Die heilsame Kraft getrockneter Gräser

Christian Topel

Foto: Wellvital in Bayern – www.bayern.by

Wellness auf die alpine Art: Mit Anwendungen rund um Heu findet altes Bergbauern-Heilwissen den Weg in Hotels und Thermen.

In den Bergen faszinieren zwei Perspektiven: zum einen der ungehinderte Fernglasblick über die Postkartenkulisse des Alpenlands mit ihrem majestätischen Panorama; zum anderen die in Aug‘ und Nase stechenden Details, die Pracht und Vielfalt der direkt unter den Füßen liegenden Landschaft. Da droben auf den Almen blüht ein Kräuterallerlei, das nicht nur herrlich duftet oder den Kühen schmeckt – schon vor Jahrhunderten legte sich das Bergbauernvolk regelrecht hinein in seine wohltuenden Wiesen. Nein, nicht während der Arbeit. Doch betteten sie sich nach der Heumahd über Nacht gern ins frisch aufgeschichtete Heu, um morgens trotz der anstrengenden Arbeit schmerzfrei und voller Kraft aufzuwachen.

Jenes instinktive Handeln der Bergbauern sprach sich bald auch bis in die Täler herum, wo das Bad im Heu institutionalisiert, soll heißen: erst entzaubert, also wissenschaftlich durchleuchtet, und dann für die Allgemeinheit erfahrbar gemacht wurde. So erfreute sich das Heubad zu Beginn des 20. Jahrhunderts als natürliche Kuranwendung bei Rheuma, Hüft- und Rückenschmerzen, Hexenschuss, Muskelverspannungen, Fettleibigkeit und ähnlicher Zipperlein immenser Beliebtheit. Großer Vorteil der professionellen Verabreichung: die Badefreude wird nicht von lästigen Tierchen getrübt. Nach dem Abflauen des klassischen Kurwesens erfahren Anwendungen rund um das getrocknete Kräutergras heute im auf regionale Ressourcen spezialisierten Tourismus- und Wellnessbereich eine Renaissance.

Worin aber liegt das Geheimnis der Heubehandlungen? „Nun, Bergwiesen beinhalten ein außergewöhnlich breites Spektrum an Gräsern, Heil- und Wildkräutern“, weiß die Heilpraktikerin Ulli Webler vom Hotel Schnitzer am Tegernsee. „Deren Inhaltsstoffe sorgen für die wohltuende Wirkung für Leib und Seele.“ Cumarin etwa sei enthalten, ein sekundärer Pflanzenstoff, der frischem Heu und getrocknetem Waldmeister seinen eigentümlichen, außerordentlich würzigen Geruch verleiht. Dazu ätherische Öle, Harze, Spurenelemente und Gerbstoffe, aber auch Kohlen- und Milchsäure, Provitamin A (Carotin) und Vitamin D. Ein wichtiger Bestandteil für Heuanwendungen sind auch die Heublumen, jene Mixtur aus  getrockneten Blüten, Blütenstaub, Samen und winzigen Blattteilen, die sich während der Heulagerung am Boden absetzt. Sie finden vor allem in Heuwickeln, -auflagen, oder -bädern Anwendung. In Form von Tee kommen Heublumen sogar auf den Tisch.

Doch wie geht so ein echtes Heubad vonstatten? Von einer gewöhnlichen Wanne ist schon mal keine Spur! Vielmehr wird das Heu vor dem „Bad“ etwa eine Stunde eingewässert und dabei langsam erwärmt. Sobald sich die ätherischen Öle entfalten, durchweht ein wunderbarer Duft den Raum. In das eingelegte Heu wird man dann eingewickelt – ohne Pieksen und ohne Niesanfälle, dem Wasser sei Dank. Sogenannte Spaltpilze  sorgen für den Thermo-Effekt. Bei knapp über 40 Grad öffnen sich die Poren der Haut und die kostbaren Inhaltsstoffe können in den Körper  eindringen. Umgekehrt, heißt es, scheide man beim sanften Schwitzen Giftstoffe aus. Aufgrund der schonenden Überwärmung des Körpers  entspannt die Muskulatur, Haut und Gewebe werden besser durchblutet, das Immunsystem gestärkt.

Im Anschluss empfiehlt es sich, eine Zeit lang im Ruheraum nachzuschwitzen und den Kreislauf zu erholen. Bei geschlossenen Augen wähnt man sich geborgen wie auf einer Almhütte, hoch droben in den Bergen. Die alpine Wellness-Anwendung kann die Entschlackung und Entwässerung unterstützen. Sie kommt bei rheumatischen Beschwerden oder allgemeinen Erschöpfungszuständen zum Einsatz. Nicht zuletzt stellt sich in der  wohlig-duftenden Wärme ein seelisches und körperliches Wohlgefühl ein – ganz ohne chemische Zusätze, allein durch die Kraft getrockneter Gräser.

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