Die Kunst des Verführens

Julia Schuster

Fotos: Jürgen Schall, Visual Gallery Steinhausen, SWR, COEVAL, A.C. Klatte, Rote Bühne Nürnberg


Silvia Plankl tanzt sich als Vintage-Tänzerin Dixie Dynamite in die Herzen der Zuschauer und räumt mit dem Schmuddel-Image des Burlesque auf.

Verführerisch schwingt Dixie Dynamite die Hüften. Sie trägt Korsett, Strapse und eine kunstvoll zusammengesteckte Frisur. Eine Federboa umspielt ihre Schultern. Als sie in lasziver Langsamkeit einen ihrer beiden weißen Seidenhandschuhe abstreift, verfolgen alle anwesenden Männer und Frauen gebannt die elegante Bewegung. Ja, auch Frauen sitzen unter den Zuschauern der Roten Bühne in Nürnberg. „Tatsächlich ist das Burlesque-Publikum heutzutage überwiegend weiblich“, sagt die Tänzerin, die im realen Leben Silvia Plankl heißt. „Das ist ein echter Unterschied zur alten Zeit der Burlesque-Theater, als das Publikum fast ausschließlich männlich war.“

Die hundert Jahre alte Gattung des amerikanischen Unterhaltungstheaters erlebt durch Frauen wie Plankl seit einigen Jahren eine Renaissance. Egal, ob Zuschauer die glamouröse Show von Burlesque-Ikone Dita von Teese besuchen oder eine der Aufführungen von Dixie Dynamite – sie erleben eine Show zwischen purer Weiblichkeit und Sinnlichkeit. Dabei ist Burlesque viel mehr als bloßer Striptease. So bringen die Darstellerinnen ein ganzes Spektrum künstlerischen Könnens ein, das ohne Nacktheit begeistert. Silvia Plankl präsentiert bei ihren Acts beispielsweise Steptanz oder Charleston. „Burlesque ist ein verführerisches Gesamtkunstwerk“, sagt die Gründerin des Internationalen Munich Burlesque Festivals.

In ihrem Vintage Dance Studio in München lehrt sie unter anderem die Kunst des Burlesque. Die Kurse sind neben den Steptanzkursen das beliebteste Angebot ihrer Tanzschule. Frauen jeden Alters, vom Teenager bis zur Rentnerin, zählen zu den begeisterten Schülerinnen. „Der Gewinn an weiblichem Selbstbewusstsein ist neben dem Spaß am Tanzen und an der Gemeinschaft das größte Plus“, so Plankl. Zusätzlich lehrt die Wahl-Münchnerin auch Charleston, Vintage Jazz Dance aus den 1930/40er Jahren, Cancan, 1960er GoGo Dance und Clogging, eine Art lässiger Western-Steptanz. Die Musik dieser Jahrzehnte, die Lockerheit, Eleganz und Kreativität seien die Gründe, warum sie diese energiegeladenen Tänze so liebe. „Tanzen ist für mich ein Ausdruck von Lebensfreude und alle diese Tänze quellen geradezu über davon“, schwärmt Plankl. Ihre Tanzschule sei außerdem eine von weltweit nur wenigen, die ganz auf Retrotänze spezialisiert sind.  


Ihre Leidenschaft fürs Tanzen begann
in frühester Kindheit. „Schon als kleines Mädchen bin ich durchs elterliche Haus getanzt“, erinnert sich Plankl. Zu dieser Zeit entdeckte sie im Fernsehen die alten Hollywoodmusicals der 1920er bis 1950er Jahre. „Die fabelhaften Tänzer dieser opulenten Filme waren und sind mein berufliches Vorbild“, so die Niederbayerin. Die leichtfüßige Eleganz der Tanzszenen, gepaart mit der Musik und den glamourösen Kostümen ließen ihr Herz schon damals höher schlagen: „Ich dachte oft, dass ich zur falschen Zeit geboren wurde.“

In zahlreichen Workshops und auf internationalen Festivals lernte sie schließlich das Steppen und ließ sich dabei von Hollywoodtänzern wie Fred Astaire und Gene Kelly inspirieren. Mittlerweile ist sie vierfache Deutsche Meisterin im Steptanz und zeigt ihr Können regelmäßig auf nationalen wie internationalen Bühnen. Auch bei Firmenfeiern sorgt sie für Unterhaltung. Dasselbe gilt für private Feste, Stadtbälle und spezielle Retroevents. Mit verschiedenen Showensembles ist Plankl auch in abendfüllenden Revuen zu sehen, so zum Beispiel in ihren monatlichen Shows an der Roten Bühne in Nürnberg und im Theater Drehleier in München.

Am 9. und 10. April 2021 präsentiert sie dort die Premierenshow „Shakin‘ All Over“ ihrer neuesten Showtruppe „The Wonderettes“. Auch den ein oder anderen Fernsehauftritt hatte die Tänzerin bereits. So doubelte sie beispielsweise in einer Folge der beliebten Serie „Um Himmels Willen“ die steppende Hauptdarstellerin Janina Hartwig. In einer Carmen Nebel Weihnachtsshow stand sie als Tänzerin und Choreografin für den Retrosänger Si Cranstoun auf der Bühne. In der beliebten Quizshow „Sag die Wahrheit“ trat sie als „wahrhaftige“ Vintage Tänzerin auf. Für den bayerischen Independent-Kinofilm „Holy Spirit“ stellte sie nicht zuletzt eine Tanzgruppe zusammen und ist auch selbst im Film zu sehen.

Für alle ihre Shows lässt sich Plankl die aufwendigen Kostüme maßanfertigen. „Meist lasse ich mich von originalen Bühnenkostümvorbildern des jeweiligen Jahrzehnts inspirieren und bin froh, dass es Schneider gibt, die sie ohne Schnittmuster nähen können“, sagt sie. Für ein einzelnes Burlesquekostüm, das aus diversen Teilen besteht, können die Gesamtkosten schnell auf mehrere Tausend Euro ansteigen. Die maßgeschneiderten Kostüme seien teuer, aber unerlässlich für die authentische Gesamtwirkung der Shows, so Plankl. Denn bei jeder Show werde eine Geschichte erzählt. Dabei tritt die Vintage Tänzerin beispielsweise als sexy Cowgirl oder Münchner Kindl auf. Es gehe um Fantasie und das Kokettieren mit dem Publikum.

In Dixie Ensembles wie dem Duo „Sensation Sisters“ sowie dem Trio „Blonde Bombshell Burlesque“ räumt Plankl mit dem falschen Image des Burlesque auf. „Man muss es am besten live auf der Bühne sehen, um zu verstehen, was es ist und alles sein kann“, erklärt sie. Es gehe um zele-brierte Weiblichkeit, nicht ums bloße Ausziehen. In einem geflügelten Wort aus der Burlesque-Szene: „We put the tease before the strip!“

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