Der Rotter Schokoladen-Rebell

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

In seiner Confiserie schafft Uwe Dengel den Spagat zwischen feinster Schokolade und fairen Preisen – für Verbraucher und Erzeuger!

1992 – im zarten Alter von nur 21 Jahren – rief Uwe Dengel die nach ihm benannte Confiserie als Einzelunternehmen ins Leben. „Meine ersten Produkte hab ich in der heimischen Küche angerührt, in einem Neun-Liter-Topf“, erinnert sich der Zuckerbäcker, der uns in seiner jüngsten, 2009 errichteten Produktionsstätte empfängt. Sie liegt in Rott am Inn auf einer Anhöhe nahe der B15. Der Blick streift Wiesen, Felder und am Fuße des Hügels den früheren Standort, einen ehemaligen Bauernhof, der heute einen üppig bestückten Laden und das sogenannte Schokoladen-Land beherbergt. Gleich daneben hat Uwe Dengel einen spektakulären Spielplatz mitsamt Café gesetzt. Beeindruckend, aber ein Klacks im Vergleich zu dem 3.500-Quadratmeter-Gebäude, durch dessen Erzeugnisse wir uns am liebsten stante pede – entschuldigen Sie die Ausdrucksweise – fressen möchten. Zu kosten gibt´s beileibe genug: Addiert man die Pralinenspezialitäten, die unzähligen Sorten edler Tafelschokoladen und die unverwechselbaren Schokoladen-Hohlfiguren, dann verarbeitet der Betrieb hier oben bis zu 2.000 Kilo Schokolade am Tag! Jedoch gilt es sich zuerst in Geduld zu üben, sprich: in keimfreie Schale zu schmeißen, ehe wir das gelobte Land entern dürfen. Hygiene geht vor, klar, doch scharren wir – in Erwartung all der angekündigten Köstlichkeiten – schon ganz schön mit den Hufen. 

Beim Aufbau seines Unternehmens verfolgte der Chocolatier von Anfang an eine Vision: der bis dato marktbeherrschenden Industrieware handgefertigte Schokoladenprodukte von deutlich höherer Qualität, kompromissloser Frische und einzigartiger Vielfalt entgegenzusetzen – zu dennoch bezahlbaren Preisen. Das nötige Handwerkszeug hatte sich Uwe Dengel während seiner Konditor-Ausbildung und der folgenden Lehre in einer kleinen Pralinen-Fertigung angeeignet. Heute stellen unter seiner Leitung 115 Mitarbeiter ein Sortiment von 2.500 Artikeln her. Was die Figurenvielfalt angeht, könne ihm europaweit niemand das Wasser reichen. Dennoch verstehe man sich nicht als Industriebetrieb! „Wir sind zwar immens gewachsen, aber arbeiten im Grunde wie ich vor 25 Jahren in Mutters Küche. Die Produktionskette besteht nach wie vor zu 60 Prozent aus ehrlicher Handarbeit“, betont der Inhaber, der Begriffe wie „Ehrlichkeit“ oder „Fairness“ regelrecht zur Firmenphilosophie erklärt hat – doch dazu später mehr.     

 

Nun erst einmal hinein ins Paradies! Um Neidern den Wind aus den Segeln zu nehmen: Das Vergnügen, durch Uwes Schokoladenfabrik zu flanieren, haben wir nicht exklusiv. Jährlich blicken über 18.000 Besucher hinter die Kulissen der Confiserie. Angefangen bei Kindergärten bis hin zu großen Firmen sind die Führungen der Renner. Nach dem Öffnen der Tür fällt als erstes der betörende Duft auf. Linkerhand sprudeln zwei „Schokoladen-Brunnen“. Wir lassen uns nichts anmerken, aber während sich der Meister ein paar Förmchen schnappt, um zu demonstrieren, wie er köstliche Vollmilchschokoladebären gießt, kämpfen wir gegen das Verlangen an, uns unter den Strahl weißer Schokolade zu legen und uns den Wanst vollzuschlagen. Bevor sich jemand blamiert, schnappt Uwe Dengel dankenswerterweise ein Tablett voller „Chiemgauer Kirsch Pralinés“ und lädt zur Verkostung. Hach, wie das im Munde zergeht; wie fruchtige, süße und bittere Aromen zugleich auf der Zunge Samba tanzen. „Maestro, bitte mehr!“, wünschen wir uns – und werden nicht enttäuscht. Der Spaziergang durch die ehrwürdigen Hallen ist eine fortdauernde Streicheleinheit für die Geschmacksknospen. Hier dürfen wir in weiße Sahnetrüffel-Pralinenherzen fassen, dort einen Vollmilchschokolade-Würfel mit Holunder-Joghurt-Füllung verspeisen. Auch die Mitarbeiter dürfen fleißig naschen, erfahren wir – und erwägen ernsthaft einen Berufswechsel. Bevor es dazu kommt, kommen wir aber natürlich zuerst unserer Chronisten-Pflicht nach.  

