Die Kraft der Liebe

Christian Topel

Foto: Wolfgang Gschwendtner

Früher war‘s die Vespa, heute erkundet das Ehepaar Baur zu Fuß und im Rollstuhl die Gegend – nahezu täglich, über Stock und über Stein.

Horst Baur und seine geliebte Ehefrau Rosina rasen auf die Diamantene Hochzeit zu. Noch drei Winter Seite an Seite, dann wird das Paar sechs Dekaden verheiratet sein. Doch „rast“ man wirklich, mit 81 (Rosi) und 77 Jahren (Horst) in den Knochen? Nun, im Falle der beiden Rosenheimer lautet die Antwort: jein. Denn einerseits ist Rosi stark eingeschränkt, nachdem sie zuerst während einer Tandem-Tour um den Simssee vor 16 Jahren eine Gehirnblutung erlitt und vor einigen Monaten obendrein einen Schlaganfall zu verkraften hatte; andererseits gleicht Horst die Schicksalsschläge durch eine schier unmenschliche Kraft und Kondition aus, durch seine unermüdliche Aufopferungsgabe für das gemeinsame Glück. Kaum zu glauben, aber Rosi und Horst haben in den letzten Jahren mehr (Berg-)Wanderungen unternommen, als so mancher junge Hüpfer. Unterkriegen lassen kommt nicht in Frage!

Naturliebhaber, erinnert sich Horst, waren die beiden schon immer. Beginnend mit der auf einer Vespa unternommenen Hochzeitsreise nach Genua verging im Laufe der Jahre kaum ein Tag, an dem sie nicht auch raus gingen, sich an der frischen Luft bewegten. Mag das anfangs noch wenig bemerkenswert gewesen sein, als Horst sein Geld malend und Jazz spielend verdiente, während Rosi im Klinikum arbeitete, grenzt es doch an ein Wunder, dass das unzertrennliche Duo seinem Hobby weiterhin nachging, als das Alter und die Gesundheit eigentlich nicht mehr mitspielten. Nun, in diesem Spiel, dachte sich Horst jedoch, macht er die Regeln. Bestes Beispiel: das „tiefergelegte“ Spezialrad. Um trotz Rosis Lähmung gemeinsam unterwegs sein zu können, besorgte Horst ein Fahrrad, das von der Konstruktion her den alten Liefer-Rädern von Bäckern glich. Eine Art Lastenrad, in dem Horst in einer Vorrichtung vor dem Lenker statt Brötchen und Baguettes seine Rosi kutschierte. Wahrlich ein exponierter Platz mit bester Aussicht. Und er, sagt Horst, habe seine Rosi immer im Blick gehabt, konnte gucken, ob alles in Ordnung ist und ihr bequem erzählen, was ihm durch den Kopf ging.

Wie hält sich ein Mann weit jenseits der 70 fit? Er schlafe, um sich abzuhärten, auf dem blanken Boden, ohne Matratze, ohne Isomatte, einfach in einem Schlafsack, verrät Horst Baur. Auch mit der Ernährung hält er es eher spartanisch: kein Fleisch, keinen Alkohol, dafür täglich einen Liter Milch. Scheinbar hilft‘s. Die halbe Hochries haben sie es schon hinaufgeschafft (mit Unterstützung einer guten Freundin), den Samerberg kreuz und quer erkundet, umliegende Seen umrundet. Alles per Fahrrad. Zu dem Zeitpunkt lebte das Paar noch Zuhause, in der kleinen Wohnung. Bei aller Fitness wurde dies nach Rosis Schlaganfall selbst für den mehr als rüstigen Rentner zu anstrengend. Rosi siedelte zuerst in ein Heim südlich von Rosenheim um, später in das BRK Seniorenheim in der Küpferlingstraße in der Stadt, wo die Dame nun die optimale Pflege bekommt.

Kürzlich bewunderten Besucher des Heims eine Reihe farbenfroher Gemälde. Horst Baur stellte die eigenen Werke aus. Abends, wenn Rosi zur Ruhe gebettet ist, widmet er sich seiner kraftvollen, detailreichen Malerei. Sein liebstes Motiv sei die Heimatstadt Rosenheim, sagt er, weil darin das Leben blühe. Mit dem Verkauf versucht der talentierte Künstler, die klamme Haushaltskasse etwas aufzubessern. Größter Wunsch des Ehepaars wäre es, sich wieder ein auf ihre Bedürfnisse angepasstes Fortbewegungsmittel anschaffen zu können. Das erste Fahrrad gab irgendwann den Geist auf, ein zweites war von Sponsoren gestellt worden, konnte aber nicht mit nach Rosenheim genommen werden. Hatte der Freiheitsdrang des Ehepaars damit ein Ende? Von wegen! Obwohl ihnen lediglich ein „windiges“ Modell eines Kassen-Rollstuhls zur Verfügung steht, steht Horst täglich um Punkt halb acht bei Rosi auf der Matte.

Mag das Gefährt noch so ungeeignet sein, Horst lässt sich nicht einbremsen. Er zu Fuß, Rosi im Rollstuhl, haben sie alle umliegenden Orte und Städte durchstreift; sind nach Wasserburg spaziert; fuhren mit dem Zug nach Kufstein, um gehend und rollend zurück nach Rosenheim zu gelangen; sogar nach Törwang zur Aussichtskapelle schafften sie es, die steile Betonstraße herunter nach Sachsenkam und wieder zurück nach Hause. Sollte es mal regnen, schlüpft Horst in eine Regenjacke, Rosi wirft sich einen Poncho über. Jogger sagen ja oft, es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung. Das Ehepaar sieht das ähnlich: Hauptsache, sie können die verbleibenden Jahre an ihrer Gemeinsamkeit festhalten! Abends um Sechs verabschiedet sich Horst tagtäglich von seiner geliebten Frau. Dann begibt er sich nach Hause, malt seine fröhlichen, hoffnungsvollen Bilder und kann es kaum erwarten, anderntags wieder mit Rosi auf Wanderschaft zu gehen. Möge es ihnen noch lange, lange vergönnt sein.

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