Der Garten, das ist unsere Oase

Claudia Bultje-Herterich

Fotos: Claudia Bultje-Herterich

Ein Blütenmeer und Gemüse fürs ganze Jahr: Am Samerberg hat sich eine Familie mit viel Liebe einen einzigartigen Bauerngarten geschaffen

Der Adlerhof in Siegharting am Samerberg ist in den Hang geschmiegt, umgeben von Weiden und Obstbäumen. Natur pur, dazu viele liebevoll angelegte Schattenplätze und Ruheoasen. Wie zufällig entstanden. Unaufgeregt. Entspannt. Jede Menge Inspiration für Blumenfans und Menschen, die sich am liebsten mit Gemüse aus dem eigenen Garten versorgen. „Das Schönste am Bauerngarten ist, dass das ganze Jahr über was blüht!“ Marianne Stuffer, Bäuerin am Adlerhof,  steht stolz vorm Haus und blickt auf das Blütenmeer direkt vor ihrem Hof. Ein wunderbar typisches oberbayerisches Bauernhaus. Üppige Geranienkästen in Rot-Pink-Tönen an allen Balkons und Fenstern. Und vor der Haustür, da blüht ein dicht bepflanzter Staudengarten, im Hintergrund ein grandioser Blick über die sanften Hügel des Samerbergs auf die Berggipfel der Hochries.

Wer bei schönem Wetter von Achenmühle,  nahe an der A8 zwischen Rosenheim und dem Chiemsee, die gewundenen Serpentinen hier herauf zum Samerberg fährt, fühlt sich geradeso, als führe er direkt ins himmeblaue Paradies. Das Hochplateau im Voralpenland ist für viele ein magischer Ort. Wiesen, Wälder, kleine Ortschaften, vereinzelte Bauernhöfe. Als Marianne Stuffer vor 36 Jahren hierher zur Familie ihres Mannes zog, hatten Schwiegermutter und Tante noch den klassischen Bauerngarten. Gemüse in Reih und Glied, vor allem Erdbeeren und Salate und ein paar Blumen drum herum.  Marianne Stuffer wollte mehr Blumen – am liebsten ein Blütenmeer! Und Gemüse ziehen war, wie sie lächelnd gesteht, nicht unbedingt ihr Ding. Viel Arbeit, wenig Ertrag. Der ewige Kampf mit den Schädlingen. Und außerdem war die extrem sonnige Südostlage vor dem Haus zu heiß für die empfindlichen Gemüsepflanzen.

Deshalb begann sie, ihren ganz persönlichen Bauerngarten anzulegen. Schon mit klassischen Bauernstauden wie Dahlien, Phlox und Rittersporn, Schmuckkörbchen (Cosmea), Malven und dem purpurnen Sonnenhut (Echinacea), Sonnenblumen und vielem mehr. Mit großen Büschen voller Sommerflieder, Hortensien und den wunderschönen alten Bauernrosen. Auch der typische Latten-Holzzaun durfte natürlich nicht fehlen – schlicht, gradlinig und mit genug Zwischenraum, damit sich die Wicken und die Kapuzinerkresse durchschlängeln können und sich die eine oder andere Staude ihren Weg nach draußen suchen kann. Auch den typischen Kreuzweg gibt‘s, der die Beete gliedert, wenn auch ein wenig zugewachsen. Nur eben kein Gemüse. Das ist quasi ausgelagert rund um den Hof und wird von Schwiegertochter Regina gehegt und gepflegt.

Im Staudengarten der Schwiegermutter herrscht jetzt gegen Ende des Sommers eine üppige, eher ungeordnete Blütenpracht. Marianne Stuffer hat ihre ganz eigene Garten-Philosophie. „Ein Bauerngarten soll nicht so ein geschniegelter Garten sein, meiner ist momentan fast ein bisschen buschig und verwildert, aber ich mag das so“, erklärt die 60-Jährige. „Der Rittersporn ist mein ganzer Stolz und ich hab mittlerweile acht Farbnuancen vom Phlox. Jede blüht zu einer anderen Zeit“, schwärmt die zierliche blonde Frau weiter. Mindestens fünf Jahre hat es gedauert und viele Farb- und Sortenexperimente gebraucht, bis sie einigermaßen zufrieden war. „Ja, am Anfang hatte ich mal einen ganz bunten Garten mit vielen Gelbtönen. Mittlerweile mag ich lieber diese rosa und blau-lila Töne. Das Ausprobieren hört nie auf!“ Dann erzählt sie, dass sie sich auch Inspiration bei den Tauschbörsen der Gartenbauvereine holt. Dort bringt sie hin, was sie teilen kann, weil es sich zu stark vermehrt hat, und bekommt Anregungen und wunderschöne neue Staudenpflanzen im Tausch. 