Einzigartig: Rohstoffkonzept zum Wohle der Erzeuger 

Und die verlangt, näher auf die angesprochene „Ehrlichkeit“ der Confiserie einzugehen! Von der raffiniertesten Praline bis zur individuell bestückten Schoko-Platte – letztlich bestehen die Dengelschen Köstlichkeiten alle aus drei Grundzutaten: Milch, Kakao und Rohrzucker. Da unterscheidet sich das Rotter Unternehmen nicht von den Branchenriesen im Supermarktregal. Sehr wohl aber, was die Verarbeitung und insbesondere, was den Bezug der Rohstoffe angeht. 

Ein neues Zeitalter in der Zusammenarbeit mit seinen Erzeugern läutete Uwe Dengel spätestens Mitte letzten Jahres ein. Seither hat er seine Idee eines komplett nachhaltigen und fairen Schokoladen-Rohstoffkonzepts in die Tat umgesetzt. Was zunächst nicht sonderlich spektakulär klingt, kommt in Wirklichkeit einer Revolution gleich. Bislang stellte sich die Situation wie folgt dar: „In den Hauptexportländern von Zucker und Kakao profitieren viele vom Verkauf – nur nicht die Bauern“, schimpft Uwe Dengel auf eine systematische Ungerechtigkeit, die er für seine Confiserie nicht mehr mittragen wollte. Jedoch musste er lange nach Kakao- und Zuckerbauern suchen, die er tatsächlich direkt bezahlen konnte. Ein Schritt,  mit dem er praktisch einzigartig dasteht in der gesamten Branche der Feinstschokoladen-Hersteller. „Aber wir beweisen: es funktioniert“, sagt Dengel stolz. Man könne eine wirklich faire Partnerschaft mit Erzeugern etablieren, quasi drumherum um die ausbeuterischen Strukturen des Marktes. Den beschreibt Uwe Dengel so: 90 Prozent der weltweit verarbeiteten Kakaobohnen stammen aus Afrika. Die Preise für Kakao und vor allem auch die Arbeitsbedingungen der Kakaobauern seien jedoch katastrophal. Von einem vernünftigen Auskommen und Leben könne für diese Menschen, trotz täglicher Schwerstarbeit, nicht die Rede sein. 

Um der eingefahrenen Maschinerie zu entkommen, wechselte Uwe Dengel den Kontinent. Auf der Suche nach einem direkten Kontakt zu Erzeugern wurde er letztlich in Kolumbien fündig. Die dortigen Kakaobauern entlohnt er nun direkt und deutlich höher, als es der Weltmarkt vorschreibt. Zusätzlich zum fest vereinbarten – also börsenunabhängigen – Grundpreis erhalten die Bauern bei jeder Lieferung sogar eine „Dengelprämie“ obendrauf. Dank dieser Sonderprämien können die Kakaobauern ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen entscheidend verbessern. Den Rohrzucker bezieht Uwe Dengel aus Paraguay. Und wiederum stehen Nachhaltigkeit und Fairness im Vordergrund, die der „ehrlichen Haut“ bis zum Vierfachen des üblichen Zuckerpreises Wert sind. 

Bleibt der Rohstoff Milch. Nach allem, was wir bisher gehört haben, überrascht es uns nicht, dass Dengel auch hier einen besonderen Weg eingeschlagen hat. Rund eine Million Liter Milch benötigt die Confiserie pro Jahr. Den Löwenanteil bezieht sie über die Marke „sternenfair“, die mit lokalen Bauern zusammenarbeitet und nicht nur eine tiergerechte Haltung und wiederkäuergerechte Fütterung der Milchkühe, sondern mit mindestens 40 Cent pro Liter auch eine anständige Entlohnung der Bauern garantiert. Zudem bietet die Confiserie Dengel inzwischen auch ein Sortiment an zertifizierten Bio-Produkten an. Uwe Dengels Kooperationspartner hierbei: Die Chiemgauer Pioniere der Biobranche, die Molkerei „Berchtesgadener Land“. 

 

Mit diesem Wissen im Hinterkopf klingt es fast selbstverständlich, dass in der Confiserie Dengel auch die eigentliche Produktion höchste Qualitätsstandards erfüllt. Beispiel Milchverarbeitung: Dengel lässt die Milch direkt vor Ort bei den Bauern abholen, um sie zur Walzentrocknung zu bringen. Dabei handelt es sich um eine besonders aufwendige, aber auch schonendere Art der Erzeugung von Milchpulver, das Dengel zur Schokoladenrohmassen-Herstellung benötigt. Apropos schonend: „Gut Ding braucht Weil“, weiß man in der Confiserie Dengel. Darum gewährt man jedem Produktionsschritt genau die Zeit, die er für Spitzenqualität benötigt. Um die Schokoladenmasse hochwertig verarbeitbar zu machen, „conchiert“ man die Masse beispielsweise, das heißt, man erwärmt sie auf 45 Grad und rührt fleißig um. Industrielle Hersteller erledigen das innerhalb von rund 2 Stunden. In der Confiserie Dengel gibt man der Schokolade über 24 Stunden, ehe man Nüsse, Mandeln, Erdbeeren, Pistazien oder andere Köstlichkeiten darin badet. Eigentlich, denken wir, tun wir regelrecht Gutes beim Verzehr dieser Schokolade. Also, bitte fortfahren mit der Führung!    

www.confiserie-dengel.de

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