Die Rodung an der Traun

Hans-Roland Zitka

Fotos: Stadt Trostberg, DASMAXIMUM, Hans-Roland Zitka

Mitten im Chiemgau liegt am Rande einer urtümlichen Landschaft eine junge, lebendige Stadt: Traunreut. Sie zählt zu den nach 1945 oft auf gewagte Weise entstandenen Neubürgersiedlungen und ist heute eine sympathische Industrie- und Einkaufsstadt.

Aus der Vogelperspektive gesehen ist dieser Erdenwinkel harmonisch zwischen Waginger See und Chiemsee eingebettet. Dahinter die gewaltige Mauer der Chiemgauer Alpen, davor, immer noch fast zur Hälfte bewaldet, die leicht modellierte Hügellandschaft der letzten Eiszeit. Chiemsee- und Salzach-Gletscher hinterließen hier Alt- und Jungmoränen, gewaltige Schotterdecken und den stellenweise mehrere tausend Meter tiefen Molasse-Trog.

Diese Umstände können zwar mitgewirkt haben, als man vor dem Zweiten Weltkrieg nach geeigneten Standorten für die Aufrüstung Ausschau hielt; noch wichtiger aber war wohl deren Platzierung im äußersten Süden des Reiches, also außerhalb der Reichweite der gegnerischen Bomberverbände.

Für die Standortwahl kamen möglichst geschlossene Waldgebiete in Frage. So entstand ab 1938 ohne lange Vorbereitungen bei Sankt Georgen nahe Traunstein eine Heeresmunitionsanstalt, kurz Muna genannt. „In größter Eile und unter strengster Geheimhaltung wurden auf einem ca. 2,5 Quadratkilometer großen, eingezäunten, getarnten und bewachten Gelände an kilometerlangen Verkehrswegen insgesamt 34 massive Munitionsbunker sowie eine Vielzahl von Funktionsbauten und Wohnbaracken errichtet“, heißt es in einer Veröffentlichung über diese Zeit. Mit dem Verkehrsnetz rundum war die Anlage durch Bahngleise und eine Stichstraße verbunden. Die Muna Sankt Georgen diente weniger der Herstellung, als der Lagerung von Munition und chemischen Kampfstoffen, wobei letztere niemals zum Einsatz kamen.

Obwohl die Anlage der alliierten Luftaufklärung bekannt war, wurde sie niemals angegriffen und am 3. Mai 1945 kampflos und unversehrt der US-Army übergeben. Erst nach 1948 hat man die meiste Munition abtransportiert, einen Teil auf dem Gelände gesprengt und das Giftgas an Ort und Stelle verbrannt. Dabei kam es freilich zu unkontrollierbaren Explosionen und zu Todesfällen (an die Opfer erinnert heute ein Mahnmal neben dem Rathaus) – wegen der Gefahr unterblieben Plünderungen. Die notwendige Entgiftung und Rückverwandlung chemischer Kampfstoffe für den zivilen Bedarf beschäftigten etwa sechshundert Menschen auf dem Gelände.

Die weitere Entwicklung entbehrte nicht einer gewissen Ironie. Die ehemaligen Grundeigentümer, zumeist Bauern aus kleinen Ortschaften, wurden entweder mit Geld oder mit Grundstücken des Truppenübungsplatzes Traunstein entschädigt. Dem Freistaat Bayern gelang es aber nicht, das Gelände einer der Gemeinden rundum anzudienen – da waren zu große Vorbehalte vorhanden. Daher wurde mit Wirkung vom 1. Oktober 1950 einfach eine neue politische Gemeinde gegründet, der man den Namen „Traunreut“ gab, die Rodung an der Traun. Die Altgemeinden brauchten also keine Belastungen zu befürchten.

Es kam aber ganz anders. Traunreut begann zu wachsen und zu gedeihen, während die alten Gemeinden rundum stagnierten. Da mittlerweile immer mehr Entwurzelte des Kriegsgeschehens nach Arbeit und einem „Dach über dem Kopf“ suchten, siedelte das Bayerische Wirtschaftsministerium in Traunreut Firmen an, die nach günstigeren Standorten suchten. Ende 1948 gelang es, die Siemens-Schuckert-AG zu bewegen, ein Zweigwerk von Hof nach Traunreut zu verlegen. Es beschäftigte bald 700 Menschen und stellte Haus- und Küchengeräte, Beleuchtungskörper und Schaltgeräte her. Auch eine Strickhandschuhfabrik aus Sachsen verlegte ihren Hauptbetrieb nach Traunreut und nutzte die Kenntnisse vertriebener Sudetendeutscher. Ein optisches Werk, eine Süßwarenfabrik, eine Baufirma, eine Spinnerei, eine erkzeugmaschinenfabrik, ein Betrieb zur Getränkeherstellung, eine Möbelfabrik und ein Betonsteinwerk folgten, so dass bald mehr als einhundert Industrie-, Gewerbe- und Handelsbetriebe ansässig wurden. Sogar ein Auto wurde hier kreiert, der niedliche offene Sportwagen „Spatz“, dem aber leider keine lange Lebenszeit vergönnt war.

