Die innere Ruhe

Janina Sgodda

Fotos: Privat, Andreas Jacob

Man muss nicht nach Fernost reisen, um auf Meister der Meditation zu treffen. Die Buddhisten sind mitten unter uns.

Meditation kann viel. Der regelmäßige Rückzug auf den eigenen Geist führt nachweislich zu mehr Gesundheit. Dass Meditation Stress abbaut und damit das Wohlbefinden steigert, ist eine gesicherte Erkenntnis. Nur: Es ist gar nicht so leicht mit der inneren Einkehr. Kerstin Hilker aus Prien hat Jahre gebraucht, um zur Ruhe zu kommen. Die ruhige, begeisterungsfähige Frau mit dem braunem Lockenkopf meditiert seit 10 Jahren  fast täglich. Doch ihr Ziel ist hehrer als Gesundheit und Wohlbefinden. Ihr Ziel heißt: Erleuchtung. Kerstin ist Buddhistin. Einmal in der Woche trifft sie sich mit ihrer Sangha, ihrer Glaubensgemeinschaft, in den Räumen des buddhistischen Zentrums am Chiemsee, einem von 30 in Bayern.

Es sind Räume, wie man sie sich vorstellt: Harmonische Farben, ein exotischer Altar, an den Wänden die Konterfeis jener, die das Vorbild vieler westlicher Buddhisten sind: Natürlich der  Mann, mit dem vor rund 2.400 Jahren alles begann, Siddhartha Gautama; der inkarnierte Karmapa Rangjung Rigpe Dorje, ein über beide Ohren lachender Tibeter mit opulentem Kopfschmuck. Und einer der höchsten buddhistischen Lehrer; und Lama Ole.

Dass der buddhistische Diamantweg bei uns gelandet ist, hat nämlich  der Däne Ole Nydahl zu verantworten. Der schmuggelte in den wilden 60ern Haschisch, entschied sich in der anschließenden U-Haft gegen Drogen und für Meditation, machte seine Hochzeitsreise nach Nepal – und bekam über die Jahre als buddhistischer Lehrer („Lama“) den Auftrag, buddhistische Zentren im Westen aufzubauen. Das zentrale Europazentrum der so genannten „Diamantweg“-Buddhisten findet sich in Immenstadt im Allgäu.

„Wer Menschen kennen gelernt hat, die so nah dran sind am Geiste des Buddhas, der will mehr. Wie wenn man von einer leckeren Sorte Schokolade gekostet hat und versteht, dass das Glück in jedem von uns ist“, beschreibt Kerstin Hilker die Faszination, die von den Lehrern des Buddhismus ausgeht. 

Meditation ist bei allen Treffen der Buddhisten entscheidend. Nur der ruhige Geist findet Zugang zu einem Leben und Sein im buddhistischen Sinne. Himalaya-Mystik statt Wallfahrten in den Alpen: Dieses Leben suchen immer mehr; geht es doch um das Erleben dauerhaften Glücks. Und wer es nicht so weit schafft – der nimmt eben trotzdem viel mit. Denn an sich ist das Leben durch Leid geprägt, sagt der Buddhismus. Nur wer es schafft, die Philosophie des Buddhas durch Meditation zu verinnerlichen und seinen Geist im Alltag in den Griff zu bekommen, kann diese Dauerschleife beenden und sich darüber freuen, furchtlos, freudvoll und liebevoll durchs Leben zu gehen.

Dass wir uns selbst gemachten Stress ersparen, schaltet Potential frei, sagt Rita Bramsiepe, die das buddhistische Zentrum in Rosenheim leitet: „Bei uns gibt es einige, die sehr viel Kraft für  Leistungssport brauchen – und die bekommen sie durch unsere Treffen.“ Bramsiepe, seit Jahren Buddhistin, spricht von einem „Überschuss“ für das Leben.

Für viele hat dieser „westliche Buddhismus“ auch den Charme, dass er ohne Widersprüche Selbsterfahrung, moderne Philosophie und auch empirische Wissenschaft zu vereinen scheint. Und weil von Allem ein bisschen möglich ist, stören sich die oberbayerischen Buddhisten weder daran, dass Buddha-Statuen dem Gartenzwerg in jedem Gartenfachmarkt den Rang abglaufen haben, noch dass es immer mehr „Teilzeit-Buddhisten“ gibt.

Alte Weisheit ist gar nicht so verkehrt, um Abstand zu bekommen vom Stress draußen und ein bisschen einzukehren beim Glück im Inneren.

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