Die Hippies und der Patriarch

Christian Topel

Foto: Christian Topel/Michael Wolf

Die spinnen, die Ringsgwandls! Stellen mitten in die bayerische Pampa ein Palastzelt, ums eigene Theaterstück zu präsentieren. Was klingt wie Wahnsinn, entwickelt sich zur Erfolgsgeschichte – aus dem Boden gestampft von einer wahren Künstlerfamilie.

Draußen grasen seelenruhig Kühe. Drinnen knattert eine uralte BMW durchs Zelt. Das Bühnenbild besteht aus einer echten Bauernhoffassade aus bayerischem Bundwerk mitsamt Gesindehaus. Besucher blicken von einer mehrgeschossigen Holztribüne auf das Spektakel herunter. Elfriede Ringsgwandl hat hier das „Gsindlkind“ auf die Welt gebracht, ein aufwendig inszeniertes Theaterstück für Erwachsene. Mithilfe ihrer Familie hat sie sich auf 600 Quadratmetern diesen Traum erfüllt, inklusive Theaterbar, die sie liebevoll mit Puppen und Accessoires aus dem Fundus früherer Stücke dekorierte. Dimensionen, wie man sie vom Tollwood-Festival kennt – mitten in der oberbayerischen Pampa.

Münchens Kunst- und Künstlerjahrmarkt gab Elfriedes Bühnenkarriere dereinst einen mächtigen Schub. Zuerst verzauberte sie mit dem Puppentheater „Lukas Straßenkind“ die Herzen junger Zuschauer, Jahre später mit dem „Himmegugga“ – jenem Kult-Stück, das seit 2006 über 50.000 Menschen gesehen haben. Anfangs in einem vergleichsweise winzigen, eigens errichteten Zelt in Ecking am Simssee, dann einen Winter lang in der Landeshauptstadt, heute nahe dem Tinninger See bei Riedering. Das urgemütliche Himmegugga-Zelt haben Ringsgwandls nämlich einfach ins neue, größere „Gsindlkind“-Zelt hineinverfrachtet. Schließlich gilt es für die Familie ein Versprechen zu halten, neues Stück hin oder her: „Wir spielen den Himmegugga solange, bis koana mehr kimmt“, erklärt Elfriede nach jeder Vorstellung. Und siehe da, der Zuspruch lässt auch nach über 600 ausverkauften Aufführungen nicht nach. Sie wird wohl noch oft in die Rolle der weisen Außerirdischen schlüpfen, die den ewig den Himmel absuchenden Eigenbrötler besucht...

Weil das Publikum beide liebt – „Himmegugga“ und „Gsindlkind“ – teilen sich heute beide Mundartstücke die Termine. Mit ihrer jüngsten Geschichte kehrt Elfriede Ringsgwandl zu ihren Theaterwurzeln zurück. Ende der 1990er Jahre führte sie mit dem „Zigeunerbauer“ schon einmal ein ähnliches Großprojekt auf, damals mit 95 Mitwirkenden – die Pferde nicht mitgezählt. Auch heute wirken in den hier beheimateten Stücken etliche  Freunde und Bekannte mit, was einen beträchtlichen Teil ihres Charmes ausmacht. Über 40 Darsteller im Alter von 3 Monaten bis 80 Jahre tummeln sich auf der jeweiligen Bühne.

Das dem „Gsindlkind“ seinen Namen gebende Mädchen ist der Spross einer Vergewaltigung, und nur geduldet am Hof eines patriotischen Großbauern, irgendwann in den 60er Jahren, irgendwo im tiefsten Bayern. Wo komme ich her? Wo gehöre ich hin? Wo will ich sein? Die Figuren befinden sich alle auf der Suche. Auf der Suche nach sich selbst, auf der Suche nach ihren Wurzeln, auf der Suche nach dem rechten Weg. Nebenbei wird die Geschichte auch zu einer Art Geschichte vom verlorenen Sohn, dessen Gefühle für Vater und Gsindlkind an ihm zehren. Dass trotzdem immer wieder herzhaftes  Gelächter durchs Zelt schallt, liegt an den skurrilen Einfällen der Regisseurin, gepaart mit dem komödiantischen Talent ihres Ensembles. Hippies und bayerische Bauern, da treffen ideologische Kontinentalplatten aufeinander…

Das Zelt tobt spätestens, wenn Elfriedes älteste Tochter Maria den Titelsong „Sonnenuntergang“ singt. Eine Tradition bei Ringsgwandls: herzergreifende Momente wie in einem Musical. Die andere Tradition kommt leiser daher. So lustig, niedlich oder turbulent es auch zugehen mag auf der Bühne, die Stücke beinhalten stets tiefgründige Botschaften. Die gehen deshalb so nahe, weil Elfriede keine moralische Keule schwingt, man aber spürt, dass hier eine Frau spricht, die sich oft genug selbst als Außenseiterin fühlte. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, welche Art von Freiheit er nachempfindet; welchen Lebensentwurf er nachvollziehen kann; wie viel Toleranz er zu geben bereit ist. Elfriede gibt lediglich Denkanstöße. Und weil man sich so sympathisch gern belehren lässt, dürfte es großartig gedeihen, dieses „Gsindlkind“.

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