Die dunkle Seite von Warhol

Christian Topel

Repros: Franz Kimmel, © 2014 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Artists Rights Society (ARS), New York

Die Städtische Galerie Rosenheim zeigt 100 Originale des Pop Art Künstlers – darunter bislang noch nicht gezeigte Siebdrucke.

Der Geruch eines jahrzehnte unberührten, weil in der „Factory“ (wie der Künstler seine Fabrikhallen-Ateliers nannte) originalverpackten Warhols – wer kann schon von sich behaupten, ihn je in der Nase gehabt zu haben? Dr. Birgit Löffler, Museumsleiterin des Traunreuter DASMAXIMUM, kam kürzlich in den seltenen Genuss. Selten, weil Warhol als Aushängeschild der Pop Art zu den meistgezeigten Gegenwartskünstlern gehört. Viele Schätze gibts da nicht mehr zu bergen. Ein paar wenige aber doch, und einige davon sind nun, nachdem Birgit Löffler sie ans Tageslicht schälen durfte, neben bereits bekannten Klassikern in der Städtischen Galerie Rosenheim zu sehen.

Zu verdanken haben Besucher die in dieser Fülle einzigartige Ausstellung der Kooperation zwischer Städtischer Galerie und Kunstförderer Heiner Friedrich. Jener Friedrich hatte erstmals 1963 von sich Reden gemacht, als er gemeinsam mit seiner ersten Frau und dem Freund Franz Dahlem die in München ansässige Galerie „Friedrich & Dahlem“ eröffnete.

Als wahre Spürnase in Sachen Kunst wagte er als einer der ersten Galeristen überhaupt, Werke von heute zum Kanon gehörenden deutschen Künstlern wie beispielsweise Georg Baselitz oder Joseph Beuys zu zeigen. Doch Friedrich knüpfte auch früh Bande über den großen Teich. Dank exzellenter Kontakte zur amerikanischen Avantgarde konnte er Künstler wie John Chamberlain, Dan Flavin, Donald Judd und eben auch Andy Warhol teils erstmalig europäischen Augen zugänglich machen. Mit ihm, der 1928 in Pittsburgh/Pennsylvania als Andrej Warhola geboren wurde, seinen Namen aber Anfang der 50er Jahre in New York amerikanisierte, hegte Heiner Friedrich bis zu dessen mysterösen Tod 1987 eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Was Wunder, dass Friedrich dem Mitbegründer und wohl bedeutendsten Vertreter der amerikanischen Pop Art auch in seiner jüngsten Stiftung, DASMAXIMUM, viel Raum einräumt.

Beide Ausstellungen, die dauerhafte in Traunreut sowie nun die „The Original Silkscreens“ betitelte in Rosenheim, werfen auf jeweils ganz eigene Art ein neues Licht auf Warhol. Als einer der erfolgreichsten Werbegrafiker New Yorks hatte sich der scheue Exzentriker etwa ab 1960 der Kunst zugewandt. Indem er Szenen und Bilder aus Comics, Filmen oder der High Society mit grellen Reklame-Effekten versah und sie per Siebdruckverfahren vervielfältigte, hielt er der um sich greifenden Konsumgesellschaft den Spiegel der Kunst vor. Eines der geradezu zur Ikone gewordenen Werke aus dieser Zeit ist die Abbildung Marilyn Monroes, das einem Kinostandbild aus dem Film „Niagara“ entstammte und das Warhol wieder und wieder in unzähligen Variationen auflegte. Elvis, James Dean oder Liz Taylor folgten und trugen zur Popularität der Warholschen Drucke bei. Den meisten im DASMAXIMUM gezeigten Arbeiten ist demgegenüber eine traditionelle Ausführung mit dem Pinsel nach einer Vergrößerung per Episkop gemeinsam sowie das Fehlen der für Warhol anfänglich geradezu existenzielle Farbe.

In Rosenheim geht´s durchaus bunt, ja teils grell und blendend zu. Über 90 Originale aus 16 Mappen, darunter Klassiker wie die Monroe, „Campbell´s Soup Cans“, „Mao“, „Flowers“, „Lenin“ oder „Kimiko“ sind bis Juni 2016 zu bewundern. Die Leiterin der Städtischen Galerie, Monika Hauser-Mair, freut sich aber auch über bisher nie gezeigte „Sunsets“ oder die Serien „Love“ und „Saint Apollonia“ mit seltenen Probedrucken. Die ungewöhnlich großen Formate, das gewagte Kolorit und die spezielle Bearbeitung der Oberflächen mit Diamantstaub, Reliefdruck oder fluoreszierenden Farben machen die Betrachtung der Siebdrucke zu einem besonderen Erlebnis – ein farbenfrohes Treiben, von dem sich Besucher jedoch nicht täuschen lassen sollten!

Denn Frohsinn versprühen diese Werke allenfalls an der Oberfläche. Nicht umsonst hat Heiner Friedrich gleich im Entree der Ausstellung der wohlbekannten Marylin die Serie der Sculls gegenübergehängt, als furchteinflössendes Memento mori und als ausgefuchster Denkanstoß, auch die Schauspielerin genauer unter die Lupe zu nehmen. Tatsächlich wählte und multiplizierte Warhol die Monroe ja gerade nicht ihrer üppigen Schönheit wegen, sondern im Rahmen der Werkgruppe „Death and Desaster“, als Selbstmörderin. Wie keine zuvor offenbart diese Ausstellung die dunkle Seite des Andy Warhol. Aufmerksamen Besuchern begegnen die Schattenseiten menschlichen Daseins, die Tragik und Absurdität des Lebens mitsamt seiner nicht selten brutalen Vergänglichkeit. Und unter dieser Prämisse wirken die vordergründig so bunten Sonnenuntergänge plötzlich giftig, wie nach einer atomaren Verseuchung. Gleichzeitig zeugt die Ausstellung von solcher Präzision, Kreativität und Sicherheit im Umgang mit den künstlerischen Mitteln, dass sie Warhols Ruhm als eine der bedeutendsten Künstlerpersönlichkeiten aller Zeiten uneingeschränkt bekräftigt. 

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