Der Garten als Galerie

Christian Topel

Als wäre die Pflanzenvielfalt nicht schon Hingucker genug, präsentiert eine Teisendorferin tausende Keramik-Objekte in ihrem Gartenparadies.

Und dieses Wunder an Üppigkeit soll erst seit dreieinhalb Jahren sprießen? Wir stehen in Teisendorf im Berchtesgadener Land, im Garten von Michaela Theis und ihrem Mann, den die 55-Jährige liebevoll Karli ruft. Auf einen Blick lässt sich der Reichtum dieses Ortes gar nicht erfassen: Blumen, Bäume, Gräser, Stauden recken sich der Sonne entgegen; über einen Teich mit Bachlauf surren Libellen; ein Steingarten und zwei Kiesbeete kontrastieren die Farbenflut der Blüten; und alle paar Meter begegnen uns Skulpturen, aus Keramik hauptsächlich, aber auch Metall, Glas und Schwemmholz wurden verarbeitet. An die Tausend Objekte gäbe es garantiert  zu entdecken, schätzt Michaela Theis. Das alles – in nur dreieinhalb Jahren?

Ehe wir die Teisendorferin des Flunkerns bezichtigen können, relativiert sie ihre Aussage etwas – fügt unserem Staunen aber damit nur eine Portion Respekt hinzu. Vor ihrem Einzug, erzählt die gebürtige Münchnerin, lagen um das neue Haus lediglich eine alte Streuobstwiese und ein Birkenhain. Karli und sie seien nicht nur mit Sack und Pack, sondern mitsamt ihren Tausend Quadratmetern Garten hergezogen. Eine Aufgabe, die sie nur Dank eines ausgeklügelten Umsetzungs-und Pflanzplans habe bewältigen können, erinnert sich die Gartenkünstlerin.

Die Kunst ist es, mit der die ehemalige Bänkerin heute ihren Lebensunterhalt verdient. Schon immer kreativ veranlagt, habe sie sich 1998 entschieden, Banknoten und Aktenordner aus der Hand zu legen – den Werkstoff Ton dafür in die Hand zu nehmen. Sie eignete sich eine individuelle Technik an, bei der sie ganz ohne Drehscheibe auskommt, und fertigt und verkauft seither erfolgreich Skulpturen. Stilistisch geht sie so viele Wege wie Pflanzenarten in ihrem Garten gedeihen.

Da lugen possierliche Erdmännchen aus dem hohen Gras oder watschelt eine Pinguin-Familie über den Rasen; da sitzen mollige Menschlein beim Bade am Teich oder bewachen bärtige Zausel ein Beet; manche Figuren erinnern an die Moai, jene rätselhaften Steinriesen der Osterinseln; anmutig wirken demgegenüber schlanke, nur angedeutete Frauensilhouetten. Ein kleines Faible hat Michaela Theis einerseits für nachgetöpferte Ammoniten (die versteinerten Kopffüßer symbolisieren das Leben, sagt sie), andererseits für genauso witzige wie komfortable Vogelhäuschen, in denen das pralle Piepmatzleben vor sich hin zwitschert.

All diesen Objekten dient der Garten als Freiluft-Galerie. Um Kunst und Natur nicht nur im Einklang zu halten, sondern die doppelte Hege und Pflege auch bewerkstelligen zu können, beginnen die Tage der Theisens früh. „Um 5 klingelt der Wecker“, ächzt Michaela. Im Winter heizt die Keramikerin dann ihre drei Öfen an  und brennt neue Objekte. Die Ideen dafür sammelt sie laufend, umgesetzt werden in der kalten Jahreszeit dann nur die besten. Zehntausend Tonnen Ton verarbeite sie pro Jahr – das dürfte deutschlandweit rekordverdächtig sein, schätzt die Kunsthandwerkerin.

Der Winter gehört außerdem all jenen, die das Kunsthandwerk des Töpferns erlernen wollen. Michaela Theis unterrichtet alljährlich rund 400 Interessierte – und zwar mit „Gelinggarantie“, betont sie. Kehrt dann langsam der Frühling aus seinem Winterschlaf zurück, beginnt die Gartensaison. Wie die leidenschaftliche Gärtnerin ihr Paradies am Leben erhält, hat sie in Buchform zusammengefasst. Darin beschreibt sie zum Beispiel ihr Konzept der „Räume“, die quasi Ordnung ins ums Haus  wuchernde Chaos bringen und als Bühne für ihre Kunst dienen. So bilden ein Steingarten, etliche Staudenbeete, der Senkgarten, zwei Kiesbeete oder das Rosarium die Freiluftzimmer.

Das Ehepaar pflanzt aber nicht nur zur Zierde. Im Gemüsegarten mitsamt Gewächshaus züchten die Gartler Sellerie, Mangold, Bohnen, Weiß- und Blaukraut und viele andere  Gemüsesorten. Neben dem Zuschneiden der Rosen gehört die Gemüseernte und Verarbeitung („Wir lieben Suppe!“) zu den Hauptaufgaben von Karl Theis. Er war es auch, der aus dem alten Birkenbestand den Natur-Zaun ums Beet baute. In dem Buch erklärt die Gartenkünstlerin auch, mithilfe welcher Tricks und Kniffe sie ein lebendiges und von Frühjahr bis Herbst fortlaufend blühendes Miteinander der unterschiedlichsten Pflanzen erschafft. Einer davon ist buchstäblich Mist. Im Herbst verteilt Michaela Theis tapfer Pferdemist über die Beete. Der Natur scheint´s zu behagen: Schließlich ranken und klettern und blühen und strahlen 170 Rosen, 60 Clematis-Sorten, Dahlien, Taglilien, Sonnenhut, Mädchenauge, Päonienmohn – die Liste nimmt und nimmt kein Ende. Genau wie die Gestaltungsideen von Michaela Theis. Hinfahren, staunen!

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