Die Piano-Profis

Stimmen, restaurieren, verkaufen, beraten: Piano Auer ist die erste Adresse in allen Belangen rund ums Klavier.

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Pling, Pling, Pling... 

Als Laie muss man die Ohren schon gehörig spitzen. Denn dem vordergründig immer wieder gleich klingenden Ton wohnen feine Unterschiede inne. Der Ton dringt aus dem Nebenraum herüber und verändert sich von Anschlag zu Anschlag minimal in der Höhe. Jenseits der Tür verbirgt sich die Werkstatt von Richard und Andrea Behamgruber, und in dieser Werkstatt sitzt Mitarbeiter Robert Gniadek gerade an einem gut 80 Jahre alten Klavier, um es nach einer Generalüberholung wieder zu stimmen. Diesseits der Tür hat das Ehepaar an einem Steinway-Flügel Platz genommen und demonstriert dessen vollen Klang. Selbstverständlich prüfen die Inhaber von „Piano Auer“ in Miesbach auch jene Instrumente, die sie restaurieren, reparieren, verkaufen oder stimmen – letzteres übrigens auch nach Gehör, wie der in dieser Funktion weithin bekannte Experte Richard Behamgruber betont. Worauf er mit seinem unglaublich geschulten Ohr am meisten achte? „Schwer zu erklären“, meint der Spezialist, „aber der Chor soll rein sein, der einzelne Ton sauber klingen, nicht jedoch isoliert betrachtet, sondern als harmonisches Ganzes.“ Solch einen für das menschliche Ohr unheimlich angenehmen Ausgleich ermögliche ein Stimmgerät nicht unbedingt. Bei Piano Auer jedenfalls scheint man den Nerv von Pianisten jeglichen Niveaus perfekt zu treffen. Nicht umsonst setzen nicht nur Privatleute, sondern gerade auch Bühnenprofis und Veranstalter auf das gute Gehör des Teams. So ist Richard Behamgruber regelmäßig für Konzerte verschiedener Veranstaltungen wie dem Internationalen Musikfest Kreuth oder bei Rundfunkaufnahmen im Einsatz.  

Streng genommen, erklärt der Nachfolger von Schwiegervater und Unternehmensgründer Erich Auer, verleihe der Mitarbeiter drüben nicht einem Klavier, sondern einem Pianino den letzten Schliff. Im Unterschied zum Flügel, der frei im Raum steht und bei dem die gesamte Klangmechanik horizontal sowie parallel zum Boden angeordnet ist, stehen Raste, Resonanzboden, Gussrahmen, Besaitung und Hammermechanik von Pianinos senkrecht zum Boden. Vorteil: man kann das Instrument platzsparend an die Wand stellen. Meist meine der Laie diese Konstruktion, wenn er verallgemeinernd von einem Klavier spreche, sagt Richard Behamgruber. Was den Laien womöglich ebenso überrascht: Hohe „Klaviere“ erweisen sich gerade im Vergleich zu kleinen Flügeln als erstaunlich klangstark. 

Zurück zur Restauration: Ein 80 Jahre altes Klavier – und kein bisschen leise? „Vor allem deutsche Klavierschmieden haben damals einfach die berühmte Wertarbeit geleistet“, sagt Behamgruber. Solide Handarbeit sei das gewesen, mit beständigen Materialien. Da rentiere sich so eine Generalüberholung noch. Was genau war zu tun, an diesem Modell? In eine auf den Stimmstock geschraubte gusseiserne Platte beispielsweise sind Metallwirbel geschraubt. Auf die wiederum werden die Saitenenden aufgewickelt. Bis zu 20 Tonnen Zugkraft erzeugen die Saiten – klar, dass sie im Laufe der Jahre ausleiern, Gussstahl hin oder her. Klavierbauer Robert Gniadek hat das gute Stück also komplett neu besaitet und mit etwas dickeren Wirbeln ausgestattet. Ein weiteres „Ewigkeitswerk“: die aus unzähligen Kleinteilen bestehende Klaviermechanik wieder auf Vordermann zu bringen, jenes vertrackte Spielwerk aus Tasten, Federn, Dämpfern, Hämmern, Stößeln und Zungen, die auf den Tastendruck hin die Saiten anschlagen und somit den Klang erzeugen.  

