Die i-Tüpfelchen der Tracht

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Der König der Wälde liefert den Rohstoff, mit dem Familie Ellemunter Trachtenklamotten die Krönchen aufsetzt. Sie fertigt noch echte Hirschhorn-Knöpfe.

Hinterm Haus blöken ein paar Schafe. Sie beäugen das bunte Bienenhäuschen ganz am Ende des Gartens, wo ein Völkchen dieses Jahr erstmals Honig herstellen soll. Einige Hühner interessieren sich nur für die zwei Quadratmeter Boden, wo es gerade was zu picken gibt. Relativ unbeeindruckt von der Tatsache, früher oder später im Suppentopf zu landen, stakst das Federvieh um einen Hauklotz. Hier schlägt Tobias Ellemunter im Sommer Skulpturen aus Baumstämmen. Sein Brot verdient sich der Holzbildhauer allerdings mit einem anderen Material: Knochen.

Sein Bruder Martin Ellemunter begutachtet drinnen in der Werkstatt gerade eine neue Lieferung. Zwar kein Zwölfender, aber trotzdem ein stattliches Stück. Das Kapital der Gebrüder sind kapitale Hirsche. Genaugenommen deren Kopfschmuck. Aus diesen Trophäen machen Martin und Tobias Knöpfe. Knöpfe für Trachtenjanker, Knöpfe für Lederhosen, Knöpfe für Jagdbekleidung – wer seiner alpenländischen Kluft das i-Tüpfelchen annähen will, deckt sich in der Inntaler Hirschhorn-Fabrik ein, vom Trachtler, über den Jäger bis hin zu qualitätsbewussten Modehäusern wie „Gössl“.

12.000 Knöpfe produzieren Ellemunters pro Woche. Das sind längst nicht mehr die Mengen wie noch zu den Hochzeiten der Inntaler Hirschhornfabrik in den 70er und 80er Jahren, als unter den Fittichen von Vater Bernd bis zu 20 Mitarbeiter 10.000 Knöpfe am Tag ausspuckten. Nachdem sich der Plastikramsch mehr und mehr an den diversen Reversen breit machte, schrumpften Ellemunters ihren Betrieb auf die heutige, überschaubare Größe. Zurück zu den Wurzeln quasi, die bis ins Jahr 1945 zurückreichen. Auch in dritter Generation handelt es sich bei der Hirschhornverarbeitung um Handarbeit, die mit jedem Knopf ein Unikat hervorbringt.

Jetzt im Frühjahr dürfen Ellemunters wieder einige Jäger, Förster oder Wildtierparkbesitzer in Mühlbach bei Kiefersfelden begrüßen. Ihnen knöpft die Familie ihren Rohstoff ab. „Ausnahmslos Abwurfstangen“, betont Martin, vorzugsweise vom heimischen Rothirsch. Im Gegensatz zu asiatischen, angelsächsischen oder ungarischen Hirschen glänze das Geweih des Cervus elaphus nämlich durch ideale Konsistenz, Farbe und Perlung. Stabil seien Stangen und Sprossen, und weisen sämtliche Brauntöne auf, die der Bergbaumbestand so hergibt. Was den Geweihen Farbe und Struktur verleihe, sei nämlich das Harz der Bäume, an denen die Paarhufer ihre Imponierwerkzeuge regelmäßig wetzen, erklärt Waidmann Martin und lädt zum Schnuppertest: Kein Zweifel, der süßlich erdige Duft von Rinde!

Warum beißt dann ein eher an Krematorium gemahnender Geruch die Nase, als Martin die Bandsäge aufkreischen lässt? Weil, wie gesagt, das Hirschhorn aus Knochen bestehe, und eben nicht – wie der Name vermuten ließe – aus Horn. Die abgesägten Spitzen sammelt Martin in einer Kiste. Ein Messermacher wird sie irgendwann abholen, um kunstvolle Griffe daraus zu fertigen. Weitere Reste wie die Rosenstöcke, also die dicken Knäufe, die am Schädelknochen saßen, wandern nach Fernost. „Zerrieben nutzen Chinesen das Zeug als natürliches Viagra“, erzählt der Bayer.

Stange für Stange hält der Knopfmacher nun an eine Fräse. Wie eine Hausfrau beim Ausstechen des Plätzchenteigs versucht er, möglichst viele Kreise nebeneinander zu setzen. Da ist Vorsicht geboten, um ja nicht abzurutschen. Doch der erfahrene Handwerker hat das notwendige Fingerspitzengefühl, um genauso flink wie millimetergenau arbeiten zu können, ohne sich zu verletzen. Nun gilt es, die Rohlinge vom Knochen zu lösen. „Das machen wir in unserem Affenkäfig“, grinst Martin und stellt sich in die vom Boden bis zur Decke mit Kaninchendraht umzäunte Ecke der Werkstatt. Mit Stechbeitel und Holzhammer haut er hier die Scheibchen von den Stangen, die Dank Zaun nur ihm, nicht aber den Besuchern um die Ohren fliegen.

Die Geschosse ähneln zu diesem Zeitpunkt bereits dem fertigen Produkt. Damit sie ihrer Aufgabe  nachgehen können – zusammenzuhalten, was zusammengehört oder einfach nur optische Glanzpunkte  zu setzen – spannt sie Martin in eine von Seniorchef Bernd konstruierte Drehmaschine. Darin wird zuerst der rückwärtige, löchrige Schwammknochen entfernt, daraufhin bekommen die Rondelle ihre Löcher. Je nach Modell mit oder ohne Fadenkessel. Ob er präzise gebohrt hat, kontrolliert Martin  anhand eines eisernen Prüfstücks. Auch, wenn sie hier höchstens im übertragenen Sinne „Stangenware“  herstellen, müssen ihre Knöpfe natürlich zur teils industriell produzierten Kleidung passen.

Ehe so ein Hirschhornknopf an einer Jacke prangen darf, fehlen jetzt noch zwei Arbeitsschritte. Eine hölzerne Läutertrommel befreit die Knöpfe binnen einer halben Stunde vom Sägemehl. Das wandert nicht in den Müll, sondern als Naturdünger auf Beete und Felder. In einer anderen Trommel polieren daraufhin während einer zweistündigen Karussellfahrt ölhaltige Buchenchips den Knöpfen ihre schön speckig anmutende Patina an – ihren „Used Look“, wie man neudeutsch zu sagen pflegt. Tobias Ellemunter kümmert sich als Künstler freilich weniger um den Used- als vielmehr um den individuellen Look. Die Inntaler machen zwar heutzutage keine Schnupftabaksdöschen mehr aus ihren Hirschhörnern, keine Kerzenhalter oder Korkenziehergriffe, wie Firmengründer Balthasar Ellemunter in den Anfangsjahren. Aber Tobias schnitzt auf Wunsch aufwendige Wappen, Tiere oder andere Formen in die kleinen, vor allem aber in die großen Kaliber. Auch so ein Knopf kann ein Imponierwerkzeug sein...

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