Die fabelhafte Welt des Fliegens

Christian Topel

Achtung, Suchtgefahr! Wer sich einmal in die sanft tragenden Hände des Windes begeben hat, wird wieder und wieder abheben wollen. Gleitschirmschulen und Tandempiloten vermitteln das größtmögliche Gefühl von Freiheit.

30 Sekunden dauert das Anfixen. Ein kurzer Rausch. Aber lange genug, um so viele Glückshormone durch den Körper zu jagen, dass man den Boden küssen, den Himmel preisen, kurzum: die ganze Welt umarmen möchte. Es stimmt also, was Robert Niederreuther, Leiter und Gründer derFlugschule Hochries, beim gemeinsamen Kaffee vorhin behauptete: „Wer gehen kann, kann auch fliegen!“ Und wie das so ist bei frischgebackenen Frischluftjunkies, will ich sofort den nächsten Kick. Leider liegt vor dem neuerlichen Vergnügen ein wenig Arbeit. Also raffe ich den an einem bunten Kuddelmuddel aus Leinen befestigten Stofffetzen zusammen, schultere das Paket und stapfe schleunigst den Hang wieder hoch.

Da oben steht ein Hüne namens Sepp. Den hat uns Robert heute Morgen an die Seite gestellt, uns das Gleitschirmfliegen zu lehren. Wir tummeln uns am Übungshang der Flugschule, auf einem idyllischen Fleckchen Erde am Samerberg nahe Rosenheim. Von hier schickt Sepp jetzt Steffi los, mit den gleichen Worten,  die er auch mir mit auf den Weg gab. „Die Arme passiv lassen, Impuls geben, laufen, laufen, Kontrollblick, weiter laufen, anbremsen, jawoooooohl.“ Steffi entschwebt, lenkt ganz einfach mittels leichtem Zug an zwei Leinen, während Sepp Anweisungen ins Funkgerät spricht. Wobei das Wort „Anweisungen“ für seine sanften Korrekturen genauso übertrieben klingt, wie das Wort „Flug“ für unser Dahingleiten.Doch auch dabei spürt man schon, was so fasziniert an diesem Sport: Das Gefühl von Freiheit und Leichtigkeit, der majestätische Ausblick, die Intensität des Augenblicks und das Wahrwerden des uralten Menschheitstraums vom Fliegen, zählt Gabi Kittelberger, Tandempilotin von Flugerlebnis Chiemgau, auf.

Obwohl er mit einer formidablen Arschbombe auf dem Protektor endet, kreischt der irrwitzige Ikarus in meinem Kopf auch nach dem zweiten Übungsflug: „Höher, schneller, weiter!“. Was tun also, damit aus 100 Metern Tausende, ja Zehntausende werden? Tatsächlich legen die absoluten Cracks der Szene über 400 Kilometer in der Luft zurück – und zwar am Stück, sagt Eki Maute von der Gleitschirmschule Achensee. Theoretisch könnte er also von Tirol nach Frankfurt fliegen. Praktisch bedürfe es zu solchen Spitzenleistungen natürlich besonderer Verhältnisse. Im Frühjahr und Sommer entstünden manchmal genügend starke Aufwinde, die einen Piloten auf über 4.000 Meter hieven könnten. Wenn sie dann von Thermik zu Thermik glitten, kämen gute Flieger mitunter meilenweit.

Entwicklung vom Extrem zum Breitensport

Doch wie wird man zu solch einem Piloten? Anders als zu den Pionierzeiten des Sports in den 70er oder 80er Jahren, als sich noch waghalsige Einzelgänger in abenteuerlichen Schirmkonstruktionen von Berggipfeln stürzten, müssen angehende Gleitschirmpiloten heute – nicht anders als ihre Kollegen bei Lufthansa und Co. – eine Ausbildung absolvieren, um den „Luftfahrerschein“, die staatlich anerkannte Pilotenlizenz, zu erwerben. Das ermöglichen in Deutschland rund 100 Flugschulen, wie der Deutsche Hängegleiterverband (DHV) vorzählt. Wollte ich der „Droge“ vollends verfallen, müsste ich zuerst den Lernausweis erlangen. Der würde mich – nach schulinterner Prüfung – berechtigen, diesen Hang auch ohne Sepps Beisein hinabzufliegen. So ein erster Kurs dauere etwa eine Woche, erklärt Max Kiefersauer von der Gleitschirmschule „adventure sports“ in Lenggries. Auf dem Lehrplan stünden angeleitete Übungsflüge auf einem entsprechenden Gelände, Einweisungen in die Start- und Landetechnik sowie erste Kurvenflüge. Ein theoretischer Teil zähle freilich auch dazu, so Kiefersauer. Inhalt: Aerodynamik, Flugpraxis, Gefahreneinweisung, Wetterkunde – und nicht zuletzt Gerätekunde. Klar, es hilft, wenn man weiß, woran das Leben hängt. Im Falle eines Gleitschirmes handele es sich, erklärt Kiefersauer, um eine elliptische, aus Unter- und Obersegel zusammengesetzte Schirmkappe aus Nylonstoff, etwa 40 zwar spaghettidünne, dafür stahlstabile Leinen, sowie Tragegurte und Gurtzeug. In einen dazugehörigen Rucksack gestopft wiegt das keine 20 Kilo.

Nun möchte man einen Kasten Bier genauso wenig wieder und wieder einen Berg hochschleppen, nur um an einem Fläschchen zu nippen, wie man einen Gleitschirm wieder und wieder für halbminütige Flüge den Übungshang hinauftransportieren will. „Wen es auf eigene Faust ganz hoch hinaus zieht, muss nach dem Höhenflugausweis die A-Lizenz erwerben“, erklärt Markus Fiedler vom Flugcenter Ruhpolding. Davor liegen zehn Höhenflüge über 300 Meter mit verschiedenen Flugübungen unter Fluglehreraufsicht, eine Theorieausbildung sowie eine flugschulinterne praktische und theoretische Prüfung. Schließlich folgt die weiterführende Ausbildung über zwei bis drei Wochen Dauer und zum Abschluss die theoretische und praktische Prüfung – diesmal vor einem DHV-Experten. Nach weiteren Trainings und Prüfungen erhalten komplette Piloten schließlich die B-Lizenz. Damit steht ihnen die ganze Welt offen.

Sicherheit genießt oberste Priorität

Steht der Eroberung der Lüfte also nichts mehr im Wege – abgesehen von einer gehörigen Portion Schiss. Die Redewendung vom am seidenen Faden hängenden Leben trifft den Nagel beim Gleitschirmfliegen auf den Kopf – könnte man meinen. Klaus Schwarzer von der FlyArt-Flugschulein Holzkirchen beruhigt: „Der heutige Standard der Fluggeräte in Verbindung mit den strengen Testkriterien, sowie die fortwährende Optimierung von Aus- und Weiterbildung der Piloten haben die Sicherheit extrem nach oben geschraubt.“ So ein Faden halte eine Kraft von über 1.500 Newton aus! Tatsächlich habe sich, bestätigt der DHV, die Zahl an Gleitschirmpiloten in den letzten zehn Jahren kontinuierlich auf über 25.000 erhöht. Zahlen des Luftfahrtbundesamtes zeigten gleichzeitig, dass die Unfallrate und die Zahl der tödlichen Abstürze gering sei und kontinuierlich sinke.

Am Samerberg sinkt Steffi zu Tal. Der Windsack lässt den Kopf hängen. Der Schnuppertag neigt sich dem Ende entgegen. Und wir sind traurig. Traurig, dass wir diesmal noch mit dem Auto den Heimweg antreten. Diesmal…

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