Der Vorstieg ist eine Vision

himmeblau Redaktion

Fotos: Kletterhalle Basislager

Die neue Kletterhalle „Basislager Bad Aibling“ hat drei mutige Gründer – und braucht eine Seilschaft.

Nüchtern betrachtet könnten es viel mehr gute Einfälle über die Schnapsidee hinaus schaffen. Zu wenig Geld oder zu wenig Zeit sind Ausreden, damit man weiter kritisieren kann, aber nichts ändern muss. Was es nämlich wirklich braucht, ist der Mut zur ganz großen Vision. So viel Mut, wie sie der Kletter- und Bergsport Verein „Stützpunkt Inntal“ hat. Aus seiner vier Jahre alte Vision ist ein Millionenprojekt geworden, das 2021 in Mietraching gebaut wird. Es wird die Inklusion von Menschen mit Behinderung in unserer Region einen guten Schritt nach vorne bringen.

Klingt wie eine riesige Erfolgsgeschichte? Stimmt. Aber eine, die der „Taskforce“, die hinter der Idee steckt, so viel abverlangt hat, dass sie unweit vom Gipfel tief durchschnaufen muss. Die Taskforce und Gründer des Vereins Stützpunkt Inntal sind: Ergotherapeutin und Klettertrainerin Natascha Haug, ihr Mann und Ex-Bänker Achim Haug sowie die gemeinsame Freundin, SAP Beraterin Katja Müller.

Katja hatte vor rund 20 Jahren einen schweren Motorradunfall. Sie kann zwar nicht mehr gut Treppen steigen, aber klettern. Die Kletter-Gruppen im Stützpunkt Inntal, der heute über 160 Mitglieder hat, halfen Katja dabei, mobil zu bleiben. „Außerdem fand sie bei uns eine Art neues Zuhause“, sagt Natascha. Was sie auch fand: „Dass es ein großer Gewinn ist, mit Menschen mit Behinderung zusammen zu sein.“ So gut das eben geht in Kletterhallen und Feriencamps, die nicht einmal barrierefreie Zugänge haben.

Fast jeder zehnte Mensch in Deutschland lebt mit einer schweren Behinderung. Der Weg dorthin ist mitunter eine klitzekleine Abzweigung im Lebensweg, ein Unfall, eine späte Krankheit, „deswegen ist man eigentlich betroffener als man denkt“, sagt Natascha. Doch in einer Gesellschaft, in der sich fast alles um Leistung und Produktivität drehe, schrumpfe der Platz für besondere Bedürfnisse auf Fördereinrichtungen zusammen. Und selbst die kenne der Großteil der Gesellschaft nur von außen.

Am einfachsten, so denken es sich Natascha, Katja und Achim also zum ersten Mal vor vier Jahren, setzt man das Wagnis, daran etwas zu ändern, im Freizeitbereich um. An einem Ort, der weit mehr als nur ihr Verein ist. Ein Ort, der mit 17 Meter Höhe nicht nur nach oben offen ist, wo Mitarbeiter und Besucher gleichermaßen die Gesellschaft so vielfältig abbilden können, wie sie es tatsächlich ist. Eine eigene Kletterhalle, in der Menschen mit Behinderung keine Hürden, sondern Gleichgesinnte finden, Papas Yoga machen können und Mamas sich beim Bouldern verausgaben.

Die Fans der neuen Kletterhalle in Mietraching sind, so hoffen es die drei, entspannt und tolerant. Im so genannten „Basislager Bad Aibling“ klettert, serviert, bedient und arbeitet jeder so gut er kann – und das darf dann auch so stehen bleiben. Auch wenn unbeabsichtigt mal was daneben geht.

Der Stützpunkt Inntal will mit dem Basislager Bad Aibling aber auch zeigen: Ein Inklusionsbetrieb kann wirtschaftlich arbeiten. So wie Menschen mit Behinderung keinen Bock auf Mitleid haben, so hoffen auch Natascha, Katja und Achim, dass sie nach den Jahren des Konzipierens, Planens, Geld Sammelns, jetzt, „wo die Rechnungen eintrudeln“, weiter Unterstützung bekommen. Sowohl die Stadt Bad Aibling als auch einige Firmen stehen hinter dem ambitionierten Projekt. Doch die Größe der eigenen Vision zerrt an der Kraft und die Gründer des Basislagers Bad Aibling bleiben, wenn sie auch ihren Verein hinter sich haben, und das Geld – das vielleicht reichen könnte, vielleicht noch nicht – Einzelkämpfer. „Es fühlt sich irre an, welche Verantwortung wir da eingegangen sind“, sagt Natascha. Mit Flyern und auf der Webseite werden noch einmal Menschen, Firmen, Institutionen gesucht, die von der Corona-Krise profitiert haben oder ihr Weihnachtsgeld dieses Jahr nicht zum Skifahren ausgeben können. Wer die neue Kletterhalle unterstützen will, soll sich melden, „da zählt jeder Euro“.

Wenn alles glatt läuft, werden die, die helfen können, und die, die Hilfe brauchen, schon 2021 in Mietraching gemeinsam bouldern, klettern, Kaffee trinken. Im Sommer zu eröffnen war geplant, aber, so Natascha, „Sommer ist, wenn die Sonne scheint. Könnte also auch Oktober sein.“

Auch dann weiterzumachen, wenn man ans Ende seiner Kräfte kommt, ist eine grundsportliche Haltung. Deswegen gibt nicht nur Natascha jetzt für das anstehende Bauprojekt noch einmal alles: „Wenn ich nicht einverstanden bin, wie etwas ist und sogar eine Idee habe, wie man es besser machen kann – dann entscheide ich mich dafür, alles zu tun, um zu ändern, was ich ändern kann.“

In der Corona-Krise könnten es Seilschaften rund um solche Idealisten sein, die die guten Ideen unterstützen. Vielleicht wachsen wir dann gemeinsam über uns hinaus. Kletterer wissen: Wer Angst hat zu scheitern, sollte eher Angst davor haben, es nicht zu probieren.

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