Der Geschmack der Erde

Christian Topel

In vierter  Generation führt Monika  Drax die kleine Mühle am Rande von Rechtmehring.
Fotos: Andreas Jacob

Schlüsselzutat unseres „täglich Brot“ ist das Mehl. Müllermeisterin Monika Drax fördert den Anbau uralter Getreidesorten, die sie in der familieneigenen Mühle zu feinstem Mehl verarbeitet.

„Brot“, sagt Monika Drax, „war einmal das Grundnahrungsmittel schlechthin.“ Zu diesem Zeitpunkt könnte man den Satz als durch und durch wehmütig auffassen. Wir sind in Rechtmehring. In der Ferne ragt der Haager Schlossturm in den Himmel, von dem Hügel, zu dessen Füßen wir stehen, grüßt die Wallfahrtskirche Maria Hochhaus zu uns hinab. Hier beginnt unsere Führung. Wir erfahren, dass an Ort und Stelle, südwestlich von Haag, am fröhlich dahinplätschernden Hochhauser Bach, vor rund 200 Jahren insgesamt vier Mühlen klapperten. Heute ist nur eine übrig: die seit 1912 im Besitz der Familie unserer Gastgeberin befindliche „Drax-Mühle“. Die erstmals 1534 urkundlich erwähnte ist eine von nur mehr rund 500 aktiven Mühlen in ganz Deutschland. In einem Land, das seine tausenden Müller dereinst in Volksliedern besang; ein Land, in dem 1950 noch 19.000 Mühlen Brotgetreide verarbeiteten. Die Zahl an landesweiten Müllermeisterinnen kann man an zwei Händen abzählen. Monika Drax ist eine davon. Doch das Dasein als eine Art Exotin empfindet sie ganz und gar nicht als Grund, den eigenen Abgesang anzustimmen. Im Gegenteil! Seit 2008 führt sie nun die Mühle. In dieser Zeit hat es die Unternehmerin eindrucksvoll geschafft, die Tradition des Handwerks zu bewahren, der regionalen Landwirtschaft frische Impulse einzuhauchen sowie nicht zuletzt einen – der Philosophie der Rückbesinnung keineswegs widersprechenden – hochmodernen Betrieb zu formen. 

Ein kurzer Blick auf die nackten Zahlen: Etwa 1.000 Tonnen Getreide pro Jahr verarbeitet die Drax-Mühle. Es stammt durchwegs von Bauern aus der Region, nicht wenige davon sogenannte Tagwerk-Betriebe, die reines Bio-Getreide liefern. Bemerkenswert: Da wächst keineswegs nur Weizen! Der umtriebigen Müllerin ist es zu verdanken, dass sich auf den Feldern im nordwestlichen Landkreis Mühldorf am Inn auch wieder die Ähren von kerngesunden Urgetreiden im Wind wiegen, Sorten wie Emmer, Einkorn, Dinkel (Oberkulmer Rotkorn)oder Lichtkornroggen. Als uns Monika Drax das erzählt, hat sie uns längst – vorbei an dem stählernen, moosbewachsenen Vier-Meter-Wasserrad – hineingeführt in das Gebäude. Dort, an den 2016 technologisch runderneuerten „Eingeweiden“ der Mühle, öffnet sie eine kleine Luke. Sie streckt die hohle Hand in die Öffnung und lässt etwas Bräunlich-grobgemahlenes hineinrieseln. „Kleie“, sagt sie und erklärt, dass das Getreide in dem gigantischen, sich über drei Stockwerke erstreckenden System aus virtuos verzweigen Röhren, Sieben und Walzen bis zu 16 Sieb- und Mahlvorgänge durchläuft, ehe es in Säcke abgefüllt wird.

Ehe die 30 Sorten  feinstes Mehl in den Säcken landen, durchläuft das Getreide ein System aus 2.000 Metern Edelstahlrohren, Walzen und Sieben.

Kleie, Griess, Schrot, Dunst und schließlich mehrerlei Mehlsorten entstehen auf diese Weise. Abnehmer sind umliegende Bäckereien – aber auch viele, viele gesundheitsbewusste Privatleute, die sich im bereits mehrfach als einen von Deutschlands besten Naturkostläden ausgezeichneten Mühlenladen eindecken. Und damit knüpft Monika Drax frohgemut an ihren Eingangssatz an. Selber zu backen, weiß die Mutter eines Sohnes, liegt wieder voll im Trend. Und ein aus gutem Mehl gebackenes Brot gehöre zu den gesündesten und wohlschmeckendsten  Nahrungsmitteln überhaupt, reich an Kohlenhydraten, pflanzlichen Eiweißen, Vitaminen, Mineral- und Ballaststoffen. Für die volle Ladung aus Geschmack und Energie rät Monika Drax zu Vollkorn. Sie ist überzeugt: „Das Kneten des Teiges und der Duft von frisch gebackenem Brot gehören zu den schönsten Dingen, die in einer Küche vorgehen können.“ Wer sich des Brotbackens nicht mächtig fühlt, greift am besten zum „Brotbackbuch Nr. 3“. Das hat die leidenschaftliche Hobbybäckerin gemeinsam mit Lutz Geißler verfasst, dem „Papst des Brotbackens“. Es darf als Standardwerk zu den Themen Vollkornbäckerei, Getreide und Müllerei gelten. Wer sich durch die 70 Rezepte backt, schmeckt sofort, dass Mehl eben nicht gleich Mehl ist. Die Müllermeisterin selbst liebt Brote aus Dinkel. Gut verträglich, nahrhaft und köstlich. Für Monika Drax offenbart sich darin der Geschmack der Erde.   

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