf die Nuss kam Konrad Niederthanner durch den Erdbeerbetrieb seines Cousins im Allgäu. Dort hatte der gelernte Maurer, der hauptberuflich als Betonprüfer im nahegelegenen Zementwerk arbeitet, schon öfter mitangepackt. Das nötige Wissen besitzt er ohnehin, nach der zusätzlichen landwirtschaftlichen Lehre auf dem elterlichen Hof. Während der ältere Bruder jenen Hof übernimmt, bauen sich Niederthanners in Nussdorf ihr Haus und bringen 1998 ihren erster Sohn auf die Welt, dem bald zwei Brüder folgen. Das Ehepaar entscheidet sich, dass Mutter Vroni zuhause bei den Jungs bleibt. Den Verdienstausfall wollen sie ausgleichen, so die Überlegung, indem sie Felder in Nußdorf und später auch im Rosenheimer Ortsteil Pang pachten – um Erdbeeren anzubauen.  

Ein hartes Brot, zumindest in der Anfangszeit. Im April 2000 pflanzten Niederthanners zum ersten Mal Erdbeeren an. Das folgende, erste Verkaufsjahr verregnete es zuerst stark, und als dann endlich ein paar Tage die Sonne schien und erste Kunden kamen, hagelte es den Großteil der Erdbeeren kurz und klein. „Das bremste unsere anfängliche Begeisterung ganz schön ein“, erinnert sich Vroni. Gottlob, aus heutiger Sicht, ließ sich das Ehepaar aber nicht entmutigen. Inzwischen haben sich die Felder zu Füßen des Heubergs vom Geheimtipp fast schon zur Erdbeeren-Pilgerstätte entwickelt. Bei gutem Wetter verbinden viele das Erdbeerpflücken mit einem Ausflug in die fantastische Flora und Fauna rund um das malerische Dorf.

Bevor sich ab Mitte Mai erste Liebhaber am feinen Aroma der frühen Erdbeeren laben können, muss Familie Niederthanner Stroh in den Reihen verteilen. Zuerst grob mit einer Maschine, die Feinarbeit dann per Heugabel. Reihe für Reihe gilt es, das Stroh gleichmäßig zu streuen, damit die reifen Erdbeeren trocken und sauber gepflückt werden können. „Dabei ist das richtige Timing  entscheidend“, erklärt Vroni. Warten sie zu lange, sind die Pflanzen schon so groß, dass sie mit Traktor und Strohstreuer nicht mehr gut durch die Reihen kommen. Streuen sie zu früh ein, besteht die Gefahr, dass es den Blüten in eisigen Nächten zu kalt wird, weil der Boden die tagsüber gespeicherte Wärme nicht nach oben abgeben kann. Worauf es noch zu achten gilt? Während der gesamten Vegetationszeit eines Jahres versuche sich natürlich auch Unkraut breit zu machen, sagt Konrad. Von März bis Oktober müssten sie deshalb immer wieder durch die Pflanzenreihen „krabbeln“, um die Eindringlinge auszustechen. Nur zwischen den Reihen ist das maschinell möglich. Tierische Eindringlinge sollen Zäune aufhalten. Auch deren Errichtung erweist sich als ziemlich mühsam.

Spannend wird es dann während der rund fünfwöchigen Erntezeit. Wenn die Erdbeerpflanzen bereits blühen, verfolgt die Familie inzwischen unermüdlich den Wetterbericht. Droht Frost, kann das Feld rechtzeitig mit einer Vliesabdeckung geschützt werden. Die beiden Nussdorfer erinnern sich an Jahre, als in einer Nacht die halbe Ernte erfror. Daher bauen sie heutzutage auch lieber mittel- bis spätreife Sorten an. Die Frostgefahr ist da nicht mehr so groß. Wie sieht denn nun das ideale Erdbeerwetter aus? „Durchwachsen“, sagt Vroni zwinkernd. Entgegen der landläufigen Meinung sei Hitze für Erdbeeren eher schlecht, weil sie dann zu schnell reifen und nicht gut halten. Besser seien mittlere Temperaturen  mit immer wieder mal Regen. Erdbeeren reifen über Nacht, auch bei niedrigen Temperaturen, und  schmecken erstaunlicherweise gut und süß, auch bei kühler Witterung. Apropos Kälte: Was passiert den Winter über? Langweilig werde es ihnen nicht, versichert Vroni. Neben Konrads Hauptberuf und ihrem Haushalt würden sie beispielsweise Maschinen warten oder die Erdbeerverkaufshäuschen bauen. 

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