Dem Platzhirsch Paroli geboten

Christian Topel

Nach überliefertem Rezept stellt eine kleine Manufaktur Likör her. Der Hirschkuss bringt sogar Branchenriesen zum Zittern.

Eine Art Kräuterhexe im positiven Sinne sei Großtante Leni gewesen, erzählt Petra Waldherr-Merk, während sie in einem vergilbten Büchlein blättert. Die Seiten knistern und wirken zerbrechlich wie gepresstes Laub. Es handelt sich quasi um das Hexenbuch der verstorbenen Großtante, und gleichzeitig um den Grundstein für die unverhoffte Karriere der Erbin. Mit schwarzer Tinte, in für heutige Generationen kaum zu entziffernder Handschrift, hat die Dahingeschiedene unzählige Rezepte für Salben, Tinkturen und vor allem einen Kräuterlikör hinterlassen – ein Gebräu, von dem Waldherr-Merk inzwischen 300.000 Liter jährlich abfüllt und als „Hirschkuss“ in die ganze Welt verkauft. Eine sagenhafte Erfolgsgeschichte, deren märchenhafter Beginn verblasst vor jenem großen Krach, der schließlich den Durchbruch bedeutete. Doch dazu gleich.

Wie das Christkind wurde auch Waldherr-Merks Heilsbringer an Weihnachten geboren. Die engelsblonde Geschäftsfrau betrieb damals einen Laden für Antiquitäten, Möbel, Textilien und Wohnaccessoires und sinnierte, womit sie ihren Kunden eine kleine Freude machen könnte. Da fiel ihr jenes Büchlein ein. Kurzerhand setzte sie zuhause in der Küche den aus Zutaten wie Enzian, Melisse, Anis, Baldrianwurzel, Kümmel, Liebstöckel, Wacholder, Waldmeister, Arnika, Ingwerwurzel und einigen geheimen Kräutern bestehenden Likör an, füllte ihn in Fläschchen und verschenkte ihn. Bald verlangten die Beschenkten nach mehr, so sehr mundete das Getränk. Also entschloss sich die Lenggrieserin, einen eigenen Geschäftszweig aufzuziehen. Der Lebensgefährte ließ sich von der Muse küssen, infolgedessen kam 2005 der „Hirschkuss“ zur Welt. Bei der Gestaltung des Logos orientierte sich der Sohn am Wappen des Heimatorts – eine genauso geniale wie folgenreiche Idee.

Jenes Tier nämlich sollte dem Platzhirschen der Branche zum Dorn im Auge werden. Es folgte die sprichwörtliche David gegen Goliath Geschichte. Es folgte die sprichwörtliche David gegen Goliath Geschichte. Eine Geschichte, die Petra Waldherr-Merk schon hunderte Male diktiert haben muss, so reibungslos rattert sie das Wunder herunter: Wie die Mast AG den Eintrag der Marke „Hirschkuss“ beim  Patentamt spitz kriegte und sofort losröhrte. Denn das gesamte Revier, so befanden die Produzenten des nach jahrelanger Durststrecke wiedererstarkten „Jägermeister“, sei reserviert. Kein Platz für fremde Hirsche! Wie der Absatz des Likörs aber stetig stieg; wie inzwischen zehntausend Liter pro Jahr im heimatlichen Keller von Freunden und Verwandten in die eigens angeschafften Bügelflaschen abgefüllt wurden. „Wir sind weiter und weiter in etwas hineingestolpert, von dem  wir keine Ahnung hatten“, sagt die Likörfabrikantin – und meint sowohl die rechtliche  Auseinandersetzung wie auch die Produktion und den Vertrieb des Getränks.

Über 20 Mitarbeiter arbeiten heute am neuen Standort, in der „Genussmanufaktur“ in Gaißach, südlich von Bad Tölz. Ein Gebäude, wiederum mit vorgelagertem Laden, das den Geist der Marke gut widerspiegelt. Das viele Holz fügt sich perfekt in die Gegend ein, zeigt, dass man geerdet bleibt, seine Wurzeln nicht vergessen hat. Über die Produktion wacht ein hölzerner Erzengel Michael, Schutzpatron der Gemeinde. Die Konstruktion, die die eigentliche Abfüllanlage beherbergt, ruht auf Säulen, die einem viktorianischen Herrenhaus entstammen. Waldherr-Merk stöbert gern auf Flohmärkten. Sie liebt diese Mischung aus Alt und Neu, Kontraste wie den zwischen den leicht angerosteten Eisengeländern und den glänzenden Edelstahltanks, in denen Alkohol, Zucker und das Mazerat (also der zuvor angesetzte Kräutersud) schließlich vermengt werden. Die Abfüllung und Etikettierung geschehen nach wie vor per Hand. Rund 1.000 Flaschen täglich.

Warum aber darf das Rudel wieder so beschaulich und ungestört sich hin werkeln? Wie kam es, dass der große Konkurrent aus Wolfenbüttel die bayerischen Provinzler nicht vom Markt fegte? Glück, Zufall und nicht zuletzt, räumt Petra Waldherr-Merk zwinkernd ein, ihr eigener Sturkopf spielten  dabei zusammen. Nachdem die Medien von dem Fall Wind bekommen hatten, fegte eine Welle der Sympathie über das Unternehmen hinweg. Unterstützung, mit der freilich auch eine enorme Erwartungshaltung verbunden gewesen sei, erinnert sich die 47-Jährige. Gottlob gesellte sich auch ein Fachanwalt in die Schar der Unterstützer. Während der „Hirschkuss“ als Zeichen des guten Willens sein Logo in die heutige Form mit den knutschenden Hirschen brachte, stritt sich der Anwalt mit der Mast AG. Ein erster Erfolg: das Patentamt München folgte der Argumentation des „Herausforderers“. Die Marke bekam ihren Eintrag. Jägermeister bäumte sich zwar abermals auf, drohte und lockte, doch das Familienunternehmen hielt stand. Für die Geschäftsführerin übrigens die Geburtsstunde eines zweiten Standbeins: als „Starkmacherin“ gibt sie Mentalcoachings für kleinere und mittelgroße Unternehmen sowieso Einzelcoachings für Privatpersonen.

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