Die immer am Ball bleiben

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob, TOGU

Aus Kunststoff und Luft bestehen die Produkte, mit denen ein Chiemgauer Unternehmen die Spiel- und Sportwelt erobert hat.

„Sechs Minuten noch im Wankdorf-Stadion in Bern, keiner wankt, der Regen prasselt unaufhörlich hernieder...“Kein deutscher Fußballfan, dem diese Worte nicht eine wohlige Gänsehaut über den Körper jagen. Wir schreiben den 4. Juli 1954. Die als krasser Außenseiter gehandelte deutsche Nationalmannschaft stemmt sich tapfer gegen eine Niederlage. Gegner: die als unschlagbar geltenden Ungarn.Das Land hat sich um die Radiogeräte versammelt und lauscht der Live-Reportage Herbert Zimmermanns. Das Spiel steht unentschieden, zwei zu zwei, als das Unglaubliche geschieht: „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt – Tooooor! Tooooor! Tooooor!“, schreit Zimmermann die Kunde vom deutschen Führungstreffer in den Äther hinaus. Nach dem Schlusspfiff ringt die Kommentatorlegende mit den Tränen. Seine gleichsam geheulten wie gejubelten Schlussworte – „Aus, aus, aus, aus! Das Spiel ist aus. Deutschland ist Weltmeister!“ – gingen in die Geschichte ein. Ob auch die Brüder Toni und Gust Obermaier aus Prien am Chiemsee jenes denkwürdige Spiel verfolgten, ist nicht überliefert. Ohne selbst Fußballer zu sein, sollten sie den Fußballsport aber maßgeblich beeinflussen.

Die beiden jungen Männer machten damals eine Schwachstelle an den handelsüblichen Fußbällen aus – und sich sofort ans Austüfteln einer Lösung. Auf dem Küchenherd des elterlichen Bauernhofs gelang ihnen 1956 der Durchbruch: Sie fertigten in einem gewöhnlichen Kochtopf den weltweit ersten Ball ohne Naht. Ein Fußball aus einem Guss. Die Idee wird in Brüssel mit einem internationalen Erfinderpreis ausgezeichnet, geht in Serienproduktion und führt zur Gründung von „TOGU“, dem aus den Vornamen der Brüder abgeleiteten Familienunternehmen, das heute weltweit als Marktführer bei luftbefüllten Spiel- und Sportgeräten gilt.

Rund 60 Jahre später. Wieder steht eine Fußball-Weltmeisterschaft vor der Tür. Während sich die Deutschen begründete Hoffnung auf den Titelgewinn in Brasilien machen, spaziert Toni Obermeier junior durch die immer noch bei Prien ansässige Produktionshalle der heutigen TOGU GmbH. Der Sohn des Firmengründers hat die Geschäfte von 1984 bis Anfang dieses Jahres geleitet. Zwar legte er die Geschicke des Unternehmens kürzlich in die Hände seiner Tochter, der Gründerenkelin Vera Angelini, und ihres Ehemanns Giovanni, sein Rat und seine Kreativität sind aber nach wie vor gefragt. Immerhin haben Toni und sein Cousin Guido TOGUs Stellenwert als weltweit bekannte Marke erst etabliert. „Nicht trotz, sondern aufgrund unseres Verbleibs am heimatlichen Standort“, betont der 70-Jährige. Tatsächlich findet die gesamte Produktion nach wie vor am Chiemsee statt, lediglich ein paar Kilometer vom heimischen Hof entfernt. Sogar die Maschinen für die Produktion und den Druck werden im Haus entwickelt und konstruiert. Über 100 Angestellte gehen auf rund 16.000 Quadratmetern ihrer Tätigkeit nach. Tätigkeiten, die längst nicht mehr nur herkömmliche Bälle ausspucken.

Hinter Toni Obermaier ruht ein mannshoher Plastikball. Entsprechend bedruckt wird er als riesiger Globus verkauft, man kennt ihn aber auch aus Stefan Raabs TV-Show „Auto-Ball-WM“. Während die Verwandtschaft dieses Produkts zum „Urball“ ins Auge sticht, zeugen andere vom Erfindergeist der Familie und ihrem Gespür für Trends. Eine Entwicklung, die zwar langsam, aber unaufhaltsam Fahrt aufnahm. So kamen in den 60er Jahren die mit Griffen ausgestattten Sprungbälle auf, in den 70er Jahren ging es über die Medizinbälle in Richtung Gymnastik, was ab den 80er Jahren zum Boom führte. Über die Krankenkassen gelangten immer mehr der großen Gymnastikbälle in die Haushalte, und TOGU verlagerte den Fokus endgültig in den Fitnessbereich. Nach zwölf im Laufe der Jahre angesammelten Patenten, über 30 Gebrauchsmustern und mehr als 100 Warenzeichen umfasst die TOGU-Produktpallette heute Spiel- und Sportbälle sowie luftgefüllte Medizin-, Trainings- und  Therapiegeräte unterschiedlichster Art – vom berühmten „Jumper“ (einem „Zweidrittelball“ mit Trampolineffekt“) über das mehr als eine Million Mal verkaufte „Dynair Ballkissen“ (für dynamisches Sitzen) bis zum klassischen, großen Powerball. „Der einzige seiner Art, der nicht platzen kann“, betont Unternehmenssprecher Wolfgang Moosleitner.

All diese Produkte entstehen einerseits aus einer engen Zusammenarbeit mit renommierten Trainern, Therapeuten, Ärzten und Wissenschaftlern heraus, andererseits kommen die Familienmitglieder, die Erben der findigen Unternehmensgründer, immer wieder in Alltagssituationen auf bahnbrechende Ideen.. Beispiel „Aero-Step“: Wie die meisten Produkte basiert es auf dem bewährten TOGU-Prinzip: die Luftfüllung macht es zu einer instabilen Unterlage, der Körper wird zu Ausgleichsbewegungen gezwungen. In diesem Fall rief Toni Obermaier „Heureka“, nachdem sein Orthopäde ihm geraten hatte, mehr barfuß zu gehen, möglichst auf Kies, um das Fußgewölbe zu stärken und zu stimulieren. „Im Sommer kein Problem – was aber mache ich im Winter?“, fragte sich Obermaier, und entwickelte jenses zweikammrige, mit Noppen versehene und – natürlich – luftgefüllte Fußkissen, das die Gelenkstabilität verbessert, einer besseren Balance dient sowie Reflexe und Reaktionen. Auf diese Weise unterstützt TOGU heute den Körper in allen Lebensbereichen, vom Büro über das Kinderzimmer bis zu Fitness-Studio oder Sportplatz. Weltmeisterlich, möchte man fast sagen. Jetzt müsste die Nationalmannschaft in Brasilien nur noch nachziehen. Nachdem die Bundeskicker schon 2006 begannen, zum Beispiel am Powerball zu trainieren, solls an TOGU nicht scheitern.

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