Der Geist und Körper schult

Christian Topel

Fotos: Andreas Jacob

Stefan Roitner lebt von und für Taekwondo. Bald 30 Jahre lehrt der Großmeister die Kampfkunst. Ein Besuch in seiner Sportschule KwonRo.

1981. Elbach-Fischbachau, ein Nest im Landkreis Miesbach. Als 13-jähriges Bürschlein hört Stefan Roitner seltsame Schreie aus der miefigen Grundschul-Sporthalle seines Heimatdorfes. Eine martialische Männerstimme gibt fremdländisch klingende Kommandos, etwas hellere Stimmen antworten. Nach Befehl und Gehorsam klingt das Spektakel. Gleichzeitig liegt Begeisterung in der Luft. Der Spargeltarzan wagt einen Blick, und was er erspäht, soll sein Leben verändern: Damals, als das erste Space Shuttle ins All raste, in der ARD „Dallas“ anlief und Pink Floyd erstmals „The Wall“ durchbrachen, entfachte ein gewisser Fritz Flatnitzer in Stefan Roitner das Feuer des Taekwondo – jener rund 20 Jahre zuvor von Korea aus auch nach Deutschland geschwappten Kampfkunst.

2015. Rosenheim. Der Hänfling von damals ist zum stattlichen Athleten herangewachsen. Die schwarzen Zottel des Teenagers sind dem silbergrauen Kurzhaarschnitt des heutigen Geschäftsführers der KwonRo gewichen. KwonRo: so hat Roitner die eigene Taekwondo-Schule getauft, eröffnet 2005, kurz nachdem er die Prüfung zum 5. Dangrad bestanden hatte. Wenn der Großmeister vor dem Training Jeans und T-Shirt gegen den aus weißer Jacke, Hose und schwarzem Gürtel bestehenden Kampfanzug (Dobok) tauscht, scheint er sich zu verwandeln. Er wirkt plötzlich größer. Sein Körper strafft sich. Aus dem locker-flockigen Typen, der in der Freizeit gern die Familie in den Wohnwagen packt, um die Welt zu erkunden, wird im Handumdrehen eine Respektsperson.

Eine gute halbe Stunde später. „Yop Chagi“, ruft Roitner in den Trainingsraum hinein, der hier „Dojang“ heißt. Eine meterlange Spiegelwand, Gummiboden, von  der Decke an der Fensterfront hängen Sandsäcke. Roitner lehnt sich an das traditionelle Taekwondo an, dessen Lehre er spätestens seit der Abnabelung vom jahrelangen Mentor, dem bekannten koreanischen Großmeister Kwon Jae-Hwa, in ein eigenes System gegossen hat. „Mein Training“, betont er, „unterscheidet  sich wesentlich von wettkampforientiertem Kampfsport-Training!“ Wer bei KwonRo anfängt, will nicht Wettkämpfe oder Turniere gewinnen. Roitner geht es ganz klar um körperliche Leistungsfähigkeit, um Fitness. Freilich darf die asiatischen Kampfkünsten meist innewohnende Charakterschulung ebenfalls nicht fehlen. Wer meinen Weg des Taekwondo konsequent gehe, so Roitner, entwickle neben dem Körper auch die Persönlichkeit weiter.

Höflichkeit, Bescheidenheit, Respekt – klare Regeln im Umgang miteinander prägen wie nebenbei Eigenschaften in den Teilnehmern aus, die sie auch außerhalb der Schule zu angenehmen Zeitgenossen machen. Für Außenstehende mag es im ersten Augenblick befremdlich wirken, wenn sich ein Taekwon-Doin (ein Schüler) vor Betreten der Trainingsmatte oder vor einer Übungseinheit mit Partner verbeugt, doch diese Gesten beweisen beispielsweise die Achtung vor den Mitmenschen. Ohnehin fordert Roitner die unbedingt erforderliche Disziplin seiner Schüler weitaus weniger vehement ein, als vormals Fritz Flatnitzer von ihm. „Der Mann war ein Berserker“, erinnert sich Roitner, der aber durchaus dankbar auf den Drill zurückblickt. Sein erster Lehrer habe ihn geschliffen. Ihm verdanke er sein Durchhaltevermögen, seine Disziplin. Irgendwann trainierte der Jugendliche sechs Tage die Woche, nach nur vier Jahren übernahm er zusammen mit einem Trainingskollegen gar die Taekwondo-Schule.

Die Luft im Dojang wird derweil stickig. Sabon Nim (Lehrer) Roitner hat ein Aufwärmprogramm durchgezogen, bei dem schon das Zuschauen Muskelkater verursacht. Von Übung zu Übung peitschte der Trainer seine Schüler. Von herkömmlichen Lauf- und Sprungübungen – alle in höllischem Tempo durchgeführt – wandelte sich das Tun nach und nach zu dem, was sich auch Laien unter Taekwondo vorstellen: Schläge und Tritte und Abblockbewegungen. Und nun also: „Yop Chagi“. Roitner greift sich einen höhenverstellbaren Bistrotisch und wandert durch die drei Reihen. Teilnehmer um Teilnehmer soll diesen seitlichen Fußtritt vollführen. Mit der Tischplatte gibt Roitner die Höhe vor – je nach Körpergröße und Gürtelfarbe. Ganz vorne stehen die Schwarzgurte, die ihrem fiktiven Gegner locker mit der Ferse die Nase polieren könnten, ganz hinten kämpfen die Anfänger eher mit der eigenen Balance. Roitner korrigiert technische Mängel zwar sofort: „Kicken! Entspannen! Kontrolle!“, knattert er, während er zeigt, wie der Kick im Idealfall auszusehen hat. Zackig und fließend zugleich nämlich. Roitner lobt aber auch viel. Gerade den Neulingen macht er Mut, sich auf die Bewegungen einzulassen, ob sie nun gleich gelingen oder nicht.

Nächstes Jahr beendet Stefan Roitner seine dritte Dekade als Trainer. Von Taekwondo-Müdigkeit jedoch keine Spur. Gerade erst hat er ein in Deutschland einzigartiges Ausbildungsprogramm für Trainer auf die Beine gestellt. Sein „TigerKids“-Konzept, das den Jüngsten Spaß und Motivation verleiht, unternimmt einen regelrechten Siegeszug durch viele weitere Städte. Ähnlich ausgefeilte und in andere Schulen übertragbare Konzepte will Roitner auch für die restlichen Altersklassen auf den Weg bringen. Frischer und moderner möchte er den Sport machen. Hauptsache, es bleibt genug Zeit, um regelmäßig auf der Matte zu stehen. 

Im Dojang widmet sich die Gruppe jetzt einer der wichtigsten Bestandteile des Taekwondo-Trainings: der Formenlehre (Hyong). Dabei handelt es sich um festgelegte Bewegungsabläufe, die den Kampf mit einem oder mehreren imaginären Gegnern symbolisieren. Sie gelten als lebendiges Lexikon der Taekwondo-Techniken. Jetzt sind es die Taekwon-Doin, die lärmen. Sie rufen den Kampfschrei (Kihap), der helfen soll, den Körper in höchste Anspannung zu bringen und möglichst konzentriert, kraftvoll und kontrolliert zuzuschlagen. Wer den Selbstverteidigungsaspekt bisher vermisste: Manch einer würde allein vor dem Geräusch Reißaus nehmen...