Die geballte Pracht der Tracht

Christian Topel

Fotos: Trachtenverein Rosenheim Stamm I

In Rosenheim laden Stammverein und Gauverband der Trachtler zum 125-jährigen Gründungsjubiläum.

Ursprünglich Arbeiterkluft, dann von der Jugend entdeckt, zuletzt von der gesamten Gesellschaft getragen. Was wie eine verkürzte Geschichte der Jeans klingt, meint in Wirklichkeit ein Beinkleid, dem Uneingeweihte gern eine gewisses Rückständigkeit unterstellen. Doch weit gefehlt, weiß Peter Feldschmidt. Tatsächlich gehe die Trachtenbewegung sogar auf „Rebellen in Lederhosen“ zurück, sagt der 1. Vorstand des Gebirgstrachtenerhaltungsvereins (GTEV) Rosenheim I Stamm. Und damals wie heute seien Trachtler zwar der Vergangenheit verbunden, von Ewiggestrigkeit aber keine Spur!

Dieses Jahr bietet sich in Rosenheim eine ausgezeichnete Möglichkeit, sich mit der Geschichte der Tracht und ihrer Bewahrer auseinanderzusetzen. Ein – großzügig ausgelegt – doppeltes Gründungsjubiläum illustriert eindrucksvoll die Gratwanderung zwischen Tradition und Heimatverbundenheit auf der einen, Weltoffenheit und Geselligkeit auf der anderen Seite. Warum großzügig? Nun, Rosenheims ältester Trachtenverein feierte sein 125. Gründungsjubiläum zwar eigentlich schon letztes Jahr, der GTEV haut aber erst dieses Jahr so richtig auf die Pauke, indem er das 125. Gaufest des Gauverbandes 1 ausrichtet und dabei regelrechte Festwochen veranstaltet:

Neben dem großen Gaufest am 18. und 19. Juli mitsamt obligatorischem Gaupreisplatt´ln und Tanzabend dürfen sich Gäste auf einen Kabarettabend, das Rossererfest sowie die noch bis 13. September im Städtischen Museum zu sehende Ausstellung „Stadt, Land, Gwand“ freuen. Sie zeichnet eindrucksvoll eine Geschichte nach, die quasi mit dem Ausruf begann: „Wißt‘s wos, gründ‘ ma a‘n Verein!“ Man schreibt das Jahr 1883, als der Volkschullehrer Josef Vogl mit diesen Worten buchstäblich auf den Stammtisch haut. Der Bayrischzeller soll mit vier anderen Burschen beisammen gesessen sein, und alle Fünfe sollen sich über einen – heute würde man wohl sagen – Trend beschwert haben. Durch Bayern wehte damals der Wind der Veränderung. Ein Wind, den viele als zerstörerischen Sturm empfanden. Bauwesen und Handwerk, Kunst und Kultur, Technik und eben auch die „Mode“ wandelten sich, gerade auf dem Lande. Hier hatten bis dato strenge Kleidervorschriften geherrscht. Vom Bauer über den Handwerker bis hin zu Dienstboten hatte die Landbevölkerung „standesgemäß“ daherzukommen. Zu aufgemotzt bedeutete sogar Bestrafung!

Wie so oft: Man merkt erst, was man an einer Sache hat, wenn sie verschwindet. Als sich also einerseits die Vorschriften lockerten und die Kleidung von Städtern und höheren Ständen Einzug hielt auf dem Lande, andererseits eine regelrechte Landflucht in die Städte einsetzte, drohte die über Jahrzehnte gewachsene Tracht – und mit ihr viele Bräuche – verloren zu gehen. Aus heutiger Sicht mag es überraschen, aber gerade junge Leute reagierten auf diese Entwicklung, indem sie sich zu Gesellschaften und Vereinen zusammentaten. Der erste eben unter dem Vorsitz von Josef Vogl, mitten im Miesbacher Land, das damit zur Wiege der Gebirgstrachten-Bewegung wird.

„Dem Zeitgeist Schranken zu setzen und gleichzeitig Tracht, Sitte und Brauchtum der Altvorderen zu pflegen und der Nachwelt zu erhalten” macht sich der erste Gebirgstrachten-Erhaltungsverein dementsprechend zur Aufgabe. Kurioserweise erhält er in der Sache Unterstützung von ganz oben! Aus dem Königshaus höchstselbst erschallt der Ruf, weitere solcher Vereine zu gründen – ,,damit die schöne Gebirgstracht und die alten Tänze, besonders die Schuhplattlertänze, erhalten bleiben und in diesen Vereinen Kameradschaft, Heimat- und Vaterlandsliebe gepflegt werden”. Das ließen sich die Rosenheimer nicht zweimal sagen! 

Unter dem Namen "Schuhplattlergesellschaft“ gründete sich 1889 der erste örtliche Trachtenverein – der heutige Gebirgstrachten-Erhaltungsverein Rosenheim 1 Stamm – dem inzwischen rund 300 Erwachsene und fast 50 Kinder und Jugendliche angehören. Mit welcher Freude und Modernität sie sich dem Vereinszweck widmen – der Aufrechterhaltung der Gebirgstracht, der Erhaltung von bodenständigen Sitten und Bräuchen, der Pflege des traditionellen alpenländischen Musik- und Liedgutes sowie der Pflege der überlieferten Schuhplattler- und Volkstänze – kann die Öffentlichkeit während des anstehenden Gaufestes bewundern.

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