Die Kunst des Loslassens

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob & Siglinde Schelkes

Aus Japan stammt die Technik des Raku-Brands. Siglinde Schelkle beherrscht jenes Spiel mit dem Feuer wie nur wenige.

Loslassen zu können, gilt gerade im zwischenmenschlichen Bereich als Königsweg zum Glück. Psychologen ermutigen Eltern, den Nachwuchs guten Gewissens von der Leine zu lassen; Coaches bringen Chefs bei, öfter mal Verantwortung abzugeben; große Denker wie Konfuzius raten: „Was du liebst, lass frei.“ Loslassen: Eine Herausforderung, die auch für Siglinde Schelkle zum täglich Brot gehört – und das gleich in doppelter Hinsicht. Wie viele andere Kunsthandwerkerinnen auch muss (und will) sie sich irgendwann von ihren Werken trennen. Um Tonobjekte handelt es sich – von menschlichen und tierischen Figuren über abstrakte Skulpturen bis hin zu Gebrauchsgegenständen wie Vasen oder Schalen –, die Schelkle mit anderen Materialien, meist Fundstücken, kombiniert. Da wird aus einem am Wegesrand aufgelesenen, rostigen Metallhaken der Haarschopf eines Samurai; aus einem von einer Wurzel umwachsenen Metallzaun der Torso eines mystischen Vogelmenschen; aus einem schlanken Stück Schwemmholz die Beine einer gehörnten Göttin. Schwemmholz scheint eine besonders inspirierende Wirkung auf die 59-Jährige auszuüben. Erspäht im Urlaub, irgendwo an einer Meeresküste, oder am Ufer des Inns, daheim in Nußdorf, klaubt sie markante Stücke auf, um damit so manchem Objekt zusätzlich Leben einzuhauchen. Und wenn der Abschied naht? „Manche Stücke muss ich erst eine Zeitlang besitzen“, sagt Schelkle, „und von manchen trenne ich mich leicht.“ Die andere, viel entscheidendere Form des Loslassens hat da längst stattgefunden.

Bei der von Siglinde Schelkle angewandten Raku-Technik geht die Keramik nicht nur durch ihre, sondern auch durch des Zufalls Hände. Dabei erweist sich einerseits die Farbgebung als spannungsgeladenes Spiel mit offenem Ausgang, andererseits muss Schelkle jedes Mal bangen, ob ein neues Stück seine Geburt überhaupt überleben wird. Woran das liegt? Beim herkömmlichen Brennverfahren wird der im sogenannten Schrühbrand angehärtete und meist glasierte Scherben in einem geschlossenen Ofen langsam erhitzt und behutsam wieder abgekühlt. Bei der aus Japan stammenden Raku-Technik hingegen  erleidet das (von Schelkle des Effekts wegen oft nur teilglasierte) Objekt gleich zwei Temperaturschocks. Die ganze Prozedur findet im Freien statt. „Es qualmt gehörig“, erklärt Schelkle und schickt einen dankbaren Blick hinüber zu den verständnisvollen Nachbarn. Notwendig sind zwei Konstruktionen. Die eigentlichen Öfen darf jeweils Siglinde Schelkles Mann Peter bauen. Man stelle sich große, mit Keramikwolle ausgekleidete Tonnen mit ausladender Tür vor. Das Innenleben dieser Tonnen wird über Gasflaschen auf mindestens 1.000 Grad erhitzt. In dieses Hölleninferno stellt Schelkle die Objekte.

Vor rund 25 Jahren hat die Mutter eines erwachsenen Sohnes die Freude am Töpfern entdeckt. Die Künstlerin sagt selbst, dass sie zu anfangs die üblichen Verdächtigen fertigte: Tassen oder Schüsseln, an der Drehbank hochgezogen, mit der obligatorischen grünen, blauen oder gelben Glasur, im Elektro-Ofen gebrannt. Doch nachdem sie Wissen und Fertigkeiten an der Sommerakademie in Aschau verfeinert hatte, wurde ihr das bald zu fad. „Du stellst das Teil rein, holst es raus, fertig. Keine Überraschung, alles völlig vorhersehbar, optische Massenware“, erinnert sich Siglinde Schelkle. Sie habe sich gedacht: „Das kanns doch nicht gewesen sein!“ Und sollte Recht behalten. Als sie auf die Raku-Technik stieß, eröffnete sich eine neue Welt der Kreativität. Eine Welt voller Spannung und Ungewissheit. Die Künstlerin stellt lediglich die Weichen. Sobald sie den Scherben in den Ofen gestellt hat, heißt es: loslassen.

Die Tücke liegt im thermischen Schock. Schon im Ofen könnte das Stück explodieren, wenn der Scherben nicht sauber zusammengebaut wurde. Noch kritischer wird es, wenn die Glasur komplett geschmolzen ist und die Töpferware rötlich glüht wie ein Stück Eisen beim Schmied. Dann heißt es für Siglinde Schelkle, zu einer langen Zange zu greifen, das Steinzeug behutsam aus dem Ofen zu heben und ratzfatz hinüber zu heben in ein zweites Gefäß.

In diesen bangen Sekunden kühlt die Keramik von 1.000 auf rund 17 Grad ab. Habe sie nicht vollkommen gleichmäßig gearbeitet, mache es „tock“ – zur Veranschaulichung klopft die Künstlerin auf den Tisch – und ihr Werk zerspringe. Dann waren die Stunden in der Werkstatt für die Katz‘. Dort unten, in einem von Regalbrettern gesäumten Raum, sitzt Schelkle heutzutage nicht mehr an einer Drehscheibe. An einem unterm Fenster platzierten Tischlein baut sie ihre Objekte aus „Würsten“ zusammen – ganz egal, ob kleine Kerzenhalter, filigrane Vasen oder abstrakte, metalldurchsetzte Werke. Die vollgestellten Regale zeugen davon, dass durchaus Überlebenschancen bestehen – sogar für die lebensgroße Frauenfigur, an der sie derzeit arbeitet.

Zurück in den Garten: Die rotglühenden Tonobjekte bettet Schelkle in ein mit leicht brennbaren Materialien wie Sägespäne, Heu oder Stroh gefülltes Gefäß – in dem sofort Flammen lichterloh lodern. Im Grunde wird die nun wieder abgedeckte Keramik geräuchert. Während dieser sogenannten Nachreduktion färbt sich der Scherben an den unglasierten Stellen schwarz.  Schelkle mag den Kontrast zwischen jenen schwarzen Flächen und rotbrauner oder metallisch glänzender Glasur. Eine Kombination liebt sie besonders: „Mein Herz schlägt Schwarz-Weiß.“ Ein zweiter, für die Raku-Technik  typischer Effekt ensteht ebenfalls durch das Spiel mit der Temperatur: feine Risse, die das Bild eines ausgetrockneten Flussbetts in die Töpferware fräsen. Raku: der Begriff bedeutet Zufriedenheit, Gelassenheit, Freude. Gefühle, die Siglinde Schelkle immer wieder sanft durchströmen, wenn sie losgelassen hat.   

www.rakuengel.de    

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