Die Fohlenflüsterin

Christian Topel

Fotos: Christian Topel

Auch für Haflinger ist die Geburt immer wieder Wunder und Kampf zugleich. Am Fohlenhof Ebbs erblicken Fohlen unter der liebevollen Begleitung von Annemarie Wendlinger das Licht der Welt.

„Hebamme wäre übertrieben“, sagt Robert Mair, der Gestütsleiter des Fohlenhofs Ebbs in Tirol. Geburtsbegleiterin treffe es vielleicht besser. Wir stehen in einem der Ställe des Weltzentrums der Haflingerzucht. In den Boxen schnauben und wiehern einige der weltweit bekanntesten Haflinger-Hengste: Abendstern, Novembernebel oder Stainz lassen nicht nur Stutenherzen höher schlagen. Die Tiere haben alle bedeutenden Zuchtveranstaltungen der Welt gewonnen. Und die Stuten des  Haflinger Pferdezuchtverbands Tirol (als Eigentümer des Fohlenhofs) stehen dem in nichts nach. Erfolge, die auf der bis ins Jahr 1947 zurück reichenden Erfahrung genauso beruhen, wie auf der liebevollen Pflege der Mitarbeiterinnen. Eine davon ist Annemarie Wendlinger. Sie steht den Stuten in den bedeutendsten, anstrengendsten und eindrucksvollsten Momenten ihres Lebens bei: während der Geburt ihrer Fohlen.

Dreizehn Mal war die Pferdepflegerin dieses Jahr schon im Einsatz. Auf Fohlen vierzehn wartet sie noch, als sie uns zu den Boxen mit den jüngsten Bewohnern des Gestüts bringt. Wie Menschenkinder auch, zeigen Fohlen völlig unterschiedliche Charaktere. Das eine versteckt sich schüchtern hinter der Mutter, ein anderes stupst uns frech mit den Nüstern, ein drittes interessiert sich gar nicht für die Besucher, sondern knabbert wie wild an einem Seil. Es zahne, erklärt Annemarie.

Bis eine Haflingerstute zur Mutter wird, trage sie etwa elf Monate, erzählt die aus Rosenheim stammende  Wahl-Ebbserin. „Spannend wird es, wenn die Zitzen hervortreten und eine klebrige Flüssigkeit absondern, die sogenannten Harztropfen.“ Ab diesem Augenblick steht Annemarie unter Alarmbereitschaft. Sie streut die Box besonders weich ein, achtet noch mehr als sonst auf absolute Hygiene. Nun sind Stuten Fluchttiere. Sie sind in der Lage, den Beginn der aktiven Wehenphase lange hinauszuzögern. Am Fohlenhof herrscht laufend Betrieb, doch auch eine angehende Pferdemutter möchte  in Ruhe gebären. Ohne Schaulustige, die ansonsten sehr willkommen sind unter Mensch und Pferd. Wie willkommen, das zeigen die Ebbser seit kurzem anhand von lebensgroßen  Haflingermodellen. Die ersten werden gerade nach Entwürfen von Grundschülern bemalt – die Sieger eines Wettbewerbs, den das Ferienland Kufstein ins Leben gerufen hatte. Im Laufe der Zeit sollen an allen Ecken und Enden weitere solcher Modelle stehen, als sichtbares Zeichen des Stolzes eines Ortes auf seine Haflinger.

Annemarie Wendlinger hat noch kaum eine Geburt der echten Haflinger verpasst. Sie, die sich tagtäglich um die Stuten kümmert, wird bei dem Ereignis akzeptiert. „Und toi toi toi, bisher ging auch immer alles gut“, sagt die erst durch ihre Tochter vor 13 Jahren auf das Pferd gekommene Frau und klopft aufs Holz der Box. Im Durchschnitt kommt ein Fohlen innerhalb einer Viertelstunde zur Welt. Mittels „Hechtsprung ins Leben“, wie die Geburtshelferin die Haltung des Fohlens bezeichnet: mit den Vorderhufen zuerst, die zum Schutz der Mutter von einem samtweichen „Fohlenkissen“ umhüllt sind. Während des Geburtsvorgangs liegt die Stute im Idealfall so, dass hinter ihr genügend Platz für den  Nachwuchs bleibt.

Ein Eingriffen sei gottlob selten nötig, betont Annemarie. Einen kritischen Momente beobachte sie aber mit Argusaugen: Wenn das Fohlen gänzlich herausgeglitten und die Stute aufgestanden ist, sollte die Nabelschnur reißen und sich – mit dem ersten Zappeln des Fohlens – die Eihaut lösen, also das Gefäß, worin sich Fetus und Fruchtwasser befanden. Geschieht dies nicht, droht das Fohlen zu ersticken. In dem Fall würde „Schwester Annemarie“ Maul und Nüstern flugs von der Eihaut befreien. Und noch etwas darf Annemarie nicht aus den Augen verlieren, obwohl sie viel lieber den ersten, tapsigen Gehversuchen der Fohlen zusieht – die Nachgeburt. Die Fruchthäute aus der Gebärmutter hängen nach wie vor aus der Scheide. „Leider eine perfekte Brücke für Keime“, weiß Annemarie. Doch auch hier sorgt die Natur normalerweise dafür, dass alles glatt läuft. Die Nachgeburt  sollte sich von alleine im Verlauf von bis zu vier Stunden lösen. 

Da labt sich das Fohlen längst am Euter seiner Mutter. Besonders Aufgeweckte wagen sogar erste Hopser. Da strahlen Annemarie Wendlingers blaue Augen vor Freude. Und wenn die Geburtsbegleiterin vom Ebbser Fohlenhof ihre Schützlinge aufsucht, scheint es tatsächlich so, als blitze auch in den Pferdeaugen die Wiedersehensfreude auf.

 

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Fohlenhof Ebbs

Der Fohlenhof Ebbs gilt als das Weltzentrum der Haflinger-Zucht. Neben den ca. 50 Zuchtstuten beherbergt der Fohlenhof Ebbs auch die größte Haflinger-Deckstation Österreichs mit ca. 400 Belegungen jährlich, mit Hengsten aus allen 7 Blutlinien, selbstverständlich ausschließlich in Reinzucht mit zum Teil über 20 Generationen Haflinger-Geschichte. Durch die Errichtung von zwei Reithallen, einem Fahrgelände mit international genutzten Hindernissen und zwei Außenplätzen, erfolgte auch der Aufstieg zu einem  modernen Reit- und Fahrzentrum. Ein Haflinger- und Kutschenmuseum zeigt die Geschichte des Haflingers, mit Exponaten aus dem bäuerlichen Bereich, zahlreichen Bilddokumenten, vielen Kutschen und Schlitten, sowie Trophäen und Preisen aus mehreren Jahrzehnten. In den Stallungen sind ca. 100 Haflinger untergebracht, darunter viele Welt- und Europasieger, sowohl Stuten als auch Hengste. Monatliche Highlights in der Haflinger-Szene, wie Körungen, Auktionen, Hengst- und Stuteneliteschauen, Stutbuchaufnahmen, Turniere, Leistungsprüfungen usw., sind ebenso wichtig wie wöchentliche Events – etwa die Shows am Freitagabend oder die täglichen Besichtigungsmöglichkeiten, bei denen man den rein gezogenen Haflinger als Zuchtpferd oder bei der Arbeit als Freizeitpferd sehen kann.

www.haflinger-tirol.com

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