Die an der Nadel hängen

Christian Topel

Fotos: Christian Topel, Erich Dietl, Florian Betz

Eine Welt aus Wolle: Strick- und Häkelarbeiten wärmen nicht nur coole Köpfe – auch der öffentliche Raum bekommt sein Garn ab.

Plötzlich hängen alle an der Nadel. Alt, jung, Männlein, Weiblein. Eine Welle der Wolllust schwappt durchs Land und befreit ein ehemals muffiges Muttchen-Handwerk aus den raufasertapezierten Wohnzimmern. Dort klackerten Frauen jahrhundertelang im Stillen vor sich hin, fabrizierten Socken, Topflappen oder Schals – bis aus einer im besten Fall harmlosen, im schlechtesten Fall  repressiven Tätigkeit plötzlich etwas anderes wurde. Ein cooler Nebenberuf; ein öffentliches Statement; eine Kunstform gar.  

Sandra Sieber ist so ein Beispiel. Die Bayerischzellerin will es den beiden Boshi-Burschen gar nicht nachmachen. Jene Jungs verticken seit 2009 über ihren Online-Store „MyBoshi“ rund 20.000 Mützen pro Jahr. Haben eine ganze Armada an rüstigen Hilfshäklerinnen angestellt, geben Interviews über ihre Erfolgsstrategie und schreiben Bücher über ihre Strick- und Häkelmützen.

Zugegeben, Sandra Sieber hat sich diese My-Masche ebenfalls zueigen gemacht. Als eine Trittbretthäklerin kann die alleinerziehende Mutter zweier Kinder trotzdem nicht gelten. Schließlich ging „My-Haum“ nahezu zeitgleich mit jenem zum Vorzeigeprojekt avancierten Startup aus Oberfranken an den Start. Doch Sandra backt bewusst kleinere Brötchen. 40 Häkel-Mützen verschickt sie allwöchentlich, wenn die Zeit der kalten Ohren beginnt. Und mehr sollen´s auch – Ausnahmen bestätigen die Regel – gar nicht sein.

Die Bankangestellte hat genau das richtige Maß gefunden. Das heißt: die Häkelei betreibt sie nach wie vor als Entspannung – als Entspannung, bei der nebenbei etwas rumkommt. Haum mit und ohne Bommel häkelt und verkauft sie, aus Schur- oder Merinowolle, so stylish, dass nicht nur halb Bayerischzell Haum aufhat, sondern sich auch einige bekannte Outdoor-Läden mit Sandras Kopfbedeckungen in der Auslage schmücken. Weil eben längst nicht mehr nur Enkelkinder und Großmütter gehäkelte Mützen cool finden, sondern die gesamte Wintersport-Szene, ja „die Szene“ schlechthin.

Wieder zurück ins Jahr 2009: Der Künstler Klaus Erich Dietl gründet das Kollektiv „kommando agnes richter“, das sich der Verbindung traditioneller Handarbeiten in soziokulturellen Kontexten des öffentlichen Raums verschreibt. Klingt komplizierter als es ist. „Uns geht es explizit darum, die als weiblich und häuslich konnotierte Tätigkeit des Handwerks mit Nadel und Faden auf die Straße zu bringen, um eine neue Diskussion darüber anzuregen“, erläutert der gebürtige Rosenheimer. Wie er das anstellt? Indem er zum Beispiel zusammen mit der ebenfalls in Rosenheim geborenen Künstlerin Stephanie Müller aka „Ragtreasure“ das sogenannte „Yarn Bombing“ beziehungsweise „Guerilla Knitting“ betreibt...

Der Gründungsmythos jener Street-Art-Form ist schnell erzählt: Die Texanerin Magda Sayeg soll 2005 aus  Frust über ihre triste Umgebung den Türgriff ihres Ladens umstrickt haben. Eine kleine Aktion mit großer  Wirkung. Etliche Nachahmer fingen ebenfalls an, Dinge in der Öffentlichkeit einzustricken oder einzuhäkeln. Zuerst über die gesamten USA hinweg, inzwischen auch in Europa. Eine von Dietls und Müllers ersten größeren Aktionen: im Mai 2010 bestrickten sie zusammen mit jugendlichen  Flüchtlingen des Münchener Näh- und Qualifizierungsprojektes „Fadenlauf“ eine Doppeltelefonzelle – live und vor Ort. „Die gemeinsame Strickaktion sollte den Kontakt zu Mitbürgern herstellen. Passanten  wurden ausdrücklich eingeladen mitzustricken“, erinnert sich Müller.

Wie reagieren die Menschen auf das öffentliche Umhäkeln oder Umstricken von Dingen wie Denkmälern  oder Gebäudeteilen, die ja immer fremdes Eigentum sind? Ihre Art zu stricken unterscheide sich grundlegend von anderen Formen des Guerilla Knittings, erläutern die Künstler. Würden andere meist Zuhause stricken, um die dann fertigen Werke im öffentlichen Raum mit Kabelbindern anzubringen, mache das „kommando agnes richter“ eine kommunikative Performance daraus. „Passanten werden zu einem zentralen, aktiven Teil der Aktion, sobald sie spontan ein paar Maschen aufnehmen“, sagt Dietl. Und das komme nicht selten vor! So beteiligten sich 2011 am Münchner Marienplatz bis zu 100 Menschen an einer Art sozialem Strick-Netz. Das „Spinnweb“ reichte letztlich vom Rathaus bis hinüber zum Hugendubel...

Bleiben die Behörden. „Klar“, räumt Dietl ein, „finden wir es auch spannend auszuloten, ab welchem  Punkt eine so flauschige Tätigkeit wie Stricken als übergriffig oder gefährlich angesehen wird.“ Was tatsächlich passiert! Als das Duo etwa einem der Feldherrenhallen-Löwen als geschichtlichen Verweis eine Armbinde stricken wollte, rief der Nachtwächter die Polizei. „Als die ankam, waren wir aber schon um die Ecke“, lachen die Textil-Terroristen. Und während Klaus Erich Dietl und Stephanie Müller schon den nächsten öffentlichen Strickstreich aushecken, sitzt Sandra Sieber vorm heimischen  Kachelofen, häkelt Mütze um Mütze und kommt sich kein bisschen hausbacken vor. Die Hipster von heute tragen Haum!

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