Ende der Fünfzigerjahre waren bereits 3.600 Arbeitsplätze vorhanden, sodass die Einwohnerzahl schnell auf 10.000 Menschen anwuchs. Zwei Drittel davon waren Vertriebene und Flüchtlinge, nur ein Fünftel kam aus anderen Teilen der Bundesrepublik. Der erste Bürgermeister, Karl Löppen, stammte aus dem Egerland, er war es, der in hingebungsvoller Kleinarbeit die Grundlagen für eine lebensfähige Gemeinde schuf. Heute zählt Traunreut über 21.000 Einwohner und verfügt über alle Einrichtungen, die ein zeitgemäßes Städtewesen ausmachen. Umgebende Gemeinden wie Stein an der Traun, die sich nach dem Krieg sträubten, die Flüchtlingssiedlung einzugemeinden, wurden inzwischen von Traunreut eingemeindet – sie gehören heute dazu und profitieren gerne mit.

Traunreut hat es also geschafft. Mitten im Chiemgau wurde es sogar zur Europastadt und ist ein lohnendes und interessantes Ziel für jedermann. Umgeben von den alten bayerischen Dörfern, punktet Traunreut mit einem ambitionierten Kultur- und Kongresszentrum, mit einem originellen Kulinarium und dem sehenswerten Museum der Gegenwartskunst, DASMAXIMUM. Und mit reichlichen Anregungen: Der Traunreuter Geschichtsweg wartet mit vierzehn Stationen auf, der Ortsteil Stein an der Traun lockt mit einer der besterhaltenen Höhlenburgen Europas und die Stadt selbst mit Baulichkeiten und Attraktionen, die es fast vergessen lassen, dass an ihrer Stelle einst Bunker und Munitionslager standen.

Einfach sympathisch: Traunreut

Von Traunstein kommend, zweigt man nach 13 Kilometern von der B20 ab. Viel Grün, Flecken von Laub- und Nadelwald, da und dort ein Bauernhof. Und dann das Ortsschild: Traunreut! Und da ist man auch schon mittendrin in einer Stadt, die schlicht überrascht. Da ist nichts abgewohnt, nichts verbraucht oder renovierungsbedürftig – nein, alles wirkt sauber und schön, obwohl es ja nicht erst gestern entstand: schmucke Mehrfamilienhäuser, gepflegte Straßen und Gehwege, die Geschäfte und Kleinbetriebe einladend. Man fragt sich, ist das alles von gestern, von vorgestern? Nein – dieses unwirklich heutige, nicht etwa hypermoderne, aber derzeitige, gegenwärtige Bild einer Stadt sieht aus, als wäre es vor kurzem erst entstanden. Traunreut gibt es aber schon seit weit über siebzig Jahren, wenngleich der Bauboom sicher später einsetzte. Da wirkt alles gepflegt, geordnet und angenehm.

Und auf einmal ist man im Zentrum, am Stadtplatz. Die interessant gezeichnete katholische Kirche zeigt die Mitte an und fügt sich ebenso beherrschend wie modern in das Gesamtbild ein. Daneben das Rathaus, weiß Gott nicht ärmlich, und auf der anderen Seite die den Platz abrundende evangelische Kirche. Und ganze Geschäftszeilen, modern und gepflegt, mit allem, was der Mensch so braucht. In der Mitte des Platzes überraschen den Kunst- und Naturfreund zwei „Eichenpflanzungen zu Ehren von Joseph Beuys“, mit denen DASMAXIMUM und sein legendärer Stifter Heiner Friedrich in das Umland ausstrahlen. Unter hohen Bäumen laden Bänke zum Verweilen ein und lassen die Welt rundherum vergessen… Musste man früher wohl Geschäfte suchen, wo man etwas kaufen konnte, so ist es heute umgekehrt. Traunreut ist die Einkaufsstadt der ganzen Umgebung. Die Besitzerin der gut sortierten Bäckerei am Hauptplatz, die von ihrer schon zweihundert Jahre in Trostberg ansässigen Familie erzählt, ist von dort hierhergezogen, weil es hier gutes Geld zu verdienen gibt. Hinterfragt, wieso man dann zu einem so nichtbayerischen Familiennamen kommt, lautet die Antwort: „Ja, mei Großvater war halt a Weaner“. Der Menschenschlag hier ist weiß Gott nicht bayerisch, er ist anders, nicht so ländlich. Das erkennt man an den Gesichtern und an der Sprache.

Und so ist man eigentlich ein bisschen traurig, bald wieder auf der B20 zu sein. Zurück bleibt eine Stadt mitten im Chiemgau, inzwischen die größte im Landkreis; eine junge, geschäftstüchtige Stadt, von alten Dörfern umgeben – das Traunreut von heute. Es hat richtige Magnetwirkung.

 

www.traunreut.de

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