Der wichtigste Muskel ist der Kopf

Der Winter muss dem Klettern keinen Strich durch die Rechnung machen. Boulderer wie Florian Schiffer wechseln einfach in die Halle.

Christian Topel

Fotos: Markus Stadler

Die Wände: jungfräulich. Die Aufgabe: Bis zum Abend die „Boulder“ für den „Soby Cup“ schrauben, den seit 1994 existierenden Kinder- und Jugendklettercup für den südostbayerischen Raum. Auf seiner dritten Station machte der Wettkampf Ende September erstmals Halt in der noch relativ jungen Rosenheimer Boulderhalle. Als jener Cup – damals als „Rottalcup“ – seine Geburtsstunde erlebte, stiefelte Florian Schiffer gerade mit seinem Vater in den Bergen rund um Rosenheim herum. Aus dem achtjährigen Wandersbub ist ein 27-jähriger Klettercrack geworden. Florian Schiffer betreibt die Boulderhalle Rosenheim und ist Stützpunkttrainer des DAV für Wettkampfklettern – und da gehört auch Schrauben zum Geschäft.

Seit dem Schuljahr 2005/2006 fungiert das hiesige Finsterwalder Gymnasium als Stützpunktschule für Sportklettern, bis dato als einzige Schule im Süd-Ostbayerischen Raum. Sie kooperiert eng mit dem „Rock und Bloc-Team“ der Sektion Rosenheim des DAV, das Schiffer vor sieben Jahren mitbegründete. Diese Jungs und Mädels fühlen sich in der Vertikalen Zuhause und  bieten für motivierte und besonders talentierte Kinder und Jugendliche die Möglichkeit,  regelmäßig an leistungsorientiertem Klettertraining teilzunehmen. Schiffer und seine Kollegen bereiten den Nachwuchs zielgerichtet auf altersgemäße Wettkämpfe vor und lassen sie in leistungsgerechten Gruppen eine intensive Förderung im Sportklettern und Bouldern erfahren.

Welche Früchte das trägt, bewies zuletzt das Spitzentalent Maximilian Karrer. Bei der Jugend-Europameisterschaft in Imst kletterte der Rosenheimer unter die Top 15. „Beim Vorstiegsklettern schlägt der Maxi mich schon“, erzählt Schiffer. Schiebt aber zwinkernd  hinterher, dass es beim Bouldern mit der Wachablösung noch ein bisschen dauere – eine Sache des Kopfes! Rein physisch habe er, Schiffer, seinen Leistungszenith zwar längst überschritten. Den erreiche man in Relativkraftsportarten wie dem Klettern circa mit der Volljährigkeit, denn   es gehe letztlich darum, das Körpergewicht am besten in Kraft umzusetzen. Doch könnten ältere Kletterer wie er viel durch Erfahrung wettmachen. Jede neue Route stelle ja neue Herausforderungen, mache neue  Bewegungen erforderlich. „Durch Erfahrung lernt man sich auf neue Bewegungen besser einzustellen, die Bewegungen besser einzuschätzen und schneller durchzuführen“, erklärt Schiffer.

Und Erfahrung hat er, beileibe! Er kletterte in Laos, hing in Südafrika und Hong Kong im Fels. „Klettern“, beschreibt er seine Faszination an dem Sport, „ist persönlichkeitsfördernd“. Man müsse problemlösend arbeiten, sich ständig über sich selbst und die Umwelt Gedanken machen. Gefragt seien Koordination, Kondition und eine gesunde Psyche. Wie habe die inzwischen verstorbene Kletter-Koryphäe Wolfgang Güllich so treffend formuliert? „Beim Klettern ist der wichtigste Muskel der Kopf.“ Dementsprechend besteht ein Großteil von Florians Aufgabe als Trainer darin, in die Köpfe der  Kids zu gucken.

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