 

Leidenschaft und Fachkunde hat Erich Auer seinem Schwiegersohn und seiner Tochter über Jahre hinweg vermittelt, ehe der namhafte Lehrmeister vor fünf Jahren viel zu früh aus der Welt schied. 1971 hatte er das Unternehmen als einer der besten Klavierbauer der Region in Vagen bei Feldkirchen-Westerham, im östlichen Landkreis Rosenheim, aus der Taufe gehoben. Mit dem guten Ruf wuchs der Platzbedarf. 1989 zog die Familie deshalb mit Sack und Pack nach Miesbach um, wo am heutigen Standort nun neben der geräumigen Werkstatt auch 300 Quadratmeter Ausstellungsfläche zur Verfügung stehen. In der stets frisch polierten Oberfläche zahlreicher neuer und gebrauchter Klaviere und Flügel (sowie Digitalpianos) können Kunden nun ihr Antlitz spiegeln, testweise eine Melodie erklingen lassen oder sich mit Zubehör von Bänken und Stühlen über Klimakontrollsysteme bis hin zu Pflegemitteln, Noten und Geschenartikeln eindecken. Andrea und Richard Behamgruber führen Piano Auer ganz in der Tradition des Gründers, vor allem mit der gewohnten Herzlichkeit und Expertise bei der Beratung fort.

Die geerbte Begeisterung für Musik und Instrument geben sie an Kunden weiter. Was das Ehepaar immer wieder erfreut: „Musik kennt keine Grenzen.“ Sie dürfen Menschen jeden Alters und jeder Gesellschaftsschicht bedienen, erzählen die Eltern einer ebenfalls mit dem Klavier-Virus infizierten Tochter. Während Andrea Behamgruber von der Vielseitigkeit schwärmt, die diesen Beruf auszeichne – so habe man mit Künstlern zu tun, mit Veranstaltern,mit Familien und deren immer wieder anderen Typen von Instrumenten – hat Richard Behamgruber die handwerkliche Komponente lieben gelernt. Ihn faszinieren die Materialien von Holz über Filz bis Metall; die Genialität alter Klaviermanufakturen; „So ein Innenleben“, schwärmt der Klavierstimmer, „ist immer wieder spannend.“ Wegen der Vielzahl an Marken und Modellen, die Kunden in seine Obhut geben, werde seine Arbeit nie eintönig. Das Gefühl, nach tagelangem Tüfteln einem restaurierten Piano wieder das originalgetreue Klangspektrum entlocken zu können, verliere nie seinen Reiz! 

Nun gilt ein Klavier nicht zu Unrecht als immense Investition. Das müsse aber niemanden vom Erlernen des Instruments abhalten, betont Andrea Behamgruber. Die Möglichkeit der Miete oder des Mietkaufs mache ein Klavier nahezu für Jedermann erschwinglich! Ist man stolzer Besitzer eines Klaviers, gilt es im Hinblick auf die Lebensdauer auf das richtige Raumklima zu achten, gibt Richard Behamgruber zu bedenken. Das Instrument verhalte sich nämlich extrem empfindlich gegenüber Temperaturschwankungen. Bei trockener Luft könnte das Holz reißen und sich die Stimmnägel lockern. In der Folge halte die Stimmung nicht mehr. Steht das Klavier dagegen in feuchten Räumen, etwa im Keller, könnten Saiten rosten, das Holz aufquellen oder Tasten klemmen. Je konstanter man also die Umweltbedingungen hält, desto besser. Kachelofen und Heizung haben in direkter Nachbarschaft nichts zu suchen! „Wer das beherzigt, den müssen wir nur einmal pro Jahr zum Klavierstimmen besuchen – aber wir kommen natürlich gerne auch öfter“, sagt Richard Behamgruber zwinkernd, und begibt sich wieder ans Werk. In diesem Fall an eine ganz besondere Maschine: bei Piano Auer werden die Basssaiten an einer Spinnmaschine nach Muster selbst gesponnen!  

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