Der Geist der Gegenkultur

Christian Topel

Fotos: AR Fotografie, Markus Pictures

Von Vieren, die auszogen, Funktionskleidung in Farbe zu tauchen. 

Es herrscht ein Stimmengewirr von ohrenbetäubender Lautstärke. Was auf den ersten Blick nach einem chaotischen Kaffeekränzchen aussieht, offenbart sich bei näherer Betrachtung als Zusammenkunft geschäftlichen Charakters – wie auch Hütehündin Sari feststellen muss, die vergeblich nach Aufmerksamkeit heischt. Schauplatz des Spektakels ist die Küchentheke im Haus von Daniela Lehner. Auf einer Granitplatte gruppieren sich Kaffeetassen, Stoffmuster und Design-entwürfe um ein Macbook, dessen Bildschirm die beiden Damen des wild durcheinander quasselnden Quartetts kopfschüttelnd betrachten. Stein des lautstarken Anstoßes sind ein paar Samples, die ihren Vorstellungen auf gar keinen Fall entsprechen. Samples, das sind in der Textilbranche Muster von Kleidungsstücken. Sie dienen dazu, vor der Produktion zu prüfen, ob Qualität, Passform, Optik und Haptik so gelingen, wie es sich die Designer oder Label-Chefs vorstellen. Und so, sind sich die Gastgeberin und Mitstreiterin Beate Enzweiler einig, haben sie sich die neuen Baselayer nicht vorgestellt! Das Muster scheint im Vergleich zur digitalen Vorlage geschrumpft zu sein; und der Übergang vom Körper zu den Ärmeln passt vorn und hinten nicht. Kurioserweise kommt keinerlei Groll auf gegen die ausnahmsweise schludrigen Produzenten. Im Gegenteil, die vier Freigeister lachen nur über das längt bekannte – Zitat – „zeitweilige Laissez-faire unserer südamerikanischen Freunde“. Die, vermutet Daniela Lehner lachend, dürften ihre Auftraggeber dafür garantiert für total durchgeknallt halten. „Solche Designs mussten die vorher jedenfalls nie umsetzen.“

Während die Frauen nun die Köpfe zusammenstecken und einen Schlachtplan aushecken, der die neue Kollektion trotz der Verzögerung rechtzeitig auf Kurs bringen soll – rechtzeitig bedeutet in diesem Fall: pünktlich zur ISPO, der weltgrößten Sportmesse, und zur ÖSFA, Österreichs großem Branchentreff – schwelgen die Männer in Erinnerungen. Dem Hausherren Martin sitzt sein Sandkastenkumpel Christian Mießner gegenüber. Heute gestandene Geschäftsleute (Manager und Geschäftsführer in der Sport- und Gesundheitsbranche der eine, Inhaber einer Digital Agentur der andere), sausten sie in den 80er Jahren auf Skateboards über Allgäuer Asphalt oder surften über Wellen vor den Küsten Kaliforniens bis Südostasiens. Den Geist ihrer damaligen Gegenkultur bringt Christian heute in dieses Label ein, das von seiner Flintsbacher Schaltzentrale aus den Look von Bergklamotten revolutionieren will; freimachen sozusagen von der, wie Martin es ausdrückt, „farblosen Uniformität, die da oben herrscht.“ Wie um die Aussage des herzlichen Hünen zu illustrieren, versinkt der Gipfel des fast aus dem Garten emporragenden Petersbergs an diesem Novembertag im Nebel. Grau, dunkel, trist – genau so empfanden die vier Freunde auch die einschlägige Funktionskleidung im Bereich des Trekkings, Bikens, Bergwanderns oder -laufens. Also gründeten sie 2016 das „FreiSein project“ – als eine Art nebenberufliches Start-up, das sofort Fahrt aufnahm wie eine Lawine, die zu Tale rauscht. Das im Keller liegende Lager glänzt durch von reißendem Absatz zeugender Leere. Es gilt dringend nachzuproduzieren!

Grinsende Totenköpfe, üppige Blumenornamente, psychedelische Farbexplosionen oder vor Nostalgie triefende Retro-Motive – wer sich FreiSein zu tragen traut, dürfte von Natur aus mit der sprichwörtlich breiten Brust gesegnet sein. „Unsere Motive liebt man oder hasst man“, sagt Beatrix Bertle, die vor allem am Design der Shirts, Hosen, Headbands, Schals sowie Ski- und Wanderstöcke mitarbeitet. „Lieblingsstücke rund um den Berg“ will sie gestalten, weshalb jedes Motiv auch eine Geschichte erzählt. Mit den Gondeln der Kampenwand beispielsweise verbinden die Labelgründer ihre neue Heimat Oberbayern.

Außergewöhnlich macht das Label aber nicht nur seine Extravaganz. Wegen der Detailverliebtheit und Komplexität vieler Motive können nicht einfach Stoffbahnen meterweise bedruckt werden, um dann die notwendigen Teile auszuschneiden. Vielmehr muss jeder Ärmel, jede Vorder- und jede Rückseite per Sublimationsdruck (einem Eindampfverfahren) einzeln aufgedruckt werden. Ein enorm aufwendiges Vorgehen, für das Martin dank alter Kontakte einen Produzenten in El Salvador begeistern konnte – jene locker-flockigen Südamerikaner, von denen bereits die Rede war. FreiSein entpuppt sich hier fast als eine Art Sozialprojekt. El Salvador gilt als bitterarmes Land. Die Kriminalitätsrate ist hoch, die Armut groß. Die Produktionsstätte der Flintsbacher jedoch bietet den Menschen gute Arbeitsbedingungen gepaart mit exzellenter technischer Ausstattung. „Unsere Partner sorgen für ärztliche Betreuung, Ausbildung, soziale Absicherung und faire Löhne“, freut sich Daniela Lehner. Als einziges Unternehmen in Mittelamerika ist es gar BlueSign zertifiziert!

Auch aufs Material lohnt ein Blick. Die Hausherrin steht auf, marschiert zu den zwei Schaufensterpuppen, die kurzzeitig ins Wohnzimmer eingezogen sind und streift dem Pärchen Shirts aus der „Twisted Merino“ Serie über. Für deren Twist hat es FreiSein unter die Finalsten des letztjährigen „ISPO Brand New Awards“ geschafft und wird kommenden Februar in Frankfurt den renommierten „German Design Award“ entgegennehmen dürfen. Der Clou dieser Stücke:  Sie vereinen feinste, chlorfrei gebleichte Merinowolle (einfarbig, am Körper) mit vogelwild bedruckten Ärmeln aus hochfunktionellem Polyester. Wer angesichts der Kunstfaser die Nase rümpft, dem nimmt Daniela Lehner schnell den Wind aus den Segeln. Das aus Amerika stammende Mikrofasergewebe zeichne sich – je nach Anwendung – durch außergewöhnliche Qualität aus: Lichtschutzfaktor 50, leicht, schnelltrocknend, winddicht, kühlend oder (mit geschmirgelter Innenseite) wärmend, super stretchy. „Richtig geiles Zeug halt!“, ruft Daniela Lehner. An Euphorie mangelt es diesen vier Freiheitskämpfern wahrlich nicht.  Könnte also in Zukunft ziemlich bunt zugehen, da oben, wo bis dato eher Einheitsbrei auf den Tisch kam.

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