Die Kramerinnen von Riedering

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Irmgard Mayr hält mit ihrem Geschäft eine über 300-jährige Tradition am Leben. In „Irmi´s Hoamat“ treffen moderne Waren auf den Charme der guten, alten Zeit – und eine rüstige Dame von 90 Jahren, die viel zu erzählen hat.

„Der Herrgott hat mich scheinbar da hereingesetzt“, resümiert Irmgard Staber am Ende eines langen, berührenden Gesprächs und blickt dankbar nach oben, gen Himmel. Wir sitzen am Gartentisch, zuhause bei ihrer ebenfalls auf den Namen Irmgard getauften Tochter, und genießen die freie Sicht auf das Bergpanorama von Wendelstein bis Kampenwand. Gegenstand der Unterhaltung hätte eigentlich nur jene quasi von ganz oben „aufgebürdete“ Berufung sein sollen, in die sich Irmgard senior – ein ganzes Dorf kann davon zeugen – von Anfang an mit Geschick und Leidenschaft stürzte. Doch zum Glück lässt die mehr als rüstige Dame ihren bald 90 Jahre zurückreichenden Erinnerungen freien Lauf! Einen so bildhaften wie gleichsam humorigen Streifzug durch die regionale Heimatgeschichte kann kein Buch, kann kein Lehrer unternehmen.

Am tiefen Glauben Irmgard Stabers kann kein Zweifel bestehen! Oft genug ist sie über die Jahre hinweg losgestapft, um in der Kirche den Haussegen abzuholen und ihn von dort heimzutragen – als Kind heim ins mit zwölf Geschwistern geteilte Elternhaus (wo er dementsprechend niemals schief hing); später dann heim in jenes Geschäft, das schnell zum zweiten Zuhause werden sollte.

Glaube hin oder her: Ein wenig wird ihr nun schon über sechs Jahrzehnte andauernder Fleiß zu Anfang auch mit der Liebe zu tun gehabt haben. Schließlich war sie damals dem Ruf ihres Bräutigams Walter gefolgt, der sie – nach sieben langen Jahren des Wartens und Werbens – im Jahre 1956 endlich vom heimatlichen Hartbichler-Hof am Samerberg aus hinunter nach Riedering hatte entführen und damit betrauen dürfen, an der Seite der Schwiegermutter in dem an Ort und Stelle über 300 Jahre nachgewiesenen Kramerladen zu arbeiten. Dass die junge Frau dereinst selbst zur Institution werden würde, hätte sie sich niemals zu träumen gewagt.

Mit einer kaufmännischen Ausbildung habe sie nicht dienen können, erinnert sich die gebürtige Grainbacherin, dafür sei sie mit einem exzellenten Gespür dafür gesegnet gewesen, welche Waren wohl gefragt sein würden: von der Sense bis zum Wetzstein, von der Trauer- bis zur Babybekleidung, von Nudeln bis Zucker. „Nach drei Wochen habe ich den Laden schon so akurat geschmissen, dass die anderen mich fragen mussten. Jeden Preis habe ich mir merken können!“, erzählt das Naturtalent, das sich noch gut an die zweifelnden Blicke erinnern kann, die es erntete, wenn es seinem Näschen vertraute und bis zu dem Zeitpunkt nie gesehene Waren anschleppte. Bei der ersten Kiste Bananen habe sich die Schwiegermama die Frage nicht verkneifen können, wer so etwas bitteschön kaufen solle, sagt Irmgard (die ältere) kichernd; und Irmgard (die jüngere) lächelt gütig und sagt: „Gell, Mama, heutzutage schaust du mich manchmal so an!“ Sie, die Tochter – geborene Staber, heute Mayr – hat das Zepter übernommen, als der Laden vor der Schließung stand. Rund eineinhalb Jahre ist das jetzt her, und man mag sich gar nicht ausmalen, was das mit dem Dorf, was das mit der Senior-Chefin gemacht hätte, wenn es wirklich so gekommen wäre. Als die Nachricht vom drohenden Ende des alteingesessenen Kramerladens umherging, flossen Tränen – bei der Kundschaft und bei der buchstäblich unermüdlichen Geschäftsfrau, die einfach noch nicht bereit war, das weiße Schürzlein an den Nagel zu hängen.

63 Jahre, das muss man sich mal vorstellen, ist kaum ein Tag vergangen, an dem Irmgard Staber nicht im Laden stand – und dass sie keine Minute davon bereut, darf ihrer bewundernswerten Bescheidenheit zugeschrieben werden. Sie selbst winkt ab, doch streng genommen hätte sie genauso gut eine internationale Karriere als Sängerin einschlagen können; auf Tourneen gehen, nachdem sie drüben, auf der Festung in Kufstein, im Jahre 1954 völlig unverhofft ein Preissingen gewonnen hatte. „Gern geben wir den ersten Platz nicht nach Bayern, aber Ihr habt ihn Euch verdient“, sollen die Preisrichter posaunt haben. Nicht von ungefähr trägt Irmgard Staber das Bundesverdienstkreuz am Bande, verliehen für ihre Verdienste rund um die Volksmusik, die sie im Reigen der „Geschwister Hartbichler“ fünf Jahrzehnte lang pflegte – wenn auch nur in einem streng gesteckten Rahmen. Weiter weg als in die Schweiz oder in die Steiermark wollte sich die begnadete Sängerin nie fortbewegen – um des geliebten Kramerladens willen.  

„Irmi´s Hoamat“ hat die Tochter das 2017 nach ihren Vorstellungen und Wünschen komplett erneuerte Geschäft genannt – mit neuen Böden, neuen Decken, neuen Lichtern und neuem Konzept. Heimisch fühlen sie sich aber – nomen est omen – nach wie vor beide darin.

Sonst stünde die „Kramer-Irmgard“, wie man sie in Riedering respektvoll nennt, ja nicht nach wie vor jeden Tag in aller Herrgottsfrühe auf, um das direkt an der Hauptstraße gelegene Kleinod aufzusperren. Über diese Hauptstraße hätten sie bis in die späten 1960er Jahre noch das Milchvieh auf die Weide getrieben, erinnert sich das Riederinger Urgestein. „Ich als junges Dirndl habe mit einem roten Fahndl die Nachhut gebildet.“ Der zunehmende Automobilverkehr habe dem Spektakel dann ein Ende gesetzt.

Die großen Bonbon-Gläser, traditionsgemäß direkt an der Kasse platziert, erinnern noch an jene alten Zeiten. Ansonsten hat Irmi das Sortiment sanft, doch sorgfältig umgekrempelt. Schicke Deko-Artikel und Accessoires sowie moderne Damenmode bietet sie im hinteren Teil; vorne eine breite Auswahl an Alnatura-Produkten, Feinkost, besondere Spirituosen sowie Lebensmittel regionaler Erzeuger wie zum Beispiel Käse von der Käserei Planegger aus Niederndorf in Tirol, Kaffee von der Rösterei Rechenauer aus Schechen oder unterschiedlichste Naturkost vom Chiemgauer Naturkosthandel. Der Dorfbäcker liefert frisches Brot. Und als gute Seele und unverzichtbare Hilfe steht die Mutter der Tochter bei. „Es gibt keine bessere Geschäftsfrau als die Mama. Wie die noch Kopf rechnet, da kommt keiner hinterher!“, lobt Irmi. Wie es scheint, hat der Herrgott von den beiden Riederinger Kramerinnen noch lange nicht genug.

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