Der unsichtbare Dom inmitten des Chiemsees

Constanze Haslacher

Beten und brauen – die Kirche hat traditionell eine hohe Affinität zum Gerstensaft. Nur selten treibt die Symbiose jedoch so skurrile Blüten wie auf der Herreninsel im Chiemsee. Dort versteckt sich ein Dom, der jahrelang zur Brauerei umfunktioniert wurde.

Die Geschichte, die Hans Buchberger über diesen selbst Einheimischen relativ unbekannten Ort zu erzählen weiß, beginnt vor über tausend Jahren. Circa 630 überqueren zwei irische Wandermönche in einem Ruderboot einen gewaltigen See. Sie sind hier, um zu missionieren. Die Bewohner jener Region sind Kelten. Das Land um den See säumen tiefe Wälder. Die beiden Mönche werden eine Kirche aus Holz auf der Insel inmitten des Chiemsees errichten – der erste Versuch der Christianisierung im Chiemgau.

Heute darf man die Überreste des Gebäudes nicht mehr betreten. Buchberger, früher Geschichtslehrer am Priener Ludwig-Thoma-Gymnasium, gehört zu den wenigen Auserwählten, die das Innere noch mit eigenen Augen gesehen haben. Dem Besucher eröffnen sich Räume, in denen seltsamerweise verschiedene Stufen des Bierbrauens erkennbar sind. Von einer Kirche, gar einem Dom, keine Spur. Erst, wenn man über die klapprige Holztreppe zwei Stockwerke hinauf steigt, bietet sich ein beeindruckendes Bild: Das gesamte Kirchenschiff liegt in voller Länge da, direkt unter Deckenfresken des einst karolingischen Gebäudes. Wände und Fresken “zieren“ Bleistiftkritzeleien aus mehreren Kriegen. Wie wird ein Dom zur Brauerei und dann zu einem verfallenden Gebäude? Heute ist nur mehr das Langhaus erhalten. Chor und Türme seit Jahrhunderten verschwunden. Herzog Tassilo III. von Bayern habe dort eine Benediktinerabtei gegründet, erzählt Buchberger allen Geschichtsinteressierten, die an seinen Inselführungen teilnehmen. Der Wahlspruch der Benediktinermönche lautet: bete und arbeite! Geweiht ist die Abtei St. Salvator. Es scheint, als kündige sich das Bierbrauen bereits an...

Die Mönche jedenfalls halten sich an ihr Motto und arbeiten. Ergebnis wird ein gemauertes Kloster sein, das Hunderte von Jahren Bestand hat – und später als Grundstock jenes Klosters dienen soll, das es zu großer Macht bringt: das Augustiner Chorherrenstift. 1218 wird die Klosterkirche zur Kathedrale erhoben. Die steile Karriere des Stiftes beginnt.

Im 16. Jahrhundert gehören zu den kirchenrechtlichen Kompetenzen des Probstes unter anderem Rechtssprechung, Steuererhebung, Polizeigewalt und Landherrschaft über ein Gebiet, das bis hinunter zum Brenner reicht. Insgesamt gehören dem Stift rund 500 Güter. Auf der Insel selbst entsteht eine „Ministadt“: Es gibt eine Klosterschmiede, eine Klostertaverne, ein Gestüt, eine Bierbrauerei, eine Viehhaltung mit 300 Rindviechern, Hopfenfelder und Getreidefelder. Im Seminarium bilden die Augustiner Chorherren-Schüler in Latein aus.

Hans Buchberger unternahm oft Exkursionen mit seinen Schülern. Vor Ort lässt sich einfach besser  nachvollziehen, wie eng das Volk früher mit dem Kloster verbunden war, der Dom zentraler Ort ihres Lebens. Die Bauern der gesamten Region, erzählt der Inselführer nun meist Erwachsenen, zahlten ihre Steuern an das Chorherrenstift. Der Probst sprach Recht als Richter. Die Macht über das Volk in der Umgebung geht direkt vom Dom auf dem kleinen Hügel aus. Doch dessen Macht findet 1803 ein  jähes Ende. Das heilige römische Reich deutscher Nationen verliert den Krieg gegen Napoleon. Sämtliche Gebiete westlich des Rheins gehen an Frankreich. Adelige, die links des Rheins Verluste erleiden, sollen nun durch Ländereien der Kirche entschädigt werden. Zu den großen Gewinnern gehört Bayern. Es erhält die Bistümer Augsburg, Würzburg, Bamberg, Passau und Freising, wozu  Garmisch-Patenkirchen gehört. Das Bayern, wie wir es heute kennen, entsteht.

Um aus dem neuen, heterogenen Staat ein einheitliches Gebilde zu zimmern, tut man nun zwei Dinge: man reformiert und man beseitigt, um Geld in die Staatskasse zu pumpen, konkurrierende Herrschaftsträger – die kirchlichen Staaten im Staate. Darunter das Augustiner Chorherrenstift. Man erahnt den Niedergang des Doms – wo aber bleibt das Bier? „Dieses Jahr ist die Geburtsstunde des freien Immobilienmarktes“, fährt Hans Buchberger fort. Den Dom, alle Klostergebäude und die ganze Insel habe zu einem Spottpreis ein Herr Lüneschloß ersteigert, weiß Buchberger. Die Freude wärte aber nur kurz, schmunzelt der Inselführer. Der Mann sei auf dem Nachhauseweg verstorben.

Und nun wird´s spannend: Der neue Käufer, Alois Fleckinger, hegt große, wirtschaftliche Pläne. Er baut den Dom zur Brauerei um. Neue Wände werden gemauert. ein Kamin hochgezogen, alte Fassade abgerissen, die Türme ebenfalls. Fleckinger zieht mehrere Böden in das Kirchenschiff ein. Die lebensgroßen Mamorstatuen Heiliger versenkt er im See. Die ehemalige Grabstätte wird zum Gärkeller umfunktioniert.

Der Erfolg jener Inselbrauerei bleibt aus. Nicht einmal ein junger König, der auf Herrenchiemsee Jahre später eine Imitation Versailles bauen lässt und das alte Kloster als Übergangs-Residenz nutzt, ändert daran etwas. Obwohl Ludwig II. mehrere Jahre königliches Bier brauen lässt!

Das Ende des Bierdoms ist schnell erzählt: Ab 1917 dient das einstige Kirchenschiff nur noch zum Wäsche aufhängen und als steinerner Zeuge einer kriegerischen Zeit. Bleistiftkritzeleien auf den Wänden des Kirchengewölbes lesen sich wie ein Geschichtsbuch. Zusammen mit Hans Buchbergers Worten machen sie die seltsame Geschichte des unsichtbaren Doms lebendig, dem das Bier zum Verhängnis wurde.

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