Die fast vergessene Wintersport-Faszination

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Dereinst winterliches Transport- und Fortbewegungsmittel, heute Breitensportgerät mit Nostalgiegarantie: Robert Wechselberger baut Rodel.

Auf welchem Speicher, in welcher Garage schlummert nicht so ein Kamerad aus Kindertagen. Den man früher, kaum war die Landschaft eingeschneit, aus seinem Sommerschlaf weckte. Den man dann, auf den ersten Metern eine rotbraune Spur in den Schnee zeichnend, den nächstbesten Hügel hinaufzog. Wo man sich drauf hockte, Mütze und Schal zurecht zupfte und schnurstracks wieder zu Tal donnerte. „Aus der Bahn, Kartoffelschmarrn“ rief man noch, und ab ging die Post. Hunderte Male hintereinander. Fast jedes Kind ein Sisyphos im Schneeanzug. Bei Einbruch der Dunkelheit schmerzte das Steißbein, die Finger froren, die Füße fröstelten, die Rotbäckchen bibberten – und trotzdem  hüpfte alljährlich vor Freude das Herz. Bis die Eltern einen irgendwann auf höhere Gipfel karrten, in Skikurse steckten oder mit Snowboards beschenkten – während der gute, alte Rodel in Vergessenheit geriet, in einer dunklen Ecke, gefundenes Fressen für Holzwürmer und Rost...

Aus dem Gestern ins Heute: Schechen schmiegt sich zwischen Rosenheim und Wasserburg an die B15. Hier hat Robert Wechselberger auf 600 Quadratmetern Grundfläche eine zweistöckige Halle hochgezogen. Draußen stapeln sich haufenweise Holzbalken. Drinnen erinnert eine Jahrzehnte alte Holzpresse an die Pioniertage der heutigen Wechselberger Holzverarbeitung GmbH. Das Unternehmen geht auf Roberts Großvater zurück. Ursprünglich eine Wagnerei betreibend widmete sich der alte Wechselberger, dem Trend seiner Zeit folgend, bald der Skiproduktion. Anders als die heutigen Carver und Co. waren das noch mannsbildhohe Latten, die Roberts Vater als Nachfolger des Firmengründers  dann vor allem ins Allgäu lieferte. Bis in den 1970er Jahren die Lawine der Industrialisierung das Ski-Handwerk überrollte. Wechselberger Senior steckte den Kopf aber nicht in den Schnee! Stattdessen  hörte er auf das Kind im Manne und verlegte sich aufs Rodelbauen. Die Original Inntaler Sportrodel  schlugen ein wie eine Bombe, und so hat Robert, der das Unternehmen nun in dritter Generation führt, im Jahr 2000 die Produktion aus der heimischen Werkstatt in diese Halle verlegt.

 

Wenn man so im Lärm der sirrenden Sägen steht, wird einem plötzlich bewusst, welch stiller Sport das Rodeln eigentlich ist. Freilich kreischen sich Kinder die Hälse heiser, wenn sie die Hänge hinunter jagen. Wenn wir Erwachsenen aber nach Jahren der Vergessenheit wieder zufällig über unseren spinnennetzumwobenen Schlitten stolpern, erfasst uns eine andere Art der Faszination. Eine ruhigere. Wir entdecken quasi den Zen-Charakter der Geschwindigkeit. Zwar erinnern wir uns wehmütig an den kindlichen Nervenkitzel, verspüren kurzzeitig diese längst totgeglaubte Lust auf Fahrtwind, gleichzeitig hören wir aber den Ruf der Natur, erkennen wir das romantische Potential einer – gern auch nächtlichen – Rodelpartie. Da gehört der Weg schon zum Ziel, da offenbart sich der Aufstieg  durch verschneite Winterwunderwälder fast als wichtigerer Bestandteil des Unterfangens als das geschwinde zu Tale gleiten.

Apropos Wald: natürlich aus den umliegenden Wäldern bezieht Robert Wechselberger das Holz für seine insgesamt fünf Modelle: Esche, ausnahmslos. „Die ist hart, zäh und doch elastisch“, erklärt der 39-Jährige. Stabilität, logisch, kann nicht schaden, wenn 80 Kilo von der Buckelpiste abheben und wieder landen. Der Rodel muss einen klassischen Steißbein-Staucher unverletzt überstehen. Doch warum Elastizität? Nun, weil´s der Produktionsweise nutzt. Nach etwa drei bis vier Jahren Trockenlagerung werden die Balken in schmalere Riegel geschnitten, diese in hauchdünne Lamellen zersägt, und jene Lamellen dann ohne Zuhilfenahme von Dampf in die spezifische Hörneroder  Rennrodelform gebogen. Ohne Biegsamkeit brächen sie! Sechs Schichten aneinandergeleimt, die  Laufeisen aus rostfreiem Edelstahl drauf, fertig ist der Unterbau. Der sich beim Hörnerrodel elegant nach  oben schneckt, beim Rennrodel eher windschnittig spitz zuläuft.

Heutzutage kann sich die Skiindustrie mit ihrem ständig neuen Schickschnack übrigens ein Bein  ausreißen – wenn der Schnee einigermaßen stimmt, verlassen pro Jahr bis zu 2.000 Rodel Robert  Wechselbergers Werkhalle. Wir sind halt doch ein Volk von Nostalgikern. Also produziert der  Schechener Rodelbauer sommers Einzelteile vor, im Winter stockt er das Team auf und verleimt, bis die Kufen glühen. Zugegeben, so ganz kann sich auch eine Nostalgiesportart gewissen Trends nicht entziehen. Ob Ein- oder Mehrsitzer, der Bock bringt schließlich Farbe ins Spiel. Während sich Puristen mit hölzernen Sitzleisten zufrieden geben, schwören Individualisten auf Sitzbespannungen aus Perlongurt. Wechselbergers Klassiker ist die rot-schwarze Sitzbespannung. In den letzten Jahren finden gelbschwarz und rot-blau auch guten Absatz. Es scheint, als verlagerten manche Männer ihre Fußball-Fehde auf den Rodel. Eins ist jedenfalls sicher: Früher oder später kramen wir ihn alle wieder heraus, unseren Kameraden aus der Kindheit.

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