Hier am Adlerhof gibt es ganz nebenbei viele nützliche Gartentipps, während einem ein unwiderstehlich guter Schmandkuchen mit roten Johannisbeeren (selbstverständlich aus dem eigenen Garten) serviert wird. Natürlich an einem zauberhaft-schattigen Sitzplatz mit Korbstühlen und karierter Decke,  gleich neben dem Bauerngarten. Hier am Hof stimmt einfach jedes Detail. Alles wirkt stilsicher, aber eben nicht trendy „durchgestylt“. Die Feriengäste, die hier Urlaub machen, sind wirklich zu beneiden. Was im Garten der Stuffers so gekonnt verwildert aussieht, hat System. Bäuerin Marianne macht sich im Herbst vor dem Rückschnitt immer eine Skizze, damit sie den Überblick behält. Sie entscheidet dann, welche Stauden zu groß geworden sind, vielleicht versetzt werden müssen. Wo ein Farbklecks fehlt. Wie kränkelnde Bauerngartenbewohner würdig ersetzt werden könnten.

Im „Zuhäusl“ rechts vom Haupthaus wohnt Sohn Michael mit Ehefrau Regina und seinen zwei Kindern. Auch dort lauschige Gartenecken, wohin man sieht. Regina hat genau wie die Schwiegermama einen grünen Daumen und eine große Liebe zu allem was grünt und blüht. Die beiden Frauen ergänzen sich prächtig, sind quasi über die Gartenarbeit „zusammengewachsen“. Schätzen jeweils das Wissen der anderen, lernen voneinander. Regina ist mittlerweile ein richtiger Gemüse-Profi geworden. Herrin über ein kleines verwunschenes Gewächshaus mit Kürbissen, Kohlrabi, Weißkohl; über ein Hochbeet mit verschiedenen Salatsorten (schon mal von schwarzem Feldsalat gehört?), gelbe Rüben und hinten gleich neben dem Misthaufen ein Bereich mit ganz spezieller Erd- und Düngemischung, auf der Auberginen, Zucchini, Paprika, Lauch und  Bohnen prächtig gedeihen. Auch ein ganz besonderer Sonnenkürbis namens „Scaloppini“ fühlt sich hier wohl.

„Ja, seit Ende April essen wir Gemüse nur noch aus unserem Garten, irgendwas gibt’s immer.“ Regina strahlt, ihre  Begeisterung ist ansteckend. „Heute macht meine Schwiegermutter Krautwickel. Der Kohl ist aus unserem Gewächshaus.“ Ihr ganzer Stolz ist ein wirklich raffiniertes Tomatenhaus, das ihr Mann mit elektrischem Seilzug und Schiebefenster ausgestattet hat, damit das Klima immer hundertprozentig stimmt. Außerdem hat die 30-Jährige einen kleinen Kartoffelacker mit erlesenen Sorten angelegt. Dafür wurde kurzerhand der alte Eisenpflug vor den Traktor gespannt. Regina experimentiert gerne. Die Erde hat sie deshalb anschließend mit eigenen Händen aufgelockert. Und dann eine ganz besondere Schweizer Züchtung gesetzt: Die Blaue St. Galler. Alle sind gespannt auf die erste Ernte. 

Im Garten arbeiten heißt für Regina Stuffer, „Leben zu spüren“. „Du siehst alles wachsen. Beim  Gemüse ist es ja so, dass ich ganz viel aus den Samen ziehe. Der Garten ist so ein schöner Ausgleich. Gerade wenn man, wie ich, auch noch im Büro arbeitet. Ja, man erdet sich wieder, tatsächlich!“ Auch Regina hat rund um ihr kleines Bauernhaus viele kleine Blumen-Oasen für ihre Familie geschaffen. Oben am rundlaufenden Balkon und im kleinen Garten mit Hängematte. Dort hat sie eine alte Bauernrose aufgepäppelt und versucht gerade die gelbrot-blühende Staude – eine seltene Schöngesicht-Züchtung von den Klosterschwestern auf der  Fraueninsel –  in Form zu bringen. Auch die hohe Stockmalve ist ihr ans Herz gewachsen.  Was lieben Marianne und Regina Stuffer besonders an ihren Gärten rund um den Hof? „Der Wechsel der Farben, den Duft, so ein schattiger Fleck unterm Baum. Ich versuche meinen Kindern diese Schönheit zu vermitteln“, sagt Regina. Schwiegermutter Marianne nickt und fügt hinzu: „Der Garten, dass ist meine Oase. Ja, es ist Arbeit und man braucht vor allem Geduld. Aber jeden morgen, wenn ich aus dem Haus komme und auf meine Blumen blicke, denke ich ‚Mei ist das schee!‘ – und werde tausendfach belohnt!